James E. Marcia: Berufswahl, sexuelle, politische und ideologische Identität

Autor: Peter Widmer

James E. Marcia (State Univ. New York)

Wie Jugendliche ihre berufliche Rolle, aber auch ihre sexuelle, politische und ideologische Identität finden, beschreibt der Entwicklungspsychologe James E. Marcia.
Sein Modell lässt sich nicht nur auf Jugendliche anwenden, sondern auch auf Erwachsene, da wir in unserer heutigen Gesellschaft, in der sich Berufsbilder, aber auch andere Rollenidentitäten, die wir in unserem Leben einnehmen, schnell wandeln und uns in eine Identitätskrise stürzen können, beispielsweise durch Jobverlust, Neuausrichtung in der Arbeitswelt, in Beziehungskrisen oder im Übergang vom Muttersein zurück in die Arbeitswelt.
Innere Friedenskonferenz (IFK) und Meditation können diese Prozesse unterstützen zugunsten einer gelingenden Identitätsfindung.

Drei Schritte von der Krise zur neuen Identität

Marcia unterscheidet drei zentrale Dimensionen der Entwicklung der eigenen Rollenidentität.

  1. Krise: Ausmaß an Unsicherheit, Beunruhigung, Widerstand gegen Veränderung, Festhalten an eingefahrenen, gewohnten Verhaltensmustern und Rebellion.
  2. Verpflichtung: Umfang von Engagement und Bindung an Dinge, Personen, Verhaltensweisen.
  3. Exploration: Ausmaß an Erkundung eines Lebensbereichs mit dem Ziel einer besseren Orientierung und Entscheidungsfindung = entscheidende Strategie zur Bewältigung von Identitätsproblemen.

Ausmass der Festlegung auf einen Beruf/die sexuelle, politische oder ideologische Ausrichtung

Marcias vier Identitäts-Stadien wurden unter dem Begriff Identity-Status-Modell bekannt und sind durch das Ausmaß der Festlegung in verschiedenen Lebensbereichen sowie durch das Ausmaß an Exploration in diesen Bereichen definiert.

Die vier Identitätszustände nach Marcia (1980)

  1. Diffuse Identität: keine eindeutige Festlegung für Werte und Beruf.
  2. Übernommene Identität: Festlegung auf Berufe oder Werte, die von Eltern oder anderen bedeutsamen Bezugspersonen ausgewählt wurden. Hierbei ist die Gruppenzentrierte Entwicklungsstufe massgeblich. (Siehe dazu hier)
  3. Moratorium: Gegenwärtige Auseinandersetzung mit beruflichen oder sonstigen Wertfragen.
  4. Erarbeitete Identität: Eindeutige Festlegung auf einen Beruf oder eine Wertposition, die wir selbst ausgewählt haben. Hierbei ist die Selbstbestimmende Entwicklungsstufe massgebend. (Siehe dazu hier)

Der Übergang von der übernommenen zur erarbeiteten Identität entspricht der allgemeinen Wachstumskrise von der Gruppenzentrierten zur Selbstbestimmenden Entwicklungsstufe. Diffuse Identität und Moratorium können je nach Verlauf beeinflusst sein durch ungelöste Entwicklungsknotenpunkte auch auf früheren Entwicklungsstufen, sowie durch strukturelle und gesellschaftliche Bedingungen wie z. B. hohe Arbeitslosigkeit, Korruption, beschränkten Zugang zu Arbeit u. dergl. mehr.

Verläufe im Ringen um berufliche, sexuelle, ideologische Identität

Marcia unterscheidet auch mehrere mögliche Verläufe im Ringen um die Identität:

Progressive Verläufe: erreicht über das Moratorium die erarbeitete Identität.
Regressive Verläufe: enden bei einer diffusen Identität.
Stagnierende Verläufe: verweilen bei der übernommenen oder diffusen Identität.

Alle diese Verlaufsformen sind häufig mit Stress verbunden. Ist der Stress gross, so reggredieren wir in der Regel auf frühere Stufen in unserer Entwicklung. Dieser Rückfall kann punktuell sein und wenn der Stress intensiv ist und langanhaltend, kann die Reggression dauerhaft werden. Regressive Verläufe, die bei einer diffusen Identität enden, sind meist mit sehr viel Stress für die betreffende Person verbunden und können in psychische und psychosomatische Krisen hinein führen.
Bei progressiven Verläufen hingegen sind innerpsychische Ressourcen in Form von inneren Zuständen/Haltungen/Teilpersönlichkeiten vorhanden, um mit Stress und der schwierigen Situation gelingend umzugehen. Ein Umfeld das diese Ressourcen erkennen und unterstützen kann, kann hier enorm hilfreich sein.

Diffuse Identität

Aufgrund eines starken Anstiegs des Anteils der diffusen Identität in unseren westlichen Gesellschaften (von 20% auf 40%), hat Marcia in einer Studie (1989) die diffuse Identität genauer analysiert und vier Arten unterschieden (vgl. auch Oerter & Dreher 2002, Kraus 2003):

  1. Entwicklungsdiffusion (developmental diffusion): Die Person befindet sich in der Entwicklung. Für eine erarbeitete Identität sind die Bedingungen gegeben, allerdings ist der Zustand der verbindlichen Festlegung zeitweilig ausgesetzt. Die Chance besteht, dadurch Alternativen zu bedenken und Neues auszuprobieren. Die Entwicklungsdiffusion entspricht am ehesten der ursprünglichen Identitätsdiffusion und ist eine Übergangsform zum Moratorium oder zur erarbeiteten Identität.
  2. Sorgenfreie Diffusion (carefree diffusion): In diesem Fall ist die Person unauffällig und erscheint angepasst und kontaktfreudig. Die Kontakte sind aber nur oberflächlich und kurz. Die Person ist unfähig, berufliche oder ideologische Verpflichtungen einzugehen, d.h., es existieren keine verbindlichen Werte.
  3. Störungsdiffusion (disturbed diffusion): Die Störungsdiffusion tritt häufig als Folge eines Traumas oder einer unbewältigten kritischen Lebenssituation auf. Die Person hat einen Mangel an inneren und äußeren Ressourcen und weiß nicht, wie sie mit dieser Lebenssituation fertig werden soll. Dadurch ist sie häufig isoliert und hilft sich u.a. mit unrealistischen Größenphantasien und dem Wiederholen gewohnter Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster, ohne dass dies zu einer Veränderung führt. Die krisenhafte Identitätsfindung und die damit verbundene Störungsdiffusion können sich dadurch chronifizieren.
  4. Kulturell adaptive Diffusion (adaptive diffusion): Für unsere schnellebige, multikulturelle Gesellschaft, in der ständig neue Arbeitsformen entstehen und und alte wieder vergehen, ist die kulturell adaptive Diffusion eine reguläre, zentrale Form der Identität. Sie bildet sich, wenn Unverbindlichkeit, Offenheit und Flexibilität gefordert werden. Vielen Menschen erscheint es als sinnvoll, sich weder beruflich, noch privat auf gewisse Rollen eindeutig festzulegen, um den sich ständig wechselnden Anforderungen besser gerecht werden zu können. Denn mit eindeutigen, unumstösslichen Wertvorstellungen und Lebenszielen kann man sich an rasch wechselnde Bedingungen nicht so schnell anpassen.  Dennoch werden solche Wertvorstellungen und Lebensziele gefördert von zunächst unhinterfragten gesellschaftlichen Normen und Wertvorstellungen, die als „normal“ gelten.

Kulturell adaptive Diffusion und persönliches Wachstum

Gerade die kulturell adaptive Diffusion kann immensen Stress bedeuten. Denn sie verlangt permanentes Lernen, Veränderungsbereitschaft und fordert, Ungewissheit auszuhalten.
Eine „sorgenfreie“, gelingende adaptive diffuse Identität ist nur möglich, wenn wir in unserer persönlichen Entwicklung reifen, d. h. den Schritt von der Selbstbestimmten Entwicklungsstufe zur Hinterfragenden und Selbstaktualisierenden Stufe vollziehen. (Siehe dazu: hier) Für Marcia bedeutet dies, dass wir, indem wir uns entwickeln, so etwas wie ein „inneres Zentrum“, eine „innere Mitte“, man könnte auch sagen ein „SELBST“ herausbilden, welches durch zunehmende Selbsterkenntnis sich seine eigene, einzigartige Identität konstruiert. Auf diesem Weg werden auch die unhinterfragten gesellschaftlichen Wertvorstellungen hinterfragt und die eigenen, persönlichen Werte werden entwickelt.
Persönliche Wachstumsprozesse und Fortentwicklung sind unumgänglich in unserer hochkomplexen, modernen Gesellschaft, wenn wir ein gutes, glückliches Leben und Arbeiten und konstruktive, gelingende zwischenmenschliche Wechselwirkungen haben möchten.

Pädagogische Massnahmen und Empfehlungen

Welche pädagogische Maßnahmen und Empfehlungen gibt es bezüglich der vier Identitätstypen?

Jugendliche mit erreichter Identität

  • Verantwortung geben nach Maßgabe ihrer Kompetenzen
  • Raum geben, Möglichkeit andere Rollen zu erproben
  • Auf Entscheidungen stützen zum Aufbau der Identität

Jugendliche mit vorweggenommener Identität

  • Durch kritische Argumentation verunsichern (Gegenargumente), um sie in ihrer Selbstbestimmung zu fördern
  • Die „heile Welt“ des Gruppenzentrierten in Frage stellen
  • Helfen, sich vom Elternhaus abzulösen, um die selbstbestimmte Entwicklungsstufe zu unterstützen – eine ermutigende Zu-Mutung, auf eigenen Beinen zu stehen und sich selbst finanzieren zu können

Jugendliche im Moratorium

  • Verantwortung und Zeit geben eine Rolle auszuleben – ausprobieren können
  • Vertrauen schenken und finanzielle Grudabsicherung ohne zu verwöhnen
  • Helfen, Entscheidungen zu treffen (alle Möglichkeiten gedanklich und emotional durchspielen)
  • Zeit für sie haben und mit ihnen reden

Jugendliche mit diffuser Identität

  • Helfen, Bindungen aufzubauen, die Stabilität ermöglichen, also die gruppenzentrierte Entwicklungsstufe vertiefen helfen, u. a. auch durch klare Ratschläge und Handlungsempfehlungen (wann? wo? wie? was? – genaue Anweisungen geben)
  • Man sollte ihnen Verpflichtungen übergeben und ihnen helfen diese einzuhalten, also die selbstbestimmende Entwicklungsstufe vertiefen helfen
  • Wichtig ist eine wertschätzende Begleitung! Jegliche Form von despektierlichen Abwertungen, Ausgrenzungen, zynischen, sarkastischen Humor und dergl. meiden!

Innere Friedenskonferenz & Meditation

Eine Innere Friedenskonferenz für Jugendliche und/oder Eltern oder Erwachsene bei der Suche nach ihrer Rollenidentität in Beruf, sexueller Ausrichtung oder in Wertefragen, verbunden mit Meditation, kann eine solche Zeit der Identitätsfindung einfacher gestalten und persönliches Wachstum fördern. Eine Innere Friedenskonferenz und Meditationen eignen sich insbesondere dann, wenn Menschen auf späteren Entwicklungsstufen, das können Jugendliche oder Erwachsene sein, deren Entwicklungsschwerpunkt auf der selbstbewussten und/oder hinterfragenden Stufe liegt, mit diffuser Rollenidentität in Krisen geraten. Damit wir an Identitätskrisen reifen!

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