Schlagwort-Archive: Meditation

Brahmaviharas – die vier grenzenlosen Zustände

Autor: Peter Widmer

Brahmaviharas – (c) Peter Widmer

Unsere inneren Haltungen/Zustände/Anteile bestimmen, was wir wahrnehmen, wie wir uns fühlen, wie wir über das Wahrgenommene denken, was wir wollen und wie wir handeln. Sind wir beispielsweise in einer glücklichen Stimmung, nehmen wir die Welt ganz anders wahr, als wenn wir traurig sind. Sind wir im Stress und im Modus des „Funktionierens“ unterwegs, nehmen wir die Welt ganz anders wahr, als wenn wir in Gelassenheit ruhen.
Innere Haltungen lassen sich nachweislich wie Muskeln trainieren. Wir können sie uns als Dispositionen in der Meditation antrainieren. Die sog. vier grenzenlosen Zustände (Pali: Brahmaviharas) sind solche inneren Haltungen. Obwohl sie aus dem indischen Kulturraum stammen, handelt es sich doch um allgemeinmenschliche Einstellungen. Es sind: Liebe/Freundschaft/liebevolle Güte (Pali: metta), Gelassenheit/Gleichmuth (Pali: uppekka), Mitgefühl (Pali: karuna) und Freude/Mitfreude (Pali: mudita). Woher sie stammen, wie wir sie kultivieren können und was sie bewirken können findet sich in diesem und den folgenden Blogbeiträgen.

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Zen-Meditation und Dissoziation

Autor: Peter Widmer

Dissoziation – Quelle: Emiliano Grusovin/Flickr

Immer wieder finden Menschen zur Meditation, die in ihrem Leben traumatische Erfahrungen gemacht haben. Manchmal wissen sie davon und manchmal können sie sich nicht daran erinnern. Oftmals ist das Motiv, zu meditieren, eine grosse Sehnsucht nach Heilung, Geborgenheit, Befreiung. Lange Sitzmeditation kann das Körpererleben stark verändern. Die Wahrnehmung des Körpers kann sich auflösen. Daher kommt es immer wieder vor, dass traumatisierte Menschen, gerade wenn sie von ihrer Traumaerfahrung Kenntnis haben und schon sehr therapieerfahren sind, ins Einzelgespräch kommen und sagen: „Dieses unbewegliche Sitzen und diese körperlosen Zustände, die ich in der Meditation erlebe, bringen mich in Kontakt mit meinen Erinnerungen an traumatische Situationen. Diese Meditation verstärkt meine eh schon grosse Tendenz, aus dem Körper zu „switchen“, nicht mehr mit mir in Kontakt zu sein, mich nicht mehr zu spüren. Diese Zustände sind mit der Angst begleitet, von unguten Gefühlen aus der Vergangenheit überschwemmt zu werden! Ich glaube nicht, dass mir diese unbewegte, lange Sitz-Meditation wirklich guttut!“ Davon handelt dieser Blogbeitrag.

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Versenkungsstufen in der Meditation

Autor: Peter Widmer

Versenkungsstufen

In Einzelgesprächen während den Zen-Sesshins kommt immer wieder die Frage auf: Wie weit oder wie tief bin ich eigentlich in meiner Meditation? Gibt es dafür eine Landkarte? Wie merke ich selbst, wo ich stecke und wo es hingehen soll?
Üblicherweise werden solche Fragen in der traditionellen Zen-Schulung zurückgewiesen. Sie werden nicht beantwortet oder besser gesagt, die Frage wird dem Fragenden zurück gespiegelt. Manchmal liest man in Kommentaren zu Zen-Koans, dass es durchaus Grade der „Tiefe“ einer Zen-Erfahrung gäbe. Dann wieder wird gesagt, es gäbe in der letzten Dimension von Satori und Kensho weder Grade noch keine Grade. Das sind typische Zen-Antworten, die Meditierende motivieren sollen, alle Konzepte fallen zu lassen, um noch tiefer in die eigene Erfahrung einzutauchen.
Dennoch ist die Frage durchaus sinnvoll, denn schliesslich gibt es neugierige Seiten in uns, die ein legitimes Bedürfnis nach Orientierung und „Landkarten für unsere Innenwelt“ haben. Manchmal werden Anteile in uns aktiv, die unsere eigenen Erfahrungen hinterfragen und unser innerer Kritiker gibt zuweilen Anlass, unsere Meditationserlebnisse in Bausch und Bogen als „ungenügend“ oder „Illusion“ zu verwerfen.
Meiner Ansicht nach ist das frühbuddhistische Modell der Versenkungsstufen ein guter Ansatzpunkt, um die eigenen Meditationserlebnisse zu wertschätzen und sich im Meditieren zu orientieren.

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Der Zen-Weg – Wieso es sich lohnt, dran zu bleiben

Autor: Peter Widmer

Zen Meditierende

Immer öfter kommen Menschen in meinen Zen-Kursen ins Einzelgespräch und sagen: „Ich hab schon so viel Verschiedenes meditiert und weiss jetzt gar nicht, wie ich meditieren soll. Soll ich jetzt einen Bodyscan durchführen oder mich auf den Atem konzentrieren? Aber wo? Da wo der Atem aus der Nase tritt oder beim Heben und Senken der Bauchdecke? Oder auf den Atem als Gesamtvorgang? Oder soll mich auf ein Mantra (wie OM, MU) oder die Silbe HUM im Herzchakra konzentrieren oder mit einem Koan meditieren oder soll ich eine geführte Metta-Meditation per Handy mit Kopfhörer hören? Oder soll ich nicht doch lieber das Jesusgebet beten? Oder vielleicht Tonglen? Oder einen Dämon füttern? Oder Reinigungsübungen und Niederwerfungen machen und anschliessend meinen Rimpoche als Gottheit visualisieren?“
Nie zuvor war uns eine solche Fülle von Meditationsformen in Kursen, Seminaren, Meditationszentren, im Internet, auf Youtube, per Handy, in Fachmagazinen, Zeitschriften und Büchern zugänglich wie heute. Das hat Konsequenzen für unsere Praxis. Viele wechseln ständig die Meditationsmethode und wissen schliesslich nicht mehr, wie sie meditieren sollen und was es ihnen überhaupt bringt.
Dieser Blogbeitrag handelt davon, dass es sich lohnt, an einer Kernmeditationspraxis wie dem Zen – trotz der Fülle von Angeboten und Möglichkeiten – mit liebevoller Entschiedenheit dran zu bleiben und im Laufe der Zeit diese Praxis durch weitere Methoden sinnvoll zu ergänzen.

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James E. Marcia: Berufswahl, sexuelle, politische und ideologische Identität

Autor: Peter Widmer

James E. Marcia (State Univ. New York)

Wie Jugendliche ihre berufliche Rolle, aber auch ihre sexuelle, politische und ideologische Identität finden, beschreibt der Entwicklungspsychologe James E. Marcia.
Sein Modell lässt sich nicht nur auf Jugendliche anwenden, sondern auch auf Erwachsene, da wir in unserer heutigen Gesellschaft, in der sich Berufsbilder, aber auch andere Rollenidentitäten, die wir in unserem Leben einnehmen, schnell wandeln und uns in eine Identitätskrise stürzen können, beispielsweise durch Jobverlust, Neuausrichtung in der Arbeitswelt, in Beziehungskrisen oder im Übergang vom Muttersein zurück in die Arbeitswelt.
Innere Friedenskonferenz (IFK) und Meditation können diese Prozesse unterstützen zugunsten einer gelingenden Identitätsfindung.
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Mitgefühl trainieren – Tania Singers ReSource Studie

Autor: Peter Widmer

Teilearbeit & Meditation für eine globalisierte Welt


Prof. Dr. Tania Singer (Direktorin der Abteilung für Soziale Neurowissenschaft am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig) im Gespräch mit Gert Scobel

Mitgefühl lässt sich trainieren! Das von Tania Singer initiierte ReSource-Projekt am Max Plank Institut in Leipzig ist die umfangreichste und längste Meditationsstudie, die es bisher gegeben hat. Tania Singer hat in dieser Studie verschiedene Meditationsarten miteinander verglichen, um zu erkennen, welche wie wirkt. Sie wollte herausfinden, wie sich neben Achtsamkeit auch Mitgefühl, Perspektivenübernahme und eine universalistische ethische Haltung  am besten schulen lassen. Die ersten Resultate liegen nun vor. 1
Interessanterweise wurde in dieser Studie Teilpersönlichkeitsarbeit –  Innere Friedenskonferenz – mit Meditationspraktiken verwoben. Tania Singer weist nach, wie wirkungsvoll diese Komination Basisfähigkeiten sozialer Intelligenz, die zentral sind für eine globalisierte Welt, fördern kann. Die Resultate dieser Studie zeigen eindringlich, dass es ein Erfordernis unserer Zeit ist, Zen mit Teilearbeit und Mettameditation zu verbinden, wie ich das schon seit einiger Zeit in meinen Kursen und Seminaren anbiete. Weiterlesen

Gefühlszensur und Psychologie in spirituellen Traditionen

Autor: Peter Widmer

Katharina Ceming

In diesem dritten Teil des Gesprächs mit Katharina Ceming geht es um die Rolle von Gefühlen in spirituellen Traditionen. In der Regel werden sog. „positive“ Gefühle und Haltungen wie Liebe, Mitgefühl, Glücksgefühle, Gelassenheit, Gleichmut, Vergebung etc. höher bewertet und gefördert und sog. „negative“ Gefühle wie z. B. Unzufriedenheit, Frustration, Wut, Ärger und Hass etc. als etwas zu Überwindendes betrachtet, was nicht sein sollte. Es gibt also tendenziell eine Gefühlszensur in spirituellen Traditionen.
Die moderne Psychologie hingegen sieht gerade auch in solch „negativen“ Gefühlen wichtige Informationen, die unserem Wachstum dienen können, wenn es uns gelingt, mit ihnen in Kontakt zu sein, anstatt sie zu verdrängen. Und obwohl es in spirituellen Traditionen auch meist eine Art von „Psychologie“ gibt, fehlt jedoch das Konzept der Verdrängung, wie wir es seit Freud kennen. Überdies kann eine spirituelle Praxis selbst zu einem Mittel der Verdrängung werden.
Eine moderne, wahrhaft ganzheitliche Spiritualität tut daher gut daran, die Informationen sog. „negativer“ Gefühle und die Aufarbeitung von Verdrängtem mit einzubeziehen. Denn nur auf diese Weise wird persönliches Wachstum wirklich möglich. Weiterlesen

Leiblichkeit und Weiblichkeit in spirituellen Traditionen

Autor: Peter Widmer

Katharina Ceming

In diesem zweiten Teil des Interviews mit Katharina Ceming geht es um die Rolle des Körpers / der Leiblichkeit und damit einhergehend, der Weiblichkeit in spirituellen Traditionen. Nicht nur unsere westliche Kulturgeschichte, auch die Kulturgeschichten der Spiritualitäten lassen sich, mit wenigen Ausnahmen, als Verdrängungsgeschichten des Leiblichen und Weiblichen diagnostizieren.
Eine moderne, wahrhaft ganzheitliche Spiritualität tut gut daran, diese beiden bislang verdrängten Dimensionen des Menschseins mit einzubeziehen, denn Körper und Geist / Seele, männlich und weiblich wirken stets wechselseitig aufeinander ein, sowohl im einzelnen Menschen, als auch in unserer Gesellschaft, in Familien und am Arbeitsplatz. Weiterlesen

Rettet mehr Spiritualität die Welt?

Autor: Peter Widmer

Katharina Ceming

Im Anschluss an die Ken Wilber Tagung im Lassalle-Haus hatte ich Gelegenheit mit Katharina Ceming das folgende Interview zu führen. Katharina Ceming ist Autorin, Philosophin und Theologin an der Universität Augsburg. Sie interessiert sich für gesellschaftliche und spirituelle Themen und ihr Denken ist nachhaltig von Ken Wilber beeinflusst. 1
Rettet mehr Spiritualität die Welt? Gibt es eine Leib- und Frauenfeindlichkeit in den spirituellen Traditionen? Gibt es da auch eine gewisse Gefühlszensur, die inkompatibel ist mit unserer modernen Psychologie? Was sind die Motivationen moderner, heute lebender Menschen, spirituell unterwegs zu sein? Gibt es eine präfreudianische Psychologie in den spirituellen Traditionen, die die moderne Psychologie obsolet macht? Was macht Spiritualität im 21. Jahrhundert für Menschen von heute aus? Das sind die Themen dieses und der folgenden Blogbeiträge. Weiterlesen

Das Ende ist mein Anfang

Autor: Peter Widmer

„Das wichtigste ist erreichbar. Sein ganz eigenes Leben zu leben. Ein Leben das nur dir gehört, in dem du dich wieder erkennst.“
Tiziano Terzani

Tiziano Terzani (1938-2004), langjähriger Asienkorrespondet beim SPIEGEL, hat kurz vor seinem Tod zusammen mit seinem Sohn Falco Terzani berührende Gespräche über sein Leben geführt, die unter dem Titel Das Ende ist mein Anfang als Buch und als Film erschienen sind – mit Bruno Ganz in der Hauptrolle.
Terzani war ein weltweit bekannter Journalist und Schriftsteller, der 1997 an Krebs erkrankte. Neben der westlichen Medizin beschloss er, sich auch alternativer Heilmethoden zu bedienen und offensiv mit seiner Krankheit umzugehen, sie zu erforschen und über sie zu berichten, wie er zuvor als Journalist über Krisen in der Welt geschrieben hatte. 1999 zog er sich in den Himalaya zurück in ein buddhistisches Kloster, um zu meditieren. Dies hat seinen Umgang mit der Krankheit verändert. Weiterlesen