Die Frage nach einem neuen Sein

Tatsudo Nicole Baden eröffnete ihren Vortrag mit einer nachdenklichen Diagnose unserer Zeit. Viele Menschen, so Baden, stünden heute gleichzeitig vor globalen Krisen und persönlichen Herausforderungen: ökologische Kipppunkte, politische Spannungen, gesellschaftliche Spaltungen und existentielle Ängste. Ohnmacht und Nichtwissen prägten diese Erfahrung. Zugleich sei spürbar, dass ein tiefgreifender Wandel notwendig werde – ein neues Sein, das sich jedoch noch nicht klar abzeichne.

Baden betonte, dass sie bei solchen Zusammenkünften stets auf das Entstehen von etwas Neuem hoffe. Denn gerade im Bewusstsein der drohenden ökologischen und sozialen Krisen stelle sich die Frage, wie Mitgefühl und menschliche Verantwortung in dieser Zeit konkret Gestalt gewinnen könnten.

Leben vor den Kipppunkten

Im Rückgriff auf aktuelle wissenschaftliche Debatten sprach Baden von mehreren Arten sogenannter „Kipppunkte“:

Wir lebten, so Baden, „vor den Kipppunkten“ – in einer Phase der Unsicherheit, in der niemand wisse, was genau bevorstehe. Gerade in dieser Ungewissheit liege die Aufgabe spiritueller und menschlicher Reifung.

Mitgefühl als Antwort auf Ungewissheit

Aus ihrer Sicht erfordert unsere Zeit vor allem zwei grundlegende Fähigkeiten:

  1. Einen bewussten Umgang mit Ungewissheit und Mehrdeutigkeit. Statt in Verzweiflung oder Resignation zu verfallen, gelte es, Nichtwissen als Ausgangspunkt für klares, entschlossenes Handeln zu begreifen.
  2. Die Fähigkeit des echten Zuhörens. Das bedeute mehr als Informationsaufnahme – nämlich das Einfühlen in andere Perspektiven, das Loslassen eigener Gewissheiten und das Aufnehmen neuer Sichtweisen.

Diese beiden Haltungen bildeten, so Baden, die Basis für jede Form von Mitgefühl, das nicht bloß gefühlsmäßig, sondern erkenntnishaft und verantwortlich sei.

Die Perspektive des Zen

Baden stellte klar, dass Zen keine einheitliche Lehre darstelle. Jede Gemeinschaft und jede Linie habe ihre eigenen Formen, Rituale und impliziten Annahmen. Entscheidend sei jedoch die Erfahrungsmöglichkeit des reinen Bewusstseins – ein Zustand jenseits des Ego, frei von Konzepten, zugleich einfach, gegenwärtig und unmittelbar.

Im Zentrum ihres Vortrags stand die Erfahrung des Nicht-Getrenntseins: die Einsicht, dass alle Wesen „im selben Boot“ sitzen – über Generationen hinweg, durch Raum und Zeit verbunden. Diese Erfahrung sei die eigentliche Grundlage von Mitgefühl: nicht sentimentales Mitleiden, sondern das tiefe Bewusstsein gemeinsamer Existenz.

Drei zentrale Fähigkeiten

Aus dieser Sichtweise leitete Baden drei Kernkompetenzen kontemplativer Praxis ab:

Mitgefühl sei dabei kein festgelegtes moralisches Programm, sondern ein offener Prozess, der sich aus dem unmittelbaren Kontakt mit der jeweiligen Situation entwickle.

Bewusstsein und Identität

Baden erläuterte, dass wir gleichzeitig in drei Erfahrungsdimensionen leben:

  1. Als persönliche Identität mit Geschichte, Vorlieben und Abneigungen.
  2. Als lebendiger Körper inmitten einer lebendigen Welt – „zwischen Himmel und Erde“.
  3. Als formlose Präsenz, die sowohl Vergänglichkeit als auch Möglichkeit in sich trägt.

Bewusst zu leben heiße, diese drei Ebenen zu integrieren und aus dieser Ganzheit zu handeln.

Mitfühlendes Handeln: das AWARE-Modell

Zum Abschluss stellte Baden ein praxisorientiertes Schema für mitfühlendes Handeln vor, das sie „AWARE“ nennt. Es beschreibt fünf Schritte, um in herausfordernden Situationen bewusst und mitfühlend zu agieren:

  1. A – Anker setzen: zur eigenen Praxis und inneren Ruhe zurückkehren.
  2. W – Willkommen heißen: die Situation annehmen, wie sie ist, ohne Widerstand.
  3. A – Aktiviere den höchsten Wert: sich fragen, wer man im Rückblick gern gewesen wäre.
  4. R – Release: alles loslassen, was diesem höchsten Wert nicht entspricht.
  5. E – Entstehende Handlung: aus der Situation heraus handeln – offen, verbunden, präsent.

So werde Bewusstheit zu einem Werkzeug praktischer Mitmenschlichkeit.

Situatives Handeln statt Regelbefolgung

Auf die Frage, ob das Fehlen fester Regeln nicht zu Beliebigkeit führe, antwortete Baden, dass in komplexen Krisenlagen starre Regelwerke häufig versagten. Situatives, präsentes Handeln sei in solchen Momenten der einzig angemessene Weg. Weisheit bestehe darin, zu erkennen, wann Orientierung an Regeln sinnvoll sei – und wann das unmittelbare Erfassen der Lage Vorrang haben müsse.

Hoffnung als Haltung

Abschließend sprach Baden über den Begriff der Hoffnung. Hoffnung bedeute nicht den Glauben, dass alles gut werde, sondern die Fähigkeit, trotz Ungewissheit das Richtige zu tun. Gesellschaftlicher Wandel brauche keine totale Mehrheit – oft genüge eine Minderheit, die neue Wege vorlebt.

Jede einzelne Handlung, so Baden, sei ein Faden im Gewebe des gemeinsamen Lebens. Mitgefühl bedeute, dieses Gewebe bewusst mitzuwirken – in Präsenz, Wahrhaftigkeit und Verbundenheit.

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