Die zehn Ochsenbilder

Autor: Peter Widmer

10. Ochsenbild: Zurück auf dem Marktplatz der Welt

Die zehn Ochsenbilder sind eine poetische Allegorie für den Zen-Weg als Lebens-Weg, sowie die Versenkungsstufen, wie wir sie in einem einzelnen Sesshin durchlaufen. Der bis heute im Zen populärste Ochsenbildzyklus mit Gedichten wurde von Kuoan Shiyuan um 1150 verfasst und illustriert.
Obwohl es sich eigentlich um die in der asiatischen Kultur früher allgegenwärtigen Wasserbüffel handelt, hat sich im Westen die Bezeichnung „Ochsenbilder“ durchgesetzt. Der Wasserbüffel, resp. Ochse war von jeher als Arbeitstier in Agrargesellschaften ein überlebenswichtiger Helfer, ohne den man seinen Alltag nicht bestreiten konnte. Der spirituelle Weg wird in den Ochsenbildern beschrieben als die Suche nach dem Ochsen, das Finden des Ochsen und dessen Zähmung. Schliesslich verschwinden Ochse und Mensch und der Zenübende landet im 10. Bild als Glücksbuddha auf dem Marktplatz des Alltags.

In den Ochsenbildern finden sich Anklänge an die frühbuddhistischen Versenkungsstufen und den zehnfachen Boddhisattvapfad des Spätbuddhismus. Als Vorbild findet sich dieses Motiv bereits im frühbuddhistischen Maha Gopalaka Sutta (im: Majjhima Nikaya 33) sowie in den Kommentaren zum Maha Satipatthana Sutta (im: Digha Nikaya 22) und zum Satipatthana Sutta (im: Majjhima Nikaya 10).
Die folgenden Bilder werden Tenshō Shūbun (天章周文) (1414-1463) zugeschrieben und sind im Museum des Shokoku-ji Templels ausgestellt.
Die wesentliche Eigenart der sog. apophatischen Zensprache (gr. apo-phasis bedeutet: „hinweg reden“, „ungesagt machen“) besteht darin, dass das „Absolute“ ständig unterschiedliche Bezeichnungen erhält, wie beispielsweise „die Natur“, „das Ganze“, „das Wesentliche“, „das Selbst“, „das Wahre“, „Einheit“, etc. Durch diese ständige Verschiebung auf andere Benennungen soll hervorgehoben werden, dass Versuche, das „Absolute“ in wohldefinierte Begriffe zu giessen scheitern. Es geht in dieser Allegorie auch gar nicht darum, das „Absolute“ denkend zu verstehen. Die Ochsenbilder wollen uns vielmehr motivieren, eigene, zu tiefst lebensbedeutsame Erfahrungen durch Meditation zu sammeln und diese Perlschnur von Erfahrungen in den „banalen“ Lebensalltag – den Marktplatz des Lebens – zu integrieren, aus dieser inneren Quelle zu Leben.
Die poetischen Bilder und Gedichte sprechen durch die Jahrhunderte und über kulturelle Grenzen hinweg für sich selbst und bedürfen keines weiteren Kommentars. Sie rühren unser Herz mehr an, als tausend Erläuterungen.

1. Ochsenbild: Die Suche nach dem Ochsen

Niemals verloren gegangen – Warum dann suchen? Wendest du dich vom Wesentlichen ab, geschieht Unterscheidung und Trennung. Von Staub bedeckt, ist letztlich das Ganze verloren. Die heimatlichen Hügel sind entfernter denn je. Auseinanderstrebende Pfade breiten sich aus. Aufflammen der Leidenschaften um Gewinn und Verlust. Wie mit einer Klinge scheidest du in Richtig und Falsch. Durch dichtes Gestrüpp waten. Mit aller Kraft suchen. Flüsse schwellen an, Berge türmen sich auf. Die Wege sind endlos. Erschöpft und verzweifelt, ohne Orientierung. Nur das Summen der Zikaden im Herbstlaub.

2. Ochsenbild: Das Entdecken der Spuren

Wenn ich die Schriften studiere, sehe ich die Fusstapfen des Ochsen. Dann lerne ich, dass ebenso, wie viele Gegenstände aus Metall gefertigt werden, unzählige von Dingen in der Werkstätte des Selbst entstehen. Wenn ich nicht unterscheide, wie will ich dann das Wahre und das Unwahre erkennen? Noch habe ich das Tor nicht durchschritten, aber ich habe den Pfad entdeckt.

3. Ochsenbild: Das Erblicken des Ochsen

Wenn er nur gespannt auf die alltäglichen Laute horcht, wird er zur Erkenntnis gelangen, und in diesem Augenblick den wahren Ursprung entdecken. Sobald die sechs Sinne (Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Körperempfindung und Denken) verweht sind, ist das Tor durchschritten. Wo man auch eintritt, sieht man den Kopf des Ochsen. Diese Einheit ist wie Salz im Wasser, wie Farbe in der Tinte. Nicht das kleinste Ding ist vom Selbst getrennt.

4. Ochsenbild: Das Einfangen des Ochsen

Er verweilte lange Zeit im Wald, aber heute habe ich ihn eingefangen. Er ist in die Landschaft vernarrt, das bringt ihn aus der Ruhe. Er sehnt sich nach süssem Gras und eilt davon. Sein Bewusstsein ist noch widerspenstig und ohne Zaum. Wenn er mir helfen soll, so muss ich ihn zähmen.

5. Ochsenbild: Das Zähmen des Ochsen

Wenn ein Gedanke aufsteigt, folgt der nächste. Wenn der erste Gedanke aus Satori (Einheit) entspringt, so sind alle folgenden Gedanken wahr. Durch Täuschung macht man alles unwahr. Täuschung wird nicht von Objektivität verursacht; sie ist das Ergebnis der Subjektivität. Halte den Nasenring fest und erlaube nicht den geringsten Zweifel.

6. Ochsenbild: Heimreiten auf dem Ochsen

Das Zähmen ist beendet. Gewinn und Verlust sind ununterschieden. Ich singe das Lied des Holzfällers vom Dorf und spiele die Spiele der Kinder. Rittlings auf dem Ochsen beobachte ich die Wolken über mir. Klänge der Bambusflöte lösen sich auf im abendlichen Wolkenschimmer. Grenzenloses Empfinden in jedem Taktschlag, jedem Vers. Im Einklang – wozu noch Worte!

7. Ochsenbild: Der Ochse ist vergessen

Alles ist eins, nicht zwei. Wir sind es, die aus dem Ochsen etwas zeitlich begrenztes machen. Es ist wie die Beziehung zwischen Hase und Falle, zwischen Fisch und Netz. Es ist wie Gold und Abfall oder wie der Mond, der hinter einer Wolke hervorkommt. Der Weg klaren Lichts führt durch die unendliche Zeit.

8. Ochsenbild: Ochs und Hirte sind vollkommen vergessen

Aller Täuschung ist er entledigt und alle Vorstellungen von Heiligkeit sind verschwunden. Weder sucht er die letzte Erkenntnis, noch hält er sich dort auf, wo es keine letzte Erkenntnis gibt. Da er an keinem dieser Zustände haftet, kann keiner an ihm irgend etwas bemerken. Wollten hunderte von Vögeln ihm Blumen streuen, so wäre solches Lob bedeutungslos. 

9. Ochsenbild: Rückkehr zum Ursprung, zurück zur Quelle

Das Ursprüngliche ist rein und klar, ohne ein Staubkorn. Erkenne die Erscheinungsformen des Daseins als Werden und Vergehen. Ruhe im Nicht-Bedingten, das ist Hinübergehen. Ohne illusorische Fantasiegebilde. Flüchtige Illusionen durchdrungen – tiefer Friede. Gewässer sind blau, Berge sind grün. Sitze und betrachte den Wandel der Dinge. Rückkehr zum Ursprung, zurück zur Quelle – große Anstrengung verschwendet! Besser, einfach blind und taub zu sein? In der Hütte ist das, was draußen ist, nicht zu sehen. Flüsse fließen im Einklang mit sich selbst, Rosen blühen ihrer Natur gemäß rot. 

10. Ochsenbild: Zurück auf dem Marktplatz der Welt

Wenn ich innerhalb meines Tores bin, wissen tausend Weise nicht von mir. Die Schönheit meines Gartens ist unsichtbar. Ich gehe meinen Weg und folge nicht den Schritten früherer Weiser. Ich komme lachend auf den Marktplatz mit meiner Weinflasche und gehe heim mit meinem Stock. Ich besuche die Weinschenke und den Markt und jeder, den ich anschaue, ist Buddha. 

Ein Gedanke zu „Die zehn Ochsenbilder

  1. Peter Früh

    Wunderbar! Oft komme ich in die Situation, dass ich die 10 Ochsenbilder Freunden erzählen will, und dann suche ich danach… Jetzt muss ich nur den Link schicken!
    Vielen Dank und liebe Grüsse. Peter

    Antworten

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