Kōan Nr. 85 aus dem Hekiganroku

Ein Mönch fragte Ehrwürden Zhao-zhou: „Hat sich ein neugeborenes Kind gleichfalls die Sechste [Art des] Erkennens bereitet oder nicht?“

Zhao-zhou sagte: „Ein Ball, der auf ungestümem Wasser hierhin und dorthin springt!“

Später fragte der Mönch auch Tou-zi: „Dieser „Ball, der auf ungestümem Wasser hierhin und dorthin springt“ – worauf will [das] hinaus?“

Tou-zi sagte: „[Auf ein] Denken, das nicht aufhört dahinzuströmen!“

Vers

„Die sechste [Art des] Erkennens untätig?“ – [diese] eine Frage stellt [sich];
Die [beiden] Könner haben gemeinsam [deren] Herkunft klargestellt:
Endlos [lässt] ungestümes Wasser den Ball hierhin und dorthin springen;
Sein Aufprallen nimmt kein Ende – wer vermag [das] recht zu verstehen?


Kommentar

Dieses Kōan stellt eine Frage, die auf den ersten Blick technisch wirkt, in Wirklichkeit aber ins Zentrum unserer Erfahrung führt: Hat ein neugeborenes Kind bereits jene Fähigkeit, durch die wir die Welt als etwas erfassen? Und wenn ja oder nein – was bedeutet das für uns selbst?

Die Ankündigung macht sofort klar, dass jede einfache Antwort scheitern muss. Wer sagt „ja“, landet in Begriffen, Ansichten, Meinungen, Konzepten; wer sagt „nein“, verfehlt die Wirklichkeit. Damit ist die Richtung vorgegeben: Es geht nicht um eine Theorie, sondern um eine phänomenologische Klärung dessen, was überhaupt geschieht, wenn wir etwas erleben.

Wenn wir genau hinschauen, beginnt Erfahrung nicht bei Dingen.

Betrittst du einen Raum, ist da nicht zuerst „ein Tisch“, „eine Person“, „eine Situation“. Zuerst ist da etwas wie eine Stimmung: eine Spannung, eine Weite, eine Schwere oder eine Leichtigkeit. Dieses erste Moment ist kein Gedanke, kein Begriff, kein klar abgegrenztes Objekt. Es ist ein leibliches Spüren, eine Atmosphäre – so, wie es der Phänomenologe Hermann Schmitz beschrieben hat. Dieses Spüren ist vor-sprachlich und unmittelbar. Es ist nicht im Kopf lokalisiert, sondern im ganzen Körper spürend erfahrbar.

Hier berührt sich die Analyse mit der Frage nach dem Neugeborenen. Ein Säugling verfügt noch nicht über eine stabile Bedeutungswelt, keine Sprache, keine festen Begriffe. Aber er ist keineswegs „ohne Erfahrung“. Im Gegenteil: Seine Welt ist vermutlich gerade in diesem Sinne reich – als ein Feld von Spüren, von Nähe und Distanz, von Spannung und Entspannung. Was fehlt, ist nicht jede Form von Erkennen, sondern die Verfestigung von Bedeutungen.

Doch unsere eigene Erfahrung als Kinder, Jugendliche und Erwachsene bleibt nicht auf dieser Ebene stehen.

Fast augenblicklich geschieht ein Übergang vom blossen Spüren zum Erkennen. Die Situation erscheint “als etwas”. Der Raum ist „angespannt“, die Person „freundlich“, das Objekt „ein Glas“. Hier tritt das ein, was im frühen Buddhismus als saññā beschrieben wird – das Markieren, Benennen von etwas. Und genau hier trifft sich diese frühbuddhistische Analyse mit Ludwig Wittgenstein: Wir sehen die Welt nicht zuerst und interpretieren sie dann – wir sehen sie immer schon als etwas. Wenn wir ein Glas sehen, so sehen wir es immer schon “als Glas” und nicht als einen undefinierbaren Eindruck, bei dem wir nicht wissen, was wir damit tun sollen. Dieses „als etwas“ ist notwendig. Ohne es könnten wir nicht handeln. Du kannst ein Glas nur greifen, weil es “als Glas” erscheint. Du kannst eine Situation nur verstehen, weil sie “als etwas” strukturiert ist.

Doch auch damit ist der Prozess noch nicht abgeschlossen.

Auf das Erkennen folgt eine Gefühlstönung – im frühen Buddhismus vedanā genannt. Etwas erscheint als angenehm, unangenehm, neutral oder als eine Mischform dieser drei. Diese Tönung ist oft kaum bewusst, aber sie lenkt unsere Aufmerksamkeit und unser Handeln. Ein Glas wird „einladend“, weil du Durst hast. Eine Stimme wird „störend“, weil sie dich unterbricht.

Und dann geschieht etwas Entscheidendes, das wir im Alltag fast nie bemerken: ein inneres Einrasten. Aus einem flüchtigen Eindruck wird eine feste Bedeutung. Aus „erscheint als Kritik“ wird „das war Kritik“. Aus „wirkt angespannt“ wird „die Situation ist angespannt“. Hier entsteht das leise, aber wirkungsmächtige „so ist es“.

Genau hier verfestigt sich unsere Erfahrung.

Dieser Schritt ist kein bewusster Entschluss. Aber er ist auch kein bloßer Reflex. Es ist ein eingeübter Greifimpuls – ein mikrofeines Festhalten. Und genau dieser Impuls macht aus einem beweglichen Geschehen eine scheinbar stabile Welt.

Man kann das im Alltag überall beobachten.

Du liest eine Nachricht und nimmst sie als „kühl“ wahr. Das ist das „als etwas“. Doch fast gleichzeitig entsteht ein inneres „ja, genau“ – und vielleicht ein Gefühl. Daraus wird schnell: „Die Person ist distanziert.“ Später zeigt sich, dass alles ganz anders gemeint war. Was sich verändert hat, ist nicht die Nachricht selbst, sondern ihre Bedeutung – und deren Verfestigung.

Oder du suchst deine Schlüssel. Der Raum erscheint als „chaotisch“. Sobald du sie findest, kippt alles: derselbe Raum ist „in Ordnung“. Nichts hat sich objektiv verändert – nur dein „als etwas“ und dessen Verfestigung.

Vor diesem Hintergrund wird Zhaozhous Antwort verständlich.

Der Ball auf dem Wasser ist ein Bild für dieses fortwährende „als etwas“. Bedeutung entsteht ständig: Glas, Tisch, Stimme, Gedanke. Doch der Ball bleibt nirgends. Er kommt nie zur Ruhe. Er hat keinen festen Ort.

Das bedeutet: Das „als etwas“ ist selbst kein stabiler Zustand. Es ist Bewegung, Prozess.

Tou-zi bringt das auf den Punkt: „Ein Denken, das nicht aufhört dahinzuströmen.“ Was uns wie einzelne Dinge erscheint, ist in Wirklichkeit ein kontinuierlicher Fluss. Die Stabilität der Welt entsteht erst durch Verfestigung.

An dieser Stelle liegt ein entscheidender Punkt, der oft missverstanden wird.

Man könnte meinen, die Lösung bestehe darin, zum vor-sprachlichen Spüren zurückzukehren – also zu einem Zustand wie beim Neugeborenen. Oder in eine tiefe Meditation, in der Sprache, Begriffe und sogar die Objektstruktur verschwinden, wie sie etwa Robert K. C. Forman oder Thomas Metzinger beschreiben: ein „reines Bewusstsein“, ohne Inhalt, ohne Selbstmodell, ohne klare Struktur, weil Sprache vorübergehend vergessen wir, oder ganz weit in den Hintergrund der Wahrnehmung rückt.

Solche Zustände sind real und phänomenologisch gut belegt. In ihnen kann Sprache vollständig wegfallen. Es gibt kein inneres Sprechen mehr, kein „als etwas“, keine klare Trennung von Subjekt und Objekt. Auch Zeit kann ihren Charakter verlieren. Es bleibt ein offenes Gewahrsein, eine Art leere Klarheit.

Doch genau hier ist Vorsicht geboten.

Diese Zustände sind nicht identisch mit dem, was das Kōan beschreibt.

Sie sind Zustände der Reduktion: weniger Struktur, weniger Differenz, weniger Welt. Das Kōan hingegen zeigt etwas anderes: nicht weniger Welt, sondern eine Welt ohne Verfestigung.

Man kann den Unterschied so fassen:

In tiefer Meditation fällt die Welt weitgehend weg.
Im Herz-Geist bleibt die Welt – aber sie wird durchsichtig.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Das Neugeborene hat wenig verfestigtes Benennen, aber auch noch keine ausgeprägte Struktur.
Die Meditation kann Struktur und Sprache stark reduzieren.
Das Zen hingegen zeigt eine dritte Möglichkeit: volle Struktur – ohne Verfestigung. Das ist Zen im Alltag.

Hier liegt die eigentliche Bedeutung von Herz-Geist (shin/kokoro) und mushin.

Mushin (wörtl.: leerer Herz-Geist) im Alltag bedeutet nicht „kein Herz-Geist“, sondern: ein Geist, der nichts festhält.

Das heißt:

Aber:

Hier löst sich auch die klassische Subjekt–Objekt-Spaltung.

Nicht, weil es keine Unterschiede mehr gibt.
Sondern weil sie nicht mehr verhärtet werden.

Du hörst ein Geräusch – und für einen Moment ist da einfach Hören. Kein „ich höre das“. Erst danach entsteht diese Struktur. Im Herz-Geist bleibt dieses unmittelbare Geschehen präsent, ohne dass sich daraus ein festes Subjekt und ein festes Objekt bilden.

Auch Zeit verändert sich in dieser Perspektive. Zeit entsteht normalerweise durch Verknüpfung: Erinnerung, Erwartung, Bedeutung. Wenn diese Verfestigung nachlässt, verliert Zeit ihren festen Charakter. Es bleibt ein fortwährendes Geschehen – ohne starkes „Vorher“ und „Nachher“, aber auch ohne dass die Welt verschwindet.

So lässt sich die gesamte Bewegung zusammenfassen:

Erfahrung beginnt als leibliches Spüren (Atmosphäre).
Sie wird strukturiert als „als etwas“ (saññā).
Sie wird getönt (vedanā).
Sie entfaltet sich in Geschichten (papañca).
Und sie verfestigt sich durch einen Greifimpuls.

Das Kōan zeigt den Punkt, an dem diese Verfestigung sichtbar wird – und damit auch die Möglichkeit, dass sie nicht zwingend ist.

Der Ball springt.
Er reagiert auf alles.
Aber er bleibt nirgends.

Und genau darin zeigt sich Herz-Geist:

Nicht im Rückzug aus der Welt,
nicht im Verschwinden von Sprache,
nicht in einem reinen, inhaltslosen Bewusstsein,

sondern mitten im Leben –
als Bewegung ohne Halt,
als Unterscheidung ohne Verhärtung,
als ein Geist, der nichts festhält.

Vielleicht zeigt sich Herz-Geist letztlich nicht im richtigen Verständnis, sondern darin, dass auch dieses Verständnis nicht festgehalten wird.

Dann wäre selbst dieser Text nur ein vorläufiger Versuch – und die eigentliche Klärung geschieht im Leben selbst.

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