Vom Sprechen ins Spüren

Christian Dillo beginnt seinen Vortrag mit einem Dank für die Einladung und der Freude über die Begegnungen, die im Vorfeld der Tagung entstanden sind. Schon zu Beginn macht er deutlich: Es geht nicht um abstraktes Denken, sondern um das Erleben – um das, was wir am eigenen Leib spüren. Er beschreibt, wie unsere moderne Welt eine ständige Einladung zur Entkörperlichung ist. Zwischen Bildschirm, Konzept und Kontrolle verlieren wir leicht den Kontakt zum Leib, zur Erde und zu unserer unmittelbaren Erfahrung.

Für Dillo ist das leibliche Spüren ein Zur‑Ruhe‑Kommen im Zuhause des Seins. Entfremdung, sagt er, beginnt dort, wo wir nicht mehr ganz da sind. „Nicht bei sich zu sein ist ein fremder Zustand.“

Leibliches Spüren – das Zuhause des Menschen

Dillo erinnert daran, dass die Art, wie wir den Körper halten, unsere Wahrnehmung verändert. Wenn wir auf einem Stuhl sitzen, sind wir oft „von der Erde entfernt“. Auch der Blick auf Bildschirme saugt unsere Aufmerksamkeit weg vom Leib. Praxis bedeutet deshalb, die leibliche Spürenswirklichkeit präsent zu halten, mitten in einer Welt, die uns beständig einlädt, sie zu vergessen.

Er nennt das leibliche Spüren ein „Nach‑Hause‑Kommen“. Es ist die Erfahrung, bei sich zu sein, ganz da zu sein. Wenn wir aus dieser Spürenswirklichkeit handeln, entsteht Mitgefühl – nicht als moralische Anstrengung, sondern als unmittelbare Resonanz.

Die Welt als Gewebe von Situationen

Die Welt, sagt Dillo, besteht nicht aus Dingen, sondern aus ineinander eingebetteten Situationen. Eine Situation ist eine Ganzheit – nicht reduzierbar auf einzelne Bestandteile. Jede Situation ist dynamisch und einzigartig. Sie kann nicht reproduziert oder kontrolliert werden.

Er beschreibt, wie wir Situationen auf zweierlei Weise „haben“ können: entweder als Konzept – dann sind wir außerhalb der Situation – oder als leibliches Spüren – dann sind wir innen. Wer aus der Situation heraus spricht, nimmt nicht Abstand, sondern handelt aus Verbundenheit.

Der angemessene nächste Schritt

Dillo erzählt eine Geschichte aus dem Shōbōgenzō von Dōgen. Ein Mönch fragt: „Wenn die zehntausend Dinge auf einmal kommen – was soll man dann tun?“ Der Meister antwortet: „Versuche sie nicht zu kontrollieren.“ Und er fügt hinzu: „Es sind gar keine Dinge.“

Für Dillo steckt darin eine tiefe Weisheit: Die Welt ist keine Ansammlung von Objekten, sondern ein untrennbares Gewebe. Wenn wir versuchen, sie zu kontrollieren, verlieren wir die Resonanz. Stattdessen gilt es, dem Prozess zu vertrauen. Weisheit zeigt sich, wenn wir auf die innere Stimmigkeit hören – auf das Gefühl, wenn etwas „so stimmt“.

Zeitloses Fließen und Gegenwart

Dillo beschreibt die Erfahrung der Gegenwart als ein „zeitloses Fließen“. Etwas bleibt – ein Erfahrungsraum – während sich in ihm alles verändert. Weisheit ist, wenn die Gegenwart sich in die Gegenwart fortsetzt. Unser Leben ist eine „Fortsetzungsordnung“. Wir sind selbst Teil der Situation, die sich fortsetzt – Schritt für Schritt.

Er zitiert ein Koan, in dem ein Mönch fragt: „Was ist die Lehre einer ganzen Lebenszeit?“ Die Antwort lautet: „Eine angemessene Antwort.“ – Weisheit ist nichts Abgeschlossenes, sondern das fortwährende Finden einer angemessenen Antwort auf das, was geschieht.

Vertrauen statt Kontrolle

In einer komplexen Welt können wir nicht alles rational begründen. Dillo nennt das Gegenteil von Kontrolle Vertrauen. Wir können lernen, auf das Gefühl der inneren Richtigkeit zu hören. Dieses Gefühl entsteht, wenn sich etwas löst – wenn ein Wort, eine Handlung, eine Entscheidung „passt“. Dann öffnet sich ein Raum der Leichtigkeit und Klarheit.

Er betont, dass Vertrauen kein blindes Sich‑Treibenlassen ist. Es geht um das Zusammenspiel von Spüren und Überprüfen, von intuitivem Wissen und reflektierter Erfahrung. Wir lernen, uns selbst und dem Leben zu trauen.

Einfach nur sitzen

Dillo verweist auf die zentrale Praxis des Zen: Shikantaza – einfach nur sitzen. Dabei geht es nicht darum, Gedanken anzuhalten oder eine bestimmte Erfahrung zu erzwingen. Es geht darum, dass der Geist den ganzen Körper durchdringt. Wir atmen nicht nur mit der Nase oder der Brust, sondern mit dem ganzen Körper. In diesem Atem öffnet sich ein Raum, der größer ist als der Körper selbst.

Er formuliert es schlicht: „Erlaube deinem Erleben, genauso zu sein, wie es jetzt ist.“ Wenn wir das tun, braucht es keine Kontrolle. Der Raum des Gewahrseins erlaubt alles – wie der physische Raum nie etwas ausschließt. In diesem Raum gibt es Frieden, weil nichts ausgeschlossen werden muss.

Spirituelles Bypassing – die subtile Flucht

John Welwood prägte den Begriff des spirituellen Bypassings: das Umgehen von schwierigen Gefühlen durch spirituelle Praktiken. Dillo greift das auf: Auch Meditation kann eine Flucht sein. Manchmal ist sie ein notwendiger Schutz, wenn eine Erfahrung zu überwältigend wäre. Doch oft vermeiden wir etwas, das wir halten könnten.

Er rät: „Lass uns in Zukunft weniger spirituelles Bypassing machen.“ Wenn wir merken, dass wir etwas vermeiden, können wir üben, dazubleiben – auch im Schmerz oder in der Unruhe. So entsteht Reifung. Wir erleichtern nicht nur uns selbst, sondern auch anderen das Leben.

Atmosphäre, Raum und Verantwortung

In der Diskussion wird gefragt, ob sich Räume nicht doch „beschweren“ können. Dillo antwortet differenziert: Räume haben Atmosphären – besonders dort, wo Leid geschehen ist. Diese Atmosphären spüren wir am eigenen Leib. Doch der leere Raum selbst beschwert sich nicht. In ihm ist alles erlaubt.

Dieses Spüren verbindet uns mit Verantwortung: Wenn wir an einem Ort spüren, dass dort Schmerz oder Schuld liegt, können wir antworten – nicht aus moralischer Pflicht, sondern aus leiblicher Resonanz.

Zen und die Welt

Auf die Frage, ob Zen‑Erkenntnisse politisch anwendbar sind, antwortet Dillo: Zen lässt sich nicht als Rezept auf die Welt anwenden. Weisheit entsteht nicht durch Argumentation, sondern durch Verlangsamung und Spüren. Wenn Worte nicht gespürt werden, sind sie nur aneinandergereihte Zeichen. Daher zieht sich die wahre Weisheit oft aus der lauten Welt zurück – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Tiefe.

Doch aus der eigenen Erfahrung heraus können wir die Welt verändern – durch Beispiel und Lebensgestaltung. Wer die ökologische Krise ernst nimmt, sagt Dillo, solle sich fragen: „Was liegt mir wirklich am Herzen?“ Und dann den Mut haben, das Leben daran auszurichten. Weisheit ist, das Wesentliche zur eigenen Aufgabe zu machen.

Schluss: Weisheit als Beziehung

Zum Ende fasst Dillo zusammen: Weisheit gehört niemandem. Sie ist kein Besitz, sondern ein lebendiger Prozess. Sie geschieht, wenn wir dem Leben antworten – angemessen, spürend, gegenwärtig.

„Weisheit“, sagt er, „ist eine angemessene Antwort.“ Sie entsteht in der Beziehung zwischen Welt und Leib, zwischen Zuhören und Handeln. Wenn wir dem Spüren vertrauen, zeigt sich der Weg Schritt für Schritt – klar, lebendig und menschlich.

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