Zen als lebendige Praxis
Manfred Rosen, Zen-Meister und spiritueller Wegbegleiter in der Nachfolge von Willigis Jäger, sprach auf der Tagung „Zen und die Zukunft“ über die Entwicklung des Zen im Westen. Gleich zu Beginn betonte er, dass seine Ausführungen keine allgemeingültige Wahrheit beanspruchen, sondern persönliche Einsichten seien, die zur Orientierung dienen können. Zen sei vor allem Praxis, keine Theorie: Wer verstehen wolle, müsse sitzen, üben, erfahren – wie jemand, der die französische Küche nicht aus Büchern, sondern durch das Schmecken begreift.
Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft
Rosen richtete den Blick auf die Herausforderungen der kommenden Generationen: Klimawandel, Krieg, ökologische und soziale Krisen. Jede Epoche habe ihre Prüfungen, doch die kommenden Zeiten könnten besonders fordernd sein. Hier könne Zen einen Beitrag leisten – nicht durch dogmatische Antworten, sondern durch die Schulung einer inneren Haltung, die Leiden mindert und Orientierung inmitten von Unsicherheit bietet.
Ein zentrales Anliegen Rosens war die Frage, wie Zen heute junge Menschen erreichen könne. Die Generation der 1970er-Jahre, zu der auch er gehört, suchte in Aufbruchsstimmung nach Bewusstseinserweiterung – damals oft mithilfe von Drogen oder östlicher Spiritualität. Heute gehe es darum, Wege zu öffnen, die direkt erfahrbar, einfach und nicht kommerzialisiert sind.
Vom Osten in den Westen: Eine historische Spur
Rosen zeichnete einen Überblick über den Weg des Zen nach Westen:
Von Bodhidharma, der den Buddhismus von Indien nach China brachte, über die Verschmelzung mit dem Daoismus zum Chan, weiter nach Japan und schließlich in den Westen.
Ein entscheidendes Ereignis war 1893 der Weltkongress der Religionen in Chicago, auf dem der Gelehrte D.T. Suzuki erstmals Zen-Texte ins Englische übertrug. In den 1950er- und 1960er-Jahren wurde Zen durch die „Beat Generation“ (Jack Kerouac, Allen Ginsberg) populär. In den 1970er-Jahren entstanden die ersten Zen-Zentren in Europa und den USA – etwa durch Taisen Deshimaru in Frankreich oder Shunryu Suzuki in Kalifornien.
Willigis Jäger und die Linie „Leere Wolke“
Einen zentralen Platz nahm Willigis Jäger ein, Benediktinermönch, Mystiker und einer der bedeutendsten Brückenbauer zwischen Zen und westlicher Spiritualität. Nach seiner Ausbildung in Japan bei Yamada Koun kehrte er nach Deutschland zurück und gründete das Haus St. Benedikt in Würzburg. Dort entwickelte er eine spirituelle Praxis, die kontemplatives Christentum und Zen verband.
2009 gründete Jäger gemeinsam mit seinen Nachfolgern die Zen-Linie „Leere Wolke“, die eine westliche Ausprägung des Zen anstrebt. Sie versteht sich als eigenständige Laienlinie, offen für Menschen aller Konfessionen und Lebensformen. Entscheidend ist nicht die Zugehörigkeit, sondern die Erfahrung der Einheit allen Lebens.
Rosen hob hervor, dass die heutige Gemeinschaft nicht nur organisatorisch weiterwirkt, sondern auch in intensiver Forschungsarbeit die alten Texte neu befragt. In langen gemeinsamen Arbeitsprozessen setzen sich Lehrerinnen und Lehrer der Linie mit den ursprünglichen buddhistischen Quellen – etwa dem Palikanon – auseinander, vergleichen sie mit späteren Zen-Schriften und suchen nach einer klaren, zeitgemäßen Sprache. So entsteht eine lebendige westliche Zen-Kultur, die Altes nicht übernimmt, sondern prüft, verwandelt und erneuert.
Die Linie „Leere Wolke“ wird heute kollektiv von fünf Meistern – drei Frauen und zwei Männern – geleitet. Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, was eine neue Form spiritueller Verantwortung ausdrückt.
Zen als Erfahrung der Verbundenheit
Im Zentrum von Rosens Verständnis steht die Einsicht in die Bedingtheit allen Lebens.
Es gibt kein festes Selbst, keine bleibende Substanz, keinen „Urgrund“. Alles entsteht in Wechselwirkung, in jedem Augenblick neu. Wir sind der Welt nicht gegenübergestellt – wir sind die Welt.
Diese Erkenntnis führt zu einer Ethik, die nicht auf Dogmen oder Geboten beruht, sondern aus unmittelbarer Einsicht erwächst. Mitgefühl entsteht nicht als moralische Pflicht, sondern als spontane Folge des Erwachens: Wenn ich erfahre, dass ich nicht getrennt bin, entsteht Mitgefühl natürlich und grenzenlos – auch gegenüber Tieren und der Umwelt.
Lehre und Lehren: Eine Gemeinschaft in Bewegung
Rosen beschrieb, wie aus dem kollektiven Forschen seiner Gemeinschaft ein Buchprojekt entstand, das die Lehre, das Lehren und die Lehrenden in klaren Thesen zusammenfasst. Dieses Werk soll kein fertiges Handbuch sein, sondern ein offenes Übungsbuch, in dem Schüler:innen ihre eigenen Einsichten und Erfahrungen notieren können.
So bleibt Zen kein abgeschlossenes Lehrsystem, sondern ein fortlaufender Dialog zwischen Erfahrung, Reflexion und Praxis.
Lehren bedeutet hier nicht, Wissen zu vermitteln, sondern Bedingungen zu schaffen, damit Einsicht entstehen kann. Der Lehrer ist Begleiter, nicht Autorität. Jeder Augenblick ist neu, jede Einsicht vorläufig – und das Leben selbst bleibt der eigentliche Lehrer.
Zen und die jungen Generationen
Am Ende wandte sich Rosen der Zukunft zu. Junge Menschen seien heute vielfach verunsichert – zwischen digitalen Reizen, Klimakrisen und Identitätsfragen. Zen könne hier eine Schule der offenen Weite sein: eine Praxis, die zu innerer Ruhe, Klarheit und Selbstwirksamkeit führt.
Das forschende Lesen alter Texte, das stille Sitzen, das gemeinsame Fragen – all das bildet eine Brücke zwischen Tradition und Gegenwart. Zen im Westen zeigt sich damit als lernende, dialogische Bewegung, die Altes nicht bewahrt, sondern immer neu verkörpert.
Wenn ein Mensch erfährt, dass er nicht getrennt ist vom Leben selbst, verliere Angst ihre Macht. Bedürfnisse nach Macht, Einfluss oder Besitz verlören an Bedeutung. Was bleibe, sei das unmittelbare Tun dessen, was im Augenblick zu tun ist – einfach, klar, gegenwärtig.
Schlusswort: Leben in offener Weite
„Ich bin nicht getrennt von diesem Leben“, sagte Rosen, „und wenn ich das wirklich erfahre, kann mir nichts mehr geschehen.“
Zen im Westen bedeute daher nicht, östliche Formen zu kopieren, sondern die Essenz dieser Erfahrung – Präsenz, Mitgefühl, Nicht-Getrenntheit – in unsere Lebenswelt zu inkulturieren.
So wird Zen zu einer Haltung, die im Alltag wurzelt, im Dialog lebt und in jedem Augenblick neu beginnt – als Ausdruck eines Lebens in offener Weite.