Archiv des Autors: Peter

Leere und Mitgefühl praktizieren

Autor: Peter Widmer

Kanzeon – der Bodhisattva des Mitgefühls

Im Buddhismus bedeutet Mitgefühl: den empfindenden Lebewesen – ob Mensch oder Tier – zu wünschen, frei von Leid zu sein und dass ihre existenziellen körperlichen und sozialen Grundbedürfnisse erfüllt sein mögen.
Existenzielle körperliche und soziale Bedürfnisse sind vielfältig. Die prominentesten sind: das Bedürfnis nach Sicherheit, körperlicher und geistiger Unversehrtheit, Gesundheit, Glück, sich wahrgenommen fühlen, gewertschätzt, eine Bedeutung haben für andere, etc. Es geht hierbei also um ganz grundlegende Bedürfnisse, die alle sozialen und nicht-sozialen fühlenden Wesen haben. Mitgefühl ist eine universelle Reaktion auf die Leidfähigkeit von Lebewesen. Es verbindet, tröstet, schafft Intimität und Nähe und ist die Grundlage vertrauensvoller und gelingender zwischenmenschlicher Wechselwirkungen.
Leere (shunya) ist einerseits die Erfahrung der Abwesenheit des Denkens und der Subjekt-Objekt-Spaltung, andererseits der zentrale Kern spätbuddhistischer Philosophie. Wie können wir durch die Praxis der Leere und des Mitgefühls mitfühlender werden? Dies ist das Thema des folgenden Blogbeitrags.

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Zen, Metta und der Ukrainekrieg

Autor: Peter Widmer

Zen, Metta und der Ukrainekrieg

Wie kann mir Zen und Metta helfen? fragte mich ein verzweifelter junger Mann aus der Ukraine im Einzelgespräch, dessen Eltern und Geschwister inmitten des Krieges leben.
Millionen von Menschen leiden durch diesen Krieg. Als Beobachtende und Helfende leiden mir mit ihnen mit. Eine kollektive Traumatisierung findet statt, die sich auf unsere Zukunft auswirkt. Unsere Stresslevel schaukeln sich inmitten der Coronaverschnaufpause weiter auf. Wie kann uns Zen helfen, inneren Frieden zu finden und uns mitfühlend zu engagieren, ohne durch die erlebte Ohnmacht und Hilflosigkeit depressiv zu werden, emotional auszubrennen, in Apathie und Gleichgültigkeit zu verfallen oder in Gewaltfantasien steckenzubleiben? Davon handelt dieser Blogbeitrag.

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Sich im Meditieren orientieren: 12 Dimensionen reinen Bewusstseins

Autor: Peter Widmer

Wenn Menschen beginnen zu meditieren, sind sie oft sehr euphorisch über diese neue Qualität des Erlebens. Nach einiger Zeit, wenn diese veränderten Wachbewusstseinszustände öfters erlebt werden, tritt eine Gewöhnungsphase ein und in den Dokusans (den Zen-Einzelgesprächen) werde ich dann häufig gefragt: «Wo stehe ich jetzt in meiner Meditation eigentlich?» Im Zen geht es weder darum, wo jemand steht, noch wo er oder sie nicht steht. Das ist irrelevant für die Praxis! Der Weg ist das Ziel. Denn die Übung als solche ist Selbstzweck, nicht Mittel zum Ziel. Daher gilt: «Einfach sitzen! Weiter praktizieren!» Nichtsdestotrotz hat die Standortfrage in Bezug auf die eigene Praxis für die fragende Person auch seine Berechtigung und wir Dharma-Lehrende sollten das akzeptieren und wertschätzen. Häufig beantworten wir diese Standortbestimmungsfrage im Zen mit den 10 Ochsenbildern oder mit den 8 Stufen der Versenkung aus dem Frühbuddhismus. Hier möchte ich auf eine neue Kartographie des reinen Bewusstseins aufmerksam machen, wie sie uns aus der aktuellen Meditationsforschung zugänglich ist.

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Koanarbeit und Satori im Prozess der Symbolisierung

Autor: Peter Widmer

Ein Zen-Schüler fragte Joshu in allem Ernst: „Was ist Buddha?“ Joshu antwortete: „Der Eichbaum im Garten.“
aus der Koan-Sammlung Mumonkan

Zen-Koans sind Mittel der Unterweisung und Meditation im Zen. Auf den ersten Blick wirken die Antworten der Zen-Meister in den Koans unverständlich, paradox, sinnlos.
Meditationsanfänger haben oft Mühe, sich auf eine traditionelle Koanschulung einzulassen, weil sich ihnen der Sinn von Koans von Anfang an verschliesst und weil sie keine befriedigende Antwort auf ihr Nachfragen erhalten. Sie werden bewusst vor den Kopf gestossen. Zudem ist eine Koanschulung geprägt von einem hierarchischen Verhältnis zwischen einem/r Zen-Meister/in, der/die alle „Koan-Antworten“ kennt und einem/r Schüler/in, der/die unentwegt versucht, die „richtige“ Antwort auf das jeweilige Koan zu geben und immer wieder zurückgewiesen wird, bis er sie geben kann. Das kann frustrierend sein. Insbesondere Menschen, die Schwierigkeiten mit hierarchischen Verhältnissen und Prüfungssituationen haben, lassen sich entweder gar nicht auf Koans ein oder kehren, bald nachdem sie begonnen haben, wieder zur Aufmerksamkeit auf den Atem zurück und verzichten oftmals frustriert auf weitere Koans. Aus diesen Gründen und auch weil das Angebot an eingängigen, unmittelbar wohltuenden Meditationsmethoden uferlos ist, ist das Interesse an Koanarbeit in den vergangenen Jahren leider zurück gegangen.
Doch die Zeiten ändern sich und es gibt durchaus Möglichkeiten, Koans von Beginn an auf eine Art und Weise verständlich zu machen und mit ihnen zu arbeiten, durch die Menschen des 21. Jahrhunderts besser abgeholt werden und mit denen sie neugierig, motiviert, freudig und tief berührt mit Koans arbeiten können. Davon handelt dieser Blogbeitrag.

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Die zehn Ochsenbilder

Autor: Peter Widmer

10. Ochsenbild: Zurück auf dem Marktplatz der Welt

Die zehn Ochsenbilder sind eine poetische Allegorie für den Zen-Weg als Lebens-Weg, sowie die Versenkungsstufen, wie wir sie in einem einzelnen Sesshin durchlaufen. Der bis heute im Zen populärste Ochsenbildzyklus mit Gedichten wurde von Kuoan Shiyuan um 1150 verfasst und illustriert.
Obwohl es sich eigentlich um die in der asiatischen Kultur früher allgegenwärtigen Wasserbüffel handelt, hat sich im Westen die Bezeichnung „Ochsenbilder“ durchgesetzt. Der Wasserbüffel, resp. Ochse war von jeher als Arbeitstier in Agrargesellschaften ein überlebenswichtiger Helfer, ohne den man seinen Alltag nicht bestreiten konnte. Der spirituelle Weg wird in den Ochsenbildern beschrieben als die Suche nach dem Ochsen, das Finden des Ochsen und dessen Zähmung. Schliesslich verschwinden Ochse und Mensch und der Zenübende landet im 10. Bild als Glücksbuddha auf dem Marktplatz des Alltags.

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Zen & Karuna in der Coronakrise

Autor: Peter Widmer

Mögen sich alle sicher fühlen.
Mögen alle gesund bleiben oder gesund werden.
Mögen alle in ihrer Mitte ruhen und sein mit dem, was ist
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In der Woche vor dem Lockdown gab ich den letzten Zen-Einführungskurs im Lassalle-Haus. Danach wurden alle weiteren Kurse abgesagt. Als ich in der Schlussrunde fragte: „Gibt es jetzt am Ende des Kurses einen Unterschied zu vor dem Kurs?“, meldeten sich alle Teilnehmenden nacheinander zu Wort und der Tenor war ziemlich einhellig: Die stressvolle Beschäftigung mit dem Coronavirus hat merklich abgenommen! Ein Schulleiter sagte: Am Freitagabend sei er verspätet aus dem Corona-Chaos in unseren Kurs gekommen. Er habe nicht gedacht, dass er in so kurzer Zeit vollkommen runterfahren könne und seine Sorgen zeitweise total vergessen könne. In nur 1.5 Tagen Zazen fühle er sich entspannt und in seiner Mitte angekommen.
Die Einzelgespräche spiegelten für mich das wieder, was an Thematiken zur Zeit auch in den Medien wahrnehmbar ist: Angst, Panik, Stress, Ohnmacht, aber auch Selbstmitgefühl, Solidarität, Nachbarschaftshilfe, positive Sicht, Kreativität und Humor. Was haben wir davon, wenn wir aus unserer Mitte – unserem inneren Dirigenten – mit diesen Zuständen in Kontakt sein können? Davon handelt dieser Blogbeitrag.

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Brahmaviharas – die vier grenzenlosen Zustände

Autor: Peter Widmer

Brahmaviharas – (c) Peter Widmer

Unsere inneren Haltungen/Zustände/Anteile bestimmen, was wir wahrnehmen, wie wir uns fühlen, wie wir über das Wahrgenommene denken, was wir wollen und wie wir handeln. Sind wir beispielsweise in einer glücklichen Stimmung, nehmen wir die Welt ganz anders wahr, als wenn wir traurig sind. Sind wir im Stress und im Modus des „Funktionierens“ unterwegs, nehmen wir die Welt ganz anders wahr, als wenn wir in Gelassenheit ruhen.
Innere Haltungen lassen sich nachweislich wie Muskeln trainieren. Wir können sie uns als Dispositionen in der Meditation antrainieren. Die sog. vier grenzenlosen Zustände (Pali: Brahmaviharas) sind solche inneren Haltungen. Obwohl sie aus dem indischen Kulturraum stammen, handelt es sich doch um allgemeinmenschliche Einstellungen. Es sind: Liebe/Freundschaft/liebevolle Güte (Pali: metta), Gelassenheit/Gleichmuth (Pali: uppekka), Mitgefühl (Pali: karuna) und Freude/Mitfreude (Pali: mudita). Woher sie stammen, wie wir sie kultivieren können und was sie bewirken können findet sich in diesem und den folgenden Blogbeiträgen.

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Zen-Meditation und Dissoziation

Autor: Peter Widmer

Dissoziation – Quelle: Emiliano Grusovin/Flickr

Immer wieder finden Menschen zur Meditation, die in ihrem Leben traumatische Erfahrungen gemacht haben. Manchmal wissen sie davon und manchmal können sie sich nicht daran erinnern. Oftmals ist das Motiv, zu meditieren, eine grosse Sehnsucht nach Heilung, Geborgenheit, Befreiung. Lange Sitzmeditation kann das Körpererleben stark verändern. Die Wahrnehmung des Körpers kann sich auflösen. Daher kommt es immer wieder vor, dass traumatisierte Menschen, gerade wenn sie von ihrer Traumaerfahrung Kenntnis haben und schon sehr therapieerfahren sind, ins Einzelgespräch kommen und sagen: „Dieses unbewegliche Sitzen und diese körperlosen Zustände, die ich in der Meditation erlebe, bringen mich in Kontakt mit meinen Erinnerungen an traumatische Situationen. Diese Meditation verstärkt meine eh schon grosse Tendenz, aus dem Körper zu „switchen“, nicht mehr mit mir in Kontakt zu sein, mich nicht mehr zu spüren. Diese Zustände sind mit der Angst begleitet, von unguten Gefühlen aus der Vergangenheit überschwemmt zu werden! Ich glaube nicht, dass mir diese unbewegte, lange Sitz-Meditation wirklich guttut!“ Davon handelt dieser Blogbeitrag.

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Versenkungsstufen in der Meditation

Autor: Peter Widmer

Versenkungsstufen

In Einzelgesprächen während den Zen-Sesshins kommt immer wieder die Frage auf: Wie weit oder wie tief bin ich eigentlich in meiner Meditation? Gibt es dafür eine Landkarte? Wie merke ich selbst, wo ich stecke und wo es hingehen soll?
Üblicherweise werden solche Fragen in der traditionellen Zen-Schulung zurückgewiesen. Sie werden nicht beantwortet oder besser gesagt, die Frage wird dem Fragenden zurück gespiegelt. Manchmal liest man in Kommentaren zu Zen-Koans, dass es durchaus Grade der „Tiefe“ einer Zen-Erfahrung gäbe. Dann wieder wird gesagt, es gäbe in der letzten Dimension von Satori und Kensho weder Grade noch keine Grade. Das sind typische Zen-Antworten, die Meditierende motivieren sollen, alle Konzepte fallen zu lassen, um noch tiefer in die eigene Erfahrung einzutauchen.
Dennoch ist die Frage durchaus sinnvoll, denn schliesslich gibt es neugierige Seiten in uns, die ein legitimes Bedürfnis nach Orientierung und „Landkarten für unsere Innenwelt“ haben. Manchmal werden Anteile in uns aktiv, die unsere eigenen Erfahrungen hinterfragen und unser innerer Kritiker gibt zuweilen Anlass, unsere Meditationserlebnisse in Bausch und Bogen als „ungenügend“ oder „Illusion“ zu verwerfen.
Meiner Ansicht nach ist das frühbuddhistische Modell der Versenkungsstufen ein guter Ansatzpunkt, um die eigenen Meditationserlebnisse zu wertschätzen und sich im Meditieren zu orientieren.

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Der Zen-Weg – Wieso es sich lohnt, dran zu bleiben

Autor: Peter Widmer

Zen Meditierende

Immer öfter kommen Menschen in meinen Zen-Kursen ins Einzelgespräch und sagen: „Ich hab schon so viel Verschiedenes meditiert und weiss jetzt gar nicht, wie ich meditieren soll. Soll ich jetzt einen Bodyscan durchführen oder mich auf den Atem konzentrieren? Aber wo? Da wo der Atem aus der Nase tritt oder beim Heben und Senken der Bauchdecke? Oder auf den Atem als Gesamtvorgang? Oder soll mich auf ein Mantra (wie OM, MU) oder die Silbe HUM im Herzchakra konzentrieren oder mit einem Koan meditieren oder soll ich eine geführte Metta-Meditation per Handy mit Kopfhörer hören? Oder soll ich nicht doch lieber das Jesusgebet beten? Oder vielleicht Tonglen? Oder einen Dämon füttern? Oder Reinigungsübungen und Niederwerfungen machen und anschliessend meinen Rimpoche als Gottheit visualisieren?“
Nie zuvor war uns eine solche Fülle von Meditationsformen in Kursen, Seminaren, Meditationszentren, im Internet, auf Youtube, per Handy, in Fachmagazinen, Zeitschriften und Büchern zugänglich wie heute. Das hat Konsequenzen für unsere Praxis. Viele wechseln ständig die Meditationsmethode und wissen schliesslich nicht mehr, wie sie meditieren sollen und was es ihnen überhaupt bringt.
Dieser Blogbeitrag handelt davon, dass es sich lohnt, an einer Kernmeditationspraxis wie dem Zen – trotz der Fülle von Angeboten und Möglichkeiten – mit liebevoller Entschiedenheit dran zu bleiben und im Laufe der Zeit diese Praxis durch weitere Methoden sinnvoll zu ergänzen.

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