Versenkungsstufen in der Meditation

Autor: Peter Widmer

Versenkungsstufen

In Einzelgesprächen während den Zen-Sesshins kommt immer wieder die Frage auf: Wie weit oder wie tief bin ich eigentlich in meiner Meditation? Gibt es dafür eine Landkarte? Wie merke ich selbst, wo ich stecke und wo es hingehen soll?
Üblicherweise werden solche Fragen in der traditionellen Zen-Schulung zurückgewiesen. Sie werden nicht beantwortet oder besser gesagt, die Frage wird dem Fragenden zurück gespiegelt. Manchmal liest man in Kommentaren zu Zen-Koans, dass es durchaus Grade der „Tiefe“ einer Zen-Erfahrung gäbe. Dann wieder wird gesagt, es gäbe in der letzten Dimension von Satori und Kensho weder Grade noch keine Grade. Das sind typische Zen-Antworten, die Meditierende motivieren sollen, alle Konzepte fallen zu lassen, um noch tiefer in die eigene Erfahrung einzutauchen.
Dennoch ist die Frage durchaus sinnvoll, denn schliesslich gibt es neugierige Seiten in uns, die ein legitimes Bedürfnis nach Orientierung und „Landkarten für unsere Innenwelt“ haben. Manchmal werden Anteile in uns aktiv, die unsere eigenen Erfahrungen hinterfragen und unser innerer Kritiker gibt zuweilen Anlass, unsere Meditationserlebnisse in Bausch und Bogen als „ungenügend“ oder „Illusion“ zu verwerfen.
Meiner Ansicht nach ist das frühbuddhistische Modell der Versenkungsstufen ein guter Ansatzpunkt, um die eigenen Meditationserlebnisse zu wertschätzen und sich im Meditieren zu orientieren.

Die Versenkungsstufen im Pali-Kanon

Die Stufen der Versenkung in der Meditation heissen in Pali jhāna und Sanskrit dhyāna. Sie werden in den buddhistischen Urtexten – dem Pali-Kanon – im Anupada Sutta unterteilt in vier feinkörperliche und vier körperlose Versenkungsstufen. Die vier feinkörperlichen jhānas werden so genannt, weil sie im Körper gespürt werden können und weil entsprechende Sinnes- und Körperwahrnehmungen, Gefühle und Gedanken und Erinnerungen auch im Alltag auftreten. Die verschiedenen jhānaswerden auch im Mahā-Assapura Sutta beschrieben, worauf ich im Folgenden u.a. Bezug nehme.

Die hier beschriebenen Stufen der Versenkung geben die erlebbaren Zustände bei der Meditation sehr idealtypisch wieder. Die inneren Zustände bei der Meditation sind jedoch sehr fliessend und können sich schnell abwechseln. Immer wieder wenn man sich hinsetzt zur Meditation im Laufe eines Sesshins/Retreats, durchläuft man meist von neuem diese Stufenfolge. Je länger man meditiert, desto einfacher wird das erneute Durchlaufen dieser Stufenfolge und desto tiefer werden die erlebten Meditationszustände. Doch Menschen sind sehr verschieden und nicht jeder Mensch erlebt ganz tiefe körperlose Zustände. Auch ist die Zeitdauer des Verweilens in den unterschiedlichen Zuständen von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Vier feinkörperliche Zustände, vier körperlose und der Erlöschungszustand

Die feinkörperlichen Stufen der Versenkung

Erstes Jhāna/erste Versenkungsstufe: Hinwendung des Bewusstseins zum Meditationsobjekt (pathamajjhāna)

Durch Hinwendung zur Meditation – d. h. sich auf einem Meditationsplatz einrichten und sein Bewusstsein immer wieder von Neuem mit liebevoller Entschiedenheit auf ein und dasselbe Meditationsobjekt ausrichtend – kann man erleben, wie der Fluss der Konzentration auf das Meditationsobjekt immer stärker wird. Die anhaltende Aufmerksamkeit – mit offenem Gewahrsein im gegenwärtigen Augenblick oder mit Einspitzigkeit auf ein Meditationsobjekt – wird immer wieder durch Wahrnehmungen, Empfindungen, Gefühle und Gedanken unterbrochen. Durch andauernde Meditation mit fortgesetzter Aufmerksamkeit verlangsamt sich der Atem und die Hindernisse der Meditation (Müdigkeit, Zweifel, innere Unruhe, Ablenkungen, etc.) geraten immer mehr in den Hintergrund der Aufmerksamkeit. In den Vordergrund treten immer öfter wohltuende Empfindungen, Pali: sukkha und pīti: Freude und Glückseligkeit. Man tritt in die erste Versenkungsstufe ein.

Je mehr der Atem sich reduziert bei der Meditation, desto höher die Fähigkeit für Einspitzigkeit und anhaltende Aufmerksamkeit und erhöhte Konzentration. Körperliche Schmerzen werden weniger, entsprechend der Reduktion der Atmung. Sie werden 20-30% reduzierter wahrgenommen.
Die Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken werden wahrgenommen in ihrem Entstehen und Vergehen, ohne dass man sich in Geschichten darüber verliert, ohne daran anzuhaften.

Zweites Jhāna : innere Beruhigung (dutiyajjhāna)

Sind die Wahrnehmungen, Körperempfindungen, Gefühle und Gedanken in den Hintergrund der Aufmerksamkeit gerückt, ist die Meditationserfahrung eine Stufe tiefer. Die Einspitzigkeit auf das Meditationsobjekt hat sich vertieft. Freude und Glücksgefühle vertiefen sich. Die zeitgenössische Meditationsforschung führt diese intensiven Gefühle der Freude und des Glücks zurück auf die Ausschüttung von Botenstoffen im Gehirn, wie Serotonin und Dopamin. In Tat und Wahrheit hat sich jedoch der gesamte Stoffwechsel des Körpers durch die Entspannungsantwort, die starke Aktivierung des Parasympathischen Systems verändert. Der Vagus-Nerv, der mit allen wichtigen Inneren Organen in Kontakt steht, hat sich geweitet. Es herrscht allgemein eine innere Beruhigung des Körpers und des Bewusstseins vor. Die anfangs anstrengende Lenkung der Aufmerksamkeit vereinfacht sich wie von selbst. Auch ohne Anstrengung gelingt es dem Bewusstsein, durch die innere Beruhigung, mit körperlich gespürter Freude und Glücksgefühlen, die aus der Konzentration entstanden sind, ganz präsent im hier und jetzt zu verweilen.

Drittes Jhāna : Gelassenheit/Gleichmut (tatiyajjhāna)

Auf der dritten Stufe der Versenkung stellt sich eine tiefe, körperlich und geistig erfahrbare innere Gelassenheit ein und mit ihr eine tiefe innere Zufriedenheit. In dieser Zufriedenheit wird ein noch ruhigerer Geist als zuvor schon erlebt, der sich immer wieder wie von selbst von neuem einstellt. „Glückselig verweilt derjenige, der voll Gleichmut und Achtsamkeit ist“, heisst es im Anupada Sutta.

Viertes Jhāna : Reinheit der Achtsamkeit (catutthajjhāna)

Wenn dein Herz rein ist, dann sind alle Dinge deiner Welt rein. Gib diese vergängliche Welt auf, gibt dich selbst auf. Dann werden dir die Blumen und der Mond den Weg weisen.

Ryokan

In der vierten Stufe der Versenkung steht die Reinheit der Achtsamkeit im Vordergrund des Erlebens. Dabei ist das Bewusstsein vollkommen klar und die Achtsamkeit breitet sich über alle Erfahrungen aus, rein und unschuldig. Alle Bewertungen und Urteile sind in den Hintergrund der Aufmerksamkeit getreten. Alle inneren Teilpersönlichkeiten sind verstummt. Ein innerer Friede ist entstanden, der unser ganzes Erleben ergreift und tiefere Einsichten in das Wesen der Dinge zulässt. Die Sinne sind gereinigt und die Wahrnehmung von uns selbst, anderen und der Welt ist unverstellt, offen, rein. Die Selbststeuerung, d. h. die Lenkung der Aufmerksamkeit, gelingt ohne Hindernis, wie von selbst.


Versenkungsstufen und Innere Friedenskonferenz

Solange wir uns in den feinkörperlichen Versenkungsstufen befinden, treten immer wieder Alltagsthemen in den Vordergrund des Bewusstseins, die uns wichtig sind und vor allem solche, die uns unter den Nägeln brennen. Insbesondere in den ersten Tagen eines Sesshins, wenn die Müdigkeit gross ist, kann es sein, dass Gedankenzüge, Gedankenkreise und innere Vorstellungsbilder das Bewusstsein besetzt halten. Die kreative Seite ist oft ganz aktiv. Endlich kann sie über Dinge nachdenken, für die sie im Alltag nie Zeit hat! Je länger wir meditieren, desto älter werden die auftauchenden Erinnerung und zuweilen scheint es, als ob die Gedanken und Vorstellungsbilder vollkommen wirr und unsystematisch, chaotisch werden. Manchmal tauchen merkwürdige Körperempfindungen auf, die aus verdrängten Gefühlen und Stimmungen herrühren, die sich erst jetzt in der Stille der meditativen Versenkung ans Licht trauen. Eine Psychologin sagte in einem Einzelgespräch einmal: „Ich habe meine Lebensthemen schon lange psychologisch in unzähligen Therapien aufgearbeitet und jetzt werde ich hier auf dem Kissen doch tatsächlich wieder konfrontiert damit. Ich kann es nicht fassen!“ Meditation in äusserer und innerer Stille gibt dem, was im Alltag unterdrückt wurde Raum, sich entfalten zu dürfen. So können sich lang unterdrückte offene Gestalten endlich öffnen. Offene Gestalten haben von sich aus die Tendenz zu einer guten Schliessung der Gestalt. Anstatt von „Gestalten“ können wir auch von „Teilpersönlichkeiten“, „inneren Zuständen“ oder „Seiten“ sprechen.
Einmal kam ein Mann ins Einzelgespräch. Er erzählte mir, dass seine Frau vor 15 Jahren gestorben sei. Damals stand er mit zwei kleinen Kindern an ihrem Grab. Seither, so sagte er, musste er nur noch funktionieren, um seine Kinder grosszuziehen und um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Da war kein Platz für Traurigkeit, Tränen und um Abschied zu nehmen. Mithilfe der Teilearbeit fanden wir heraus, dass er eine sehr rationale, kopflastige Seite hat, welche ihn vor seinen Emotionen schützte. Die rationale Seite glaubte, sie müsse alle Emotionen unter Kontrolle halten, weil er sonst von der Traurigkeit überschwemmt werden würde und unfähig wäre, für seine Kinder da sein zu können. Im Sesshin war nun endlich die Gelegenheit gekommen, dass diese traurige, Abschied nehmende Seite sich mit ihren starken, kathartischen Emotionen zeigen konnte. Mit ihr kam auch ein Stück Lebendigkeit und Lebensfreude zurück. In der Meditation konnte er sowohl seine Traurigkeit als auch seine Freude vertieft durchleben.
Der Erfahrung nach zeigt sich nur so viel Unbewusstes in der Meditation, wie wir verkraften können. Zudem ist die Meditation ein kreativer Humus, in dem offene Gestalten, Teile, die wir verdrängt haben, zu einer Lotusblume heranwachsen können. In der Meditation ist das Bewusstsein viel innovativer, viel kreativer, als sonst. Das zeigt sich auch in einer Intensivierung und Verlängerung der nächtlichen Träume während eines Sesshins und zu Hause, wenn wir vor dem Schlafen gehen meditieren. Und unsere Träume verarbeiten ebenfalls zunächst mal unseren „Alltagsballast“, bevor sie den Weg für tiefere, spirituelle Einsichten freigeben. In Kombination mit Innerer Friedenskonferenz, sei es mit Einbezug der Träume oder ohne, ist Meditation eine wunderbare Gelegenheit für Wachstum und Reife!
Es geht in der Inneren Friedenskonferenz nicht nur um Schattenarbeit, sondern auch um die Möglichkeit ressourcenvolle Zustände zu kultivieren. Ressourcenvolle Zustände, die in der Meditation erfahrbar und kultivierbar sind, sind die 9 Zustände der Stufen der Versenkung: Hinwendung zur Meditation, innere Beruhigung, Gelassenheit, Reinheit der Achtsamkeit, Körperlosigkeit, unendlicher Raum, unendliches Bewusstsein, Nichtsheit, weder Wahrnehmung – noch Nicht-Wahrnehmung, Erlöschen. Zudem können wir Mitgefühl, liebevolle Güte, Freude und Gelassenheit uns selbst, anderen und allen Lebewesen gegenüber in der Meditation aktiv kultivieren. All das sind, wenn Meditation Teil unseres Lebens geworden ist und anfängt, im Alltag Wurzeln zu schlagen, wiederkehrende Ressourcen, Dünger für unser persönliches Wachstum.


Die Stufen der körperlosen Versenkung

Körper und Geist fallen lassen.

Dogen

Die folgenden Stufen heißen körperlose Versenkungsstufen, da hier das Empfinden oder die Wahrnehmung, einen eigenen, von der Umwelt abgegrenzten Körper zu haben, wie wir sie im Alltag kennen, nicht mehr vorhanden ist. Durch die unbewegte Sitzmeditation wird das Körperschema, das im Gehirn unseren Körper repräsentiert, inaktiver. Das Körperschema tritt noch mehr in den Hintergrund der Selbstwahrnehmung, wenn wir über längere Zeit in einem Dunkelretreat sind, also beispielsweise 10 Tage lang in einem kleinen Raum in vollkommener Dunkelheit über viele Stunden nahezu unbewegt meditieren. Der Grund dafür ist, dass wir unseren Körper nicht mehr visuell wahrnehmen können.

Entwicklungsgeschichtlich entsteht unser Körper-Ich, also die Körperempfindung und die Wahrnehmung, dass wir einen eigenen, abgegrenzten Körper haben, ganz früh in den ersten Wochen nach unserer Geburt. Das Körperschema beruht auf den inneren Körperwahrnehmungen aufgrund der Zustandsänderungen der inneren Organe, z. B. der Herz- und Atemfrequenz, Darmperistaltik, der Spannungen der Gefässe und Gewebe, des Bindegewebes, die Körperspannung der Muskeln, der Wahrnehmung von Temperaturunterschieden sowie der sog. Propriozeptionen, d. h. der Körperbewegungen, die wir innerlich anhand der Veränderungen des Bewegungsapparates und äusserlich anhand der Veränderungen in Bezug zum äusseren Raum wahrnehmen. Die Erfahrungen des Körper-Selbstes sind auch bedingt durch die komplexen Wechselwirkungen zwischen dem Nervensystem, dem Hormonsystem und dem Immunsystem, wie sie in der Psychoneuroimmunologie und der Psychoendokrinologie erforscht werden. Der Einfluss des sympathischen und parasympathischen Nervensystems spielen hierbei eine wichtige Rolle. Wie hoch ist der erlebte Stress, wie hoch ist die Entspannung des körperlichen Gesamtsystems? Eine Reihe von Hormonen haben überdies Auswirkungen auf die körperliche Grundstimmung. Wenn beispielsweise der Blutzuckerspiegel sinkt, sinkt neben dem körperlich fühlbaren Energielevel meist auch die Stimmung.
Unser Körper-Ich ist das erste „Ich“, das in unserer Individualentwicklung entsteht. Es ist der Kern unseres Ich-Bewusstseins. Erst danach entstehen entwicklungsgeschichtlich unser Emotionales-Selbst sowie unser Denkendes, Reflektierendes Selbst. Das Körper-Ich begleitet nahezu all unsere Teilpersönlichkeiten und inneren Zustände. Schizophrenien, Psychosen und traumatische Erlebnisse können die Entwicklung des Körper-Selbsts unterbrechen, hemmen oder stark verändern. Die Erfahrung des eigenen Körpers ist mit bedingt durch unsere Grundstimmungen, die in der Tiefe unser Körper-Selbst prägen. So kann man unterscheiden zwischen einer Grundstimmung der Geborgenheit im eigenen Körper und der Grundstimmung, nicht im eigenen Körper und auf dieser Welt willkommen zu sein.
Das Körper-Selbst ist auf jeden Fall eine sehr relative Grösse. Es kann sich plastisch verändern. In Träumen können wir uns vollkommen körperlos erleben und ebenso in tiefen Meditationszuständen.

Hinderlich für das Fallenlassen unseres Körper-Selbsts sind körperliche Schmerzen während der Meditation. Denn Schmerzen binden uns an unseren Körper. Wie sollen da körperlose Versenkungszustände erlebt werden? Daher ist ein liebevoller, fürsorglicher Umgang mit dem eigenen Körper wichtig während eines Sesshins und auch im Dunkelretreat. Buddhismus heisst Befreiung vom Leid und nicht Vermehrung des eigenen Leids, indem man im langen Sitzen seine Kniescheiben durchsitzt oder erfolgreich eine Bandscheibe verschiebt oder gar mit Schmerzmitteln meditiert, um den Lotussitz bis zum Ende des Tages durchhalten zu können. In solchen Fällen stehen uns Anteile wie der innere spirituelle Perfektionist oder die Seite, die vor den anderen gut Dastehen möchte im Weg, während es doch darum geht, Körper und Geist fallen zu lassen! Wenn uns ein mitfühlender, fürsorglicher Umgang mit unseren Schmerzen gelingt, können wir, wenn wir tiefer kommen in der Meditation, erkennen, dass sogar Schmerzen eine allumfassende, mystische Qualität haben können. Dies erfassen wir jedoch erst, nachdem wir unseren Schmerz und unsere Umgangsweisen damit selbstfürsorglich sehr genau kennengelernt haben.

Fünftes Jhāna : unendlicher Raum (ākāsanañcayatana)

Kennt der Wind, der die Erde umkreist, eine Grenze?

Zen-Vers aus dem Hekiganroku

Um diese Stufe zu erreichen wird mit Einspitzigkeit im Zustand des vierten Jhānas verweilt. Vor allem durch das lange, unbewegliche sitzende Meditieren in Stille löst sich das eigene Körpergefühl auf. Die eigenen räumlichen Begrenzungen werden als unbegrenzt erlebt. Das eigene Bewusstsein dehnt sich aus und ist nicht mehr gefangen in einem Körper. Meditierende, die mit solchen Erfahrungen ins Einzelgespräch kommen, berichten beispielsweise: „Ich war vollkommen körperlos, leicht, wie eine Feder in der Luft.“

Sechstes Jhāna : unendliches Bewusstsein (Viññānañcâyatana)

Wenn das räumliche Erleben des eigenen Körpers ausgelöscht ist, dann bleibt nur ein unbegrenztes, unendliches Bewusstseinserlebnis übrig. Dieses unendliche Bewusstsein kann in einem Sesshin und vor allem ganz deutlich im Dunkelretreat erlebt werden, bei dem man sich in der Regel über viele Tage in einem ziemlich kleinen Raum aufhält.

Siebtes Jhāna : Nichtsheit (ākiñcaññâyatana)

So umfangreich und tief dein Wissen auch ist, es ist nicht grösser, als eine Haarsträhne im weiten leeren Raum. So wichtig dir deine weltliche Erfahrung auch erscheint, sie ist wie ein Wassertropfen, der in eine tiefe Schlucht fällt.

Tokusan

In der siebten Stufe der Versenkung, wenn auch das Bewusstsein aller Inhalte entledigt ist, bleibt nur Nichtsheit.

Der Weg ist jenseits der Sprache – auf ihm gibt es kein Gestern, kein Morgen, kein Heute.

aus dem Shinjinmei

Auch das Zeitempfinden, das sich auf den unterschiedlichen Zustandsstufen zunehmend verändert, löst sich auf den körperlosen Zustandsstufen vollkommen auf.

Erlebe Zen! Denn es kann nicht beschrieben werden. Versuchst du, es zu beschreiben, verfehlst du es. Wenn du erkennst, dass all deine Erörterungen und Beweise substanzlos sind, wirst du feststellen, dass Worte nur Staub sind.

Hsu Yun

Auf den Ebenen der körperlosen Meditationsstufen zeigt sich die Inadäquatheit der Sprache, um das Erlebte auszudrücken. Denn all unsere sprachlichen Begriffe suggerieren, dass es etwas gibt, das sich wie ein Ding, ein „Etwas“ beschreiben lässt. Als Kinder lernen wir Sprache, indem wir Dinge benennen lernen, mit denen wir umgehen, um andere verstehen, mit ihnen kommunizieren und handeln zu können: „Mamma“, „Papa“, „Essen“, „Auto“ etc. Mit der Zeit verstehen wir als Kinder auch Worte für innere Zustände, Gefühle, Gedanken, Vorstellungsbilder, Wünsche und lernen, auch darüber, wie von „Dingen“ zu sprechen. Die Sprache verleitet uns also dazu, uns selbst, andere, innere Erfahrungen und unsere Umwelt als substanzielle Dinge wahrzunehmen. Doch so etwas wie „Nichtsheit“ bezeichnet eben keinen Gegenstand, kein „Etwas“, was irgendwo existierte. Insofern ist „Nichtsheit“ nur ein Wort, das letztlich auf eine unsagbare, unaussprechliche Erfahrung verweist. Im Spätbuddhismus spricht man von shunya oder shunyata (Sanskrit) – der Erfahrung der „Leerheit“.

Achtes Jhāna : weder Wahrnehmung noch Nicht-Wahrnehmung (nevasaññā-nasaññayatana)

Geht das Ohr zum Klang oder kommt der Klang zum Ohr?

Zen Koan

In der Erfahrung der Nichtsheit und Leerheit verschmilzt letztlich im Zustand tiefer Absorbtion das Wahrgenommene mit dem Wahrnehmenden. Es gibt kein Subjekt mehr, das wahrnimmt und kein Objekt, das wahrgenommen werden kann. Alles ist eins und Leere zugleich, wie es im Zen heisst.

Neuntes Jhāna : Erlöschungszustand (Nirodha Samāpatti)

Erde, Berge, Flüsse – im Nichts versteckt. Im Nichts – Erde, Berge, Flüsse offengelegt. Im Frühling Blumen – im Winter Schnee. Da ist weder Sein, noch nichts, noch deren Gegenteil.

Saisho

Diese letzte Zustands-Stufe ist das totale in den Hintergrund treten, resp. der komplette Wegfall oder das Vergessen von Wahrnehmung, Körperempfindung, Gefühl, sprachlichen und geistigen Funktionen. Dieser wohl gemerkt, vorübergehende Zustand kann verglichen werden mit dem traumlosen Tiefschlaf und dem Tod. Der Unterschied zu einem Toten, wird im Palikanon gesagt, besteht lediglich darin, dass der in tiefe Meditation Versunkene noch lebt und die Lebenswärme (usmā) nicht erloschen ist und die Wahrnehmung, die Körperempfindung, Gefühl, das Erinnerungsvermögen und sprachliche und andere geistige Funktionen nicht zerstört worden sind.

Was kommt danach?

Doch was kommt nach dieser letzten Zustands-Stufe? Im Majjhima-Nikaya steht hierzu: „Er trat achtsam aus jenem Erlöschungszustand heraus. Nachdem er das getan hatte, betrachtete er die vergangenen Zustände, die aufgehört und sich verändert hatten, folgendermassen: In Bezug auf jene Zustände verweilte er, ohne angezogen zu werden, ohne abgestossen zu werden, unabhängig, ungebunden, frei, losgelöst, mit einem unbeschränkten Herzen. Er verstand: ‚Es gibt nichts mehr jenseits davon‘, und mit der Pflege jenes Erlöschungszustands bestätigte er, dass es nichts mehr gibt.“

Die Besonderheit des Zen liegt darin, darüber, worüber sich nicht sprechen lässt, poetisch, mit Gleichnissen aus der Natur zu sprechen, Geschichten über zwischenmenschliche Begegnungen zu erzählen, Übertreibungen und Widersprüche zu verwenden und zu handeln. Damit wird letztlich das Nachdenken über Orientierungen und „Karten für innere Zustände“ hinfällig. In dieser Einfachheit tragen Leichtigkeit und Humor das ihre dazu bei, uns zu motivieren, die „Karten unserer Innenwelt“, mit denen unser innerer spiritueller Perfektionist und unser Leistungsteil voran kommen will und an denen unser innerer Kritiker uns und andere misst, hinter uns zu lassen. Letztlich geht es darum, unvoreingenommen und erwartungslos eigene Meditationserfahrungen zu sammeln und auf dem Marktplatz unseres Alltags daraus ganz selbstverständlich und ohne Aufhebens zu leben, wie ein Blatt im Wind.

Vor dem Buddha-Schrein pisst ein Hund zum Himmel.

Zen Koan

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