Verkörperte Präsenz: Zen, Traumaheilung und die Intensive Body Awareness Practice (IBAP)

Die moderne Traumaforschung beginnt zunehmend etwas zu bestätigen, das kontemplative Traditionen seit Jahrhunderten betonen: Menschen verändern sich nicht allein durch Einsicht. Es genügt oft nicht, etwas über sich zu verstehen. Entscheidend ist, ob wir uns selbst auch unmittelbar spüren können.

Als Zenlehrer ist mir über die Jahre immer wieder etwas aufgefallen. Menschen konnten über lange Zeit meditieren und dabei eine bemerkenswerte Klarheit entwickeln. Sie verstanden ihre Gedankenmuster, konnten Gefühle beobachten und über ihre Erfahrungen reflektieren. Und doch begegnete ich immer wieder Menschen, die gleichzeitig unter innerer Anspannung litten, Schwierigkeiten mit Nähe hatten oder kaum wahrnahmen, was in ihrem Körper gerade vorging.

Weshalb entsteht manchmal mehr Bewusstheit, doch ohne dass sich diese Bewusstheit wirklich verkörpert, d.h. im Körper als gelebtes Wissen verankert?

Viele Menschen kennen folgende Erfahrungen aus ihrem Alltag. Sie würden jedoch nie von einem Trauma sprechen. Der Wecker klingelt, man steht auf, beantwortet bereits beim Frühstück die ersten Nachrichten, fährt zur Arbeit und arbeitet eine Aufgabe nach der anderen ab. Vielleicht wollte man nur noch kurz eine E-Mail beantworten – und plötzlich sind zwei Stunden vergangen.

Irgendwann meldet sich der Körper. Die Schultern verspannen sich. Der Nacken wird hart. Die Augen werden müde. Vielleicht verhärtet sich der Bauch . Doch oft nehmen wir diese Signale kaum wahr, höchstens vielleicht als Hintergrundrauschen, denn es gibt noch zu viel zu erledigen.

Manche Menschen beschreiben das später so: „Ich habe den ganzen Tag funktioniert.“ Eine funktionierende Seite war aktiv. Erst am Abend, wenn sie erschöpft auf dem Sofa sitzen, wird ihnen bewusst, wie angespannt oder erschöpft sie eigentlich sind.

Ähnliches geschieht in Beziehungen. Die Partnerin oder der Partner macht eine kritische Bemerkung, und schon reagiert unser Körper automatisch, macht irgendwie dicht. Manche ziehen sich zurück und werden still. Andere beginnen sofort zu argumentieren oder sich zu verteidigen. Wieder andere versuchen, alles sachlich zu erklären. Oft merken wir erst viel später, was eigentlich geschehen ist. Vielleicht waren wir kurz verletzt. Vielleicht hatten wir Angst, nicht verstanden zu werden oder hätten uns einfach gewünscht, gesehen zu werden.

Das eigentliche Problem besteht dabei häufig nicht darin, dass Menschen keine Einsicht in ihre Muster hätten. Viele erkennen ihre Muster kognitiv sehr gut. Die Frage ist jedoch, wann diese Erkenntnis auftaucht. Oft kommt sie erst im Nachhinein – nachdem der Körper längst Signale gesendet hat, die übergangen wurden.

Die heutige Traumaforschung betrachtet Trauma deshalb nicht mehr nur als Erinnerung an belastende Ereignisse. Zunehmend wird Trauma auch als ein Zustand verstanden, der sich im Nervensystem ausdrücken kann.

Manche Menschen leben dauerhaft in einer subtilen Alarmbereitschaft. Sie sind leistungsfähig und funktionieren gut, stehen innerlich jedoch ständig unter Strom. Andere fühlen sich häufig leer, abgeschnitten oder wie hinter einer Glasscheibe vom eigenen Leben getrennt. Und wieder andere wirken nach außen vollkommen ruhig, tragen aber eine tiefe Anspannung in sich, die sie kaum noch bemerken, weil sie ihnen selbstverständlich geworden ist.

Wie wir mit Stress, Nähe oder schwierigen Gefühlen umgehen, wird oft schon früh geprägt. Viele Menschen haben gelernt, ihre Gefühle zurückzuhalten, sich anzupassen oder stark zu sein. Viele fühlten sich nicht wahrgenommen, wurden nicht liebevoll behandelt, haben sich für andere nicht als bedeutungsvoll erlebt. Vielleicht war wenig Raum für Angst, Wut oder Verletzlichkeit. Vielleicht wurde man vor allem dann gelobt, wenn man funktionierte oder keine Probleme machte.

Solche Anpassungsleistungen können sehr hilfreich sein. Sie ermöglichen es Kindern, schwierige Situationen zu bewältigen. Gleichzeitig kann dabei etwas verloren gehen: der unmittelbare Kontakt zum eigenen inneren Erleben.

Deshalb spielt in der modernen Traumaforschung ein Begriff eine immer wichtigere Rolle: Interozeption.

Gemeint ist damit die Fähigkeit, die Signale des eigenen Körpers wahrzunehmen. Den Atem. Den Herzschlag. Spannung und Entspannung. Wärme. Enge. Lebendigkeit. Die feinen körperlichen Resonanzen, die oft schon lange vorhanden sind, bevor wir bewusst sagen können: „Ich bin gestresst“, „Ich bin traurig“ oder „Das wird mir gerade zu viel.“

Wer einen guten Zugang zu diesen Signalen hat, bemerkt häufig früher, wenn Stress entsteht. Er spürt, wann eine Grenze erreicht ist. Er merkt vielleicht schon während eines Gesprächs, dass sich etwas zusammenzieht oder dass eine Pause nötig wäre.

Andere dagegen nehmen solche Signale erst wahr, wenn sie bereits erschöpft, überfordert oder emotional überwältigt sind.

Genau hier setzt die Intensive Body Awareness Practice (IBAP) an.

Die Praxis entstand aus der Verbindung von Zen-Meditation, Körpergewahrsein, Interozeptionsschulung, der bewussten Wahrnehmung von Räumlichkeit sowie mitgefühlsbasierter Praxis.

Der Einstieg erfolgt nicht direkt über stilles Sitzen. Zunächst wird der Körper vorbereitet. Durch einfache Bewegungen, Elemente aus Tsa Lung und Yoga sowie durch angeleitete Selbstmassagen von Muskulatur und Faszien.

Viele Teilnehmende erleben dabei etwas Überraschendes. Erst während der Selbstmassage merken sie, wie viel Spannung sie ständig mit sich herumtragen. Plötzlich werden Schultern, Kiefer oder Brustraum deutlich spürbar und lockerer. Der Körper wird warm und weich.

Nicht selten höre ich nach einem Kurstag Sätze wie: „Ich wusste gar nicht, wie verspannt ich bin.“ Oder: „Zum ersten Mal seit Langem habe ich das Gefühl, wieder ganz in meinem Körper angekommen zu sein.“ Oder: “Ich bin noch nie so liebevoll mit meinem Körper umgegangen.” 

Die Körperarbeit dient dabei nicht einfach der Entspannung. Sie verfeinert die Wahrnehmung. Der Körper wird deutlicher erfahrbar, weil die Nervenenden in den Faszien aktiviert werden, wodurch die Reizleitung sich verbessert. Die sog. sensorische oder interozeptive Signalqualität wird erhöht, wodurch die Körperpräsenz inentiviert wird. Die anschließende Meditation beginnt daher nicht bei einem abstrakten Gedanken über Achtsamkeit, sondern bei einer lebendigen Erfahrung von achtsamer Körperpräsenz. Daher wird der anschliessende Bodyscan zum Kinderspiel. Anschliessend folgt eine Meditation, bei der die Raumwahrnehmung sicher erweitert. Aus evolutionsbiologischer Sicht ist die Wahrnehmung von Raum und Bewegung eine der ältesten Funktionen des Nervensystems. Die darauf aufbauende Dankbarkeits- und Metta-Meditation entwickelt sich ebenfalls über sich entfaltete Raumwahrnehmungen.

Viele Menschen tragen mehr oder weniger bewusst Überzeugungen in sich wie:

„Ich darf nicht zu viel fühlen.“
„Ich muss mich zusammenreißen.“
„Mit mir stimmt etwas nicht.“
„Ich bin nur sicher, wenn ich die Kontrolle behalte.“

Solche Muster existieren nicht nur als Gedanken. Sie zeigen sich häufig auch im Körper und im Nervensystem. Deshalb reicht rein kognitive Einsicht oft nicht aus.

Der Psychotherapeut und buddhistische Lehrer John Welwood beschrieb mit dem Begriff „Spiritual Bypassing“ eine Haltung, die auch in spirituellen Kreisen vorkommen kann: Wir beobachten alles, aber wir fühlen wenig. Wir sprechen über Bewusstheit, bleiben aber auf Distanz zu unserem Schmerz. Wir versuchen, Erfahrungen zu transzendieren, bevor wir sie wirklich körperlich gespürt haben.

Manche Menschen lernen sehr gut zu meditieren. Sie können Gedanken beobachten und innere Prozesse analysieren. Gleichzeitig fällt es ihnen schwer, ihre eigene Verletzlichkeit wahrzunehmen oder sich selbst mit Freundlichkeit zu begegnen.

Die IBAPraxis versucht deshalb, Bewusstheit und Verkörperung wieder stärker zusammenzuführen. Es handelt sich um eine Einladung, den eigenen Körper, seine Wachheit und Energie, die Gefühle und die Lebendigkeit unmittelbar verstärkt wahrzunehmen.

Dann geht es nicht darum, den Körper zu überwinden, sondern darum, ihn bewusster und energievoller zu spüren, damit unsere Einsichten vom Kopf in den Körper hinunter gleiten.

Vielleicht liegt genau darin die tiefere Bedeutung kontemplativer Praxis: nicht irgendwo anders anzukommen, sondern immer tiefer hier anzukommen.

Im Körper.
Im Fühlen.
In der Bewusstheit.
Im offenen Herzen.
Und in den Beziehungen, aus denen unser Leben besteht.

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