Leiblichkeit und Weiblichkeit in spirituellen Traditionen

Autor: Peter Widmer

Katharina Ceming

In diesem zweiten Teil des Interviews mit Katharina Ceming geht es um die Rolle des Körpers / der Leiblichkeit und damit einhergehend, der Weiblichkeit in spirituellen Traditionen. Nicht nur unsere westliche Kulturgeschichte, auch die Kulturgeschichten der Spiritualitäten lassen sich, mit wenigen Ausnahmen, als Verdrängungsgeschichten des Leiblichen und Weiblichen diagnostizieren.
Eine moderne, wahrhaft ganzheitliche Spiritualität tut gut daran, diese beiden bislang verdrängten Dimensionen des Menschseins mit einzubeziehen, denn Körper und Geist / Seele, männlich und weiblich wirken stets wechselseitig aufeinander ein, sowohl im einzelnen Menschen, als auch in unserer Gesellschaft, in Familien und am Arbeitsplatz.

Die Verdrängung des Leibes in spirituellen Traditionen

Peter Widmer (PW): Der Philosoph Gernot Böhme hat diagnostiziert, dass es seit Platon, über die Kirchenväter, die Aufklärung bis in die Neuzeit und unsere heutige Arbeitswelt und Leistungsgesellschaft hinein eine Verdrängung und Abwertung des Leiblichen gibt, die unser Leben prägt. Die moderne medizinische Forschung, so Böhme, ist lediglich eine Fortsetzung dieser Tendenz der Verdrängung des Leibes, da hier der, wie Böhme sagt, „Körper des anderen“ mittels objektivierbaren Daten analysiert und vermessen wird und das persönliche innere Erleben des Einzelnen nicht mehr gefragt ist und dessen Richtigkeit bezweifelt wird.
Man könnte argumentieren, dass wir dem auch in der modernen Meditationsforschung begegnen, die seit den 70er Jahren Einzug gehalten hat. Gerade in der neusten neurobiologischen Forschung hat man ja das Problem, dass man die sog. „Qualia“ – also das innere Erleben, idealtypisch beschreiben muss – und irgendwelchen Messdaten z. B. im Pet-Scan wahrnehmbaren Gehirnvorgängen zuordnen muss. Ken Wilber beschreibt das ja auch schön mit seinen vier Quadranten, wenn es um die moderne Meditationsforschung geht. Böhme sagt, dass damit die Innenwelt und das eigene, persönliche Erleben sozusagen zum Sekundären abgewertet wird, zugunsten objektiver Daten. Das erlebe ich ein Stück weit auch als Meditationslehrer, wenn ich über die neusten Meditationsforschungen berichte. Das eigene innere Erleben in der Meditation kann von den objektiven Daten auch abweichend sein. Aber zur Kernfrage, die ich dir stellen möchte: Gibt es eine Leibfeindlichkeit auch in den spirituellen Traditionen?

Katharina Ceming (KC): Ja, auf jeden Fall. Alle spirituellen Traditionen haben mehrheitlich ganz klar den asketischen Weg gewählt. Das hat damit zu tun, dass wir in allen spirituellen Systemen, die wir traditionell kennen, eine scharfe Dichotomie haben zwischen Immanenz und Transzendenz, auch wenn der Buddhismus und insobesondere das Mahayana versuchen, diese Unterscheidung aufzuheben. Aber mit dieser Dichotomie von Immanenz und Transzendenz haben wir eine ganz klare Wertigkeit von Materie und Geist: Das Geistige ist gut, das Materielle ist schlecht, ist zu überwinden. Ewig, unsterblich, leibfrei ist nur das Geistige und diesen „Drive“ haben wir überall, ob im Hinduismus oder im Buddhismus.
Wir haben in allen Traditionen aber immer auch Parallelbewegungen, die dagegen vorgegangen sind, die aber nie die Mehrheit ausgemacht haben. Und dieser Strang der Abwertung des Leibes ist, wenn wir die Geschichte der spirituellen Systeme untersuchen, die Mehrheit, völlig egal, ob wir da in die Griechisch-Christliche Tradition gehen oder ob wir nach Indien gehen: das Geistige ist immer das Höherwertige und das führt zwangsläufig immer zu einer Abwertung des Körperlichen.
Das andere, was du angesprochen hast, die Objektivierung des Körperlichen in den Naturwissenschaften, das ergibt mehr Sinn, wenn wir mit Ken Wilbers vier Quadranten auf die Meditationsforschung und unseren Alltag schauen.
Wir haben den „Ich-Innen-Quadranten“, in dem der Meditierende seine Meditationserfahrungen schildert. Gleichzeitig ist er z. B. an einem EKG und einem EEG angeschlossen, wo die Forscher die Herztätigkeit, die Atemfrequenz und die Gehirnströme messen und so zu objektiven Daten gelangen. Die Forscher schauen also aus dem „Ich-Aussen-Quadranten“ und erkennen etwas völlig anderes, als das, was der Meditierende in seinem Innenraum erlebt. Das Spannende ist ja jetzt, dass ein Dialog zwischen den beiden Bereichen ingangkommen kann. Der Forscher erzählt dem Meditierenden, dass sein Blutdruck sinkt, ebenso seine Herz- und Atemfrequenz und dass im Gehirn ganz viele z. B. Deltawellen zu beobachten sind. Und der Meditierende kann dem Forscher dann berichten, was währenddessen in ihm vorgeht, z. B. eine tiefe innere Stille und dass ein Gefühl grosser Entspannung sich in seinem Körper breit macht. Auf diese Weise können hier zwei Perspektiven aufeinander bezogen werden: die eigene Innen- und die Aussenperspektive.
Und jetzt wird’s sowohl für Meditierende sowie für Viele, die Meditation nicht kennen interessant. Denn wir leben in einer Welt, in der das Denken eine grosse Rolle spielt. Wir haben ein Bedürfnis, die Welt mittels des Denkens verstehend zu erschliessen. Und dieses Verstehen-Wollen ist vermutlich der wichtigste Aspekt. Denn wenn wir Dinge verstehen können, dann können wir auch anders agieren. Von daher ist Meditationsforschung ganz spannend.
Wenn wir uns Forschungsstudien der vergangenen 30 Jahre im Bereich des Schamanismus und der Meditation anschauen, dann lässt sich ein sehr deutlicher Trend erkennen.
Noch bis in die 50er und 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein und teilweise auch noch später wurden schamanistische und meditative Erlebnisse als eine Art von Geisteskrankheit abgetan. Mystiker galten beispielsweise als Epileptiker und Verrückte und Meditation als Regression. Die Ergebnisse der modernen Forschung zeigen jedoch etwas ganz anderes: auf einmal sieht man, dass da ganz bestimmte Dinge im Gehirn und im Körper vor sich gehen, die positive Wirkungen auf unser Wohlbefinden, unsere Gesundheit und unsere Resilienz haben.
Und wenn wir mit Ken Wilbers  „Wir-Innen-Quadranten“ auf unsere zwischenmenschlichen Wechselwirkungen schauen und fragen: In welcher Kultur sind wir in unserem westlichen Arbeits- und Familienalltag eigentlich unterwegs? Dann erkennen wir, dass wir in einer Kultur leben, in der es ganz stark um dieses gedankliche Verstehen, aber auch um Leistung, Effizienz und Ökonomisierung geht. Aus dieser Perspektive können wir auch kritisch unsere Tendenz reflektieren, alles in Effizienz- und Gewinnmaximierungschemen zu pressen und bewusst gegensteuern. Indem wir diese dominanten kulturellen Tendenzen bewusst wahrnehmen, um z. B. in einem Unternehmen Angebote zu schaffen, die dazu führen, dass Menschen nicht nur ausgepresst werden, sondern dass bewusst eine Unternehmenskultur geschaffen wird, in der es auch wichtig ist, dass die Mitarbeitenden sich in ihrer geistigen und körperlichen Verfassung gut fühlen, wo gesundheitliche Aspekte und die Qualität der zwischenmenschlichen Wechselwirkungen im Vordergrund stehen.
Aufgrund der Meditationsforschung wissen wir heute um den Beitrag der Meditation zur Schaffung einer solchen Unternehmenskultur, die dem Menschen dient, die Stress reduziert, die Menschen gelassener macht und offener für konstruktive zwischenmenschliche Wechselwirkungen. Damit muss noch gar keine tief spirituelle Dimension mit einfliessen.
Aus diesem Grund würde ich nun nicht per se sagen: Objektivierung in der Meditationsforschung ist „böse“. Ganz im Gegenteil. Doch diese Gefahr besteht, wenn dies in einer bestimmten Ausschliesslichkeit betrieben wird, d. h., wenn es um eine reine Funktionalisierung und Ökonomisierung der Spiritualität zur blossen Selbstoptimierung und Gewinnmaximierung geht.
Die Umkehrung im „Wir-Innen-Quadranten“ der Werte lautet dann ja wieder: „Wenn du jetzt meditierst und nicht die gefragte Leistung erbringst und es dir nicht gut geht, dann bist du selber schuld!“ Und das ist die Gefahr, die da auch lauert, denn Spiritualität dient nicht per se zur Selbstoptimierung, sondern sie ist normalerweise in ein grösseres Ganzes eingebunden. Dass wir heute mit naturwissenschaftlichem Interesse darauf blicken, ist ganz klar und auch ganz spannend. Dass Menschen seit Tausenden von Jahren durch Meditation in ihren Innenraum gingen wurde in der Neuzeit weitgehend belächelt und man sagte: „die spinnen!“ Doch jetzt wissen wir: „die spinnen überhaupt nicht, sondern da passiert ganz schön viel.“ Und das finde ich in einer wissenschaftsgläubigen Zeit schön, denn das überzeugt Viele, zu sagen: „ok – ich probiers!“ Früher war es vielleicht der religiöse Impuls „ich will zu Gott kommen“, „ich will Erleuchtung erlangen“ und heute kanns vielleicht sein, dass der eine oder andere sagt: „aha, ok, meditieren tut vielleicht ganz gut, ich probiers mal aus und vielleicht ergibt sich daraus wieder was, was mir wirklich gut tut und was ich für mein Leben weiter entwickeln möchte“.

PW: Ganz genau. Ich erlebe als Zen-Lehrer auch immer öfter seit den vergangenen 10-15 Jahren, dass Menschen, deren Schwerpunkt – im System von Spiral Dynamics – auf Orange oder Grün ist und die ganz stark von unserer Leistungsgesellschaft geprägt sind, durch diese objektivierbaren Daten motiviert werden, sich einen Zugang zur Meditation zu schaffen. Sie wollen Mal was für sich selbst machen, innerlich zur Ruhe kommen und entstressen und was verändern in ihrem Leben.
Welches sind für dich die positiven Ausnahmen punkto Einbezug des Körperlichen in den spirituellen Traditionen? Ich denke da beispielsweise an den Tantrismus, der den Hinduismus, Buddhismus und auch Yoga sehr beeinflusst hat. Also was sind die Ausnahmen, von denen wir heute was lernen können, und die wir auch in andere spirituelle Praktiken mit einbeziehen könnten?

KC: Du hast den Tantrismus gerade genannt. Das stimmt, der Tantrismus war und ist gerade eine der Strömungen, die ganz klar versucht haben, den Körper stärker mit einzubeziehen. Von der Grundidee her haben wir dies in der Weiterentwicklung des Mahayana-Buddhismus – wo es um die Non-Dualität geht, die zum Teil das Zen auf seine Agenda genommen hat.
Der Grundgedanke ist, wenn es keine Trennung von Samsara – dem leidvollen Kreislauf unseres Daseins, unserer Welt – und Nirvana – Dem Absoluten – gibt, und da wesenhaft gar keine Unterscheidung gemacht werden kann, dann brauche ich auch gar nicht aus dieser Welt zu fliehen, sondern der Übungsweg ist der Versuch zu verstehen, wie diese beiden Dinge wesenhaft miteinander verbunden sind.
Dass der spirituelle Weg dann wesenhaft auch viele asketische Momente beinhalt, das haben wir gesehen. Aber das Ende – wenn man beispielsweise das 10. Ochsenbild im Zen betrachtet – steht die Integration.
Wenn man in die christliche Tradition geht, findet man das beispielsweise bei Meister Eckhart, bei dem die Leibfeindlichkeit gerade nicht im Vordergrund steht. Er ist da aber auch wirklich die Ausnahme. Er ist einer, so könnte man sagen, der eigentlich dieses Zen-Modell verfolgt hat, diese Integration der Spiritualität in den Alltag, der davon nicht getrennt sein soll. Also nicht dieses ekstatische Aus-Sich-Hinaustreten und die Selbstkasteiungen, die in der mittelalterlichen Christlichen Mystik ganz extrem waren in den Klöstern. Eckhart hält weder was von diesen extremen Fastenpraktiken noch von den masochistischen Formen der Selbstkasteiung, sondern es ist die Idee, dass dieses Göttliche in jedem Lebensvollzug, sei es im Stall oder auf dem Feld, wirklich erfahren werden kann. Da ist eine andere Bewertung mit drin, wo Eckhart sagt, das ist alles das Göttliche. Problematisch ist eigentlich, das thematisiert er sehr stark, unsere Haltung zur Welt. Nicht unsere Welt ist das Problem, sondern es ist unser Modus des „Haben-Wollens“. Und wenn wir es schaffen, diesen Modus, diese innere Haltung aufzuknacken, dann ist die Welt nicht das Problem.
Evagrius Ponticus, einer der grossen Wüstenväter der frühchristlichen Tradition hat es in einem seiner kurzen Sprüche so ausgedrückt: „wäre die Welt oder die Frau oder das Gold das Problem, Gott hätte sie nicht geschaffen.“ Das sind natürlich diese Dinge, die für das asketische und monastische Feld ganz zentral waren und die aufgegeben werden sollten, aber es geht um die innere Haltung dazu. Leider hat man in vielen spirituellen Traditionen nicht sonderlich scharf differenziert, beziehungsweise einfach aufgrund dieser sehr starken Heils- und Erlösungssehnsucht, die mit Spiritualität verbunden war, das Körperliche abgewertet.
Die positiven Beispiele sind unendlich viel geringer, als die negativen.
In der Hindutradition gibt es innerhalb der Bhakti-Kulte einige Bewegungen die versucht haben, das Positive des Körperlichen mit rein zu nehmen. Doch es waren die Minderheiten.
Eine andere Tradition, die das Körperliche auch mit einbezieht, ist die Chassidische Tradition der Juden. Da ist durchaus auch die Integration des  Körperlichen stärker mit im Blick. Doch die klassischen Spiritualitätstraditionen sind sehr stark asketisch orientiert und mit der Askese kommt eine Leibfeindlichkeit.

Askese und Engagement im Kontext traditioneller und moderner Weltbilder

PW: Im Frühbuddhismus werden in frühen Sutren Übungen beschrieben, bei denen es darum geht, sich der Vergänglichkeit bewusst zu werden, die sehr asketisch anmuten, wie beispielsweise Leichenfeldbetrachtungen oder die Visualisierung des eigenen Körpers wie er verfallend und absterbend  vorgestellt wird. Aber auch im Mahayana-Buddhismus gibt es extrem asketische Praktiken, wie beispielsweise im Tiendai-Buddhismus, wo eine fortgeschrittene Praxis darin besteht, dass man 9 Tage lang ohne Schlaf, ohne Essen und ohne Trinken meditiert und jeden Tag an einer Quelle Wasser schöpft und damit ein Ritual vollzieht, sekundiert von zwei Begleitern, die dieses neuntägige Ritual bereits gemacht haben. Hierbei geht es in radikaler Form darum, dem Tod so nahe wie möglich zu kommen, um die Angst vor ihm letztlich zu überwinden und dabei tiefe spirituelle innere Erlebnisse zu haben und eine grosse innere Freiheit zu erleben. Gibt es für dich auch eine positive Deutung für uns heute Lebende solcher ganz extremer asketischer Übungen?

KC: Ja – die steckt ja in solchen Übungen drin. Es geht um Grenzerfahrungen, es geht um Läuterung, es geht darum, zu zeigen, wie du dich vom Körperlichen lösen kannst. Also wie weit der Geist unabhängig werden kann vom Körperlichen.
Für mich ist die grundlegende Frage die des Paradigmas. Und das ist für mich der entscheidende Punkt, weshalb ich das System von Ken Wilber so hilfreich finde.
Jede Form von Spiritualität ist in Weltbilder mit ihren Überzeugungen eingebunden und je nachdem, was dominiert, das wird auch das prägen, was jemand spirituell sucht. Und wenn für uns heute Lebende Heil und Erlösung gar nicht mehr so zentral im Vordergrund stehen, sondern vielleicht das Gefühl gut gegründet zu sein oder was auch immer, dann wird es auch naheliegen, dass diese extremen Praktiken nicht mehr so wahnsinnig begeistern, denn ich will ja gut in mir gegründet sein, ich will in gutem Kontakt mit meinem Körper sein, ich will gut auf meine Mitmenschen zugehen können, ich will die Welt gestalten, ich möchte meinen Nachfahren einen lebenswerten Raum überlassen und da stehen ganz andere Dinge im Vordergrund, als in den extrem asketischen Traditionen früherer Zeiten.
Das sieht man beispielsweise im engagierten Buddhismus in Asien, wo es darum geht, einen anderen Weg zu gehen. Da geht es darum, sich aus der spirituellen Praxis heraus konkret sozial zu engagieren in der Welt: hier arbeiten Mönche, Nonnen oder Laien mit Aidskranken oder mit Prostituierten, da, wo Menschen Hilfe brauchen, werden Strukturen aufgebaut. Da ist ein völlig anderer Fokus. Die Welt selbst wird zum Arbeitsfeld und man ist nicht mehr an Siddhis oder aussergewöhnlichen Fähigkeiten interessiert, man will nicht in der Luft schweben können oder übers Wasser laufen. Es ist beispielsweise viel wichtiger, die Kraft und Liebe zu entwickeln, um einem Sterbenden zu helfen, ihm ein menschenwürdiges Leben und Sterben zu ermöglichen.
Mit anderen Worten: mit einem neuen Weltbild und seinen entsprechenden Verankerungen treten auch andere Dinge in den Vordergrund.
Andererseits muss man auch sagen, wir sind als Menschen neugierig und uns begeistert auch das Aussergewöhnliche und wir haben in allen grossen spirituellen Traditionen ja immer auch die Warnungen, dass das nicht das Zentrum ist, worum es geht. Im Buddhismus gibt es diese Geschichte, wo einer intensiv meditiert hat und jetzt ist er in der Lage über den Ganges zu laufen. Buddha sagt: „Och du Armer. So viele Jahre deines Lebens hast du verschwendet. Für eine Rupie hätte dich der Fährmann übergesetzt.“ Auch wenn das vermutlich keine historische Aussage ist, es zeigt jedoch, dass man sich in der Tradition darüber Gedanken gemacht hat: wofür machen wir Dinge eigentlich? Werden sie zum Selbstzweck oder liegt was anderes, Tieferes mit drin. Und das muss, glaube ich, jede Generation aufs Neue für sich immer wieder abklären: was sind die Fragen, die uns beschäftigen. Und ich glaube, eine moderne Spiritualität hat diese Grundfrage nach der Integration der Spiritualität in diese Alltagswelt sehr viel stärker im Blick. Das ist einfach ein wesentlicher Teil für uns heute, gerade in einer Welt, die eng zusammengewachsen ist, in der nicht gesagt werden kann: „die globalen Probleme, die bleiben in Afrika oder die bleiben in Asien“. Die ökologische Krise gab es damals nicht. Wer zur Zeit Buddhas keinen Bock mehr hatte, hat sich in den Urwald zurück gezogen und war dann ganz allein. Das war ein Ausstieg aus der Gesellschaft. Ich glaube dieses Model funktioniert heute sowieso nicht mehr in dem Sinne. Jede Zeit hat neue Fragen und damit verändern sich auch die Schwerpunkte im Spirituellen.

Die Verdrängung des Weiblichen in spirituellen Traditionen

PW: Paralell zur Abwertung des Leiblichen gibt es ja auch in vormodernen spirituellen Traditionen eine Abwertung des Weiblichen. Geht das Paralell – bedingt das eine das andere?

KC: Alle grossen spirituellen, religiösen Systeme entstanden in einer Zeit in der die Kulturen patriarchal geprägt waren und hier haben wir ganz klare Zuordnungen: Männlich gleich rational, geistig, kontrolliert; weiblich gleich irrational, emotional, unkontrollierbar und sexuell. Das Körperliche wird abgewertet und mit dem Körperlichen die Sinnlichkeit, die dem Weiblichen zugeordnet wird. Mit der Abwertung des Körperlichen haben wir zugleich eine Abwertung des Weiblichen, das in den Diskursen der verschiedenen traditionellen Kulturen ja auch kaum eine gesellschaftlich bedeutsame Rolle gespielt hat. Es hat immer wieder einzelne, bedeutende Frauen gegeben, doch die waren stets die Ausnahme. Das Muster an dem man sich gesamtgesellschaftlich orientiert hat war immer das Männliche und so war auch die Spiritualität geprägt.
Spiritualität in der Vormoderne unterscheidet sich von der heutigen Spiritualität grundlegend dadurch, dass wir heute in der westlichen Tradition grösstenteils Frauen als Praktizierende haben. Das Geschlechterverhältnis hat sich im Vergleich zur Vormoderne völlig umgekehrt. Auch in den traditionellen spirituellen Systemen hat es immer auch Frauen gegeben, die diese Wege gegangen sind, aber mehrheitlich, dominant und prägend war die männliche Tradition. Und die bleibt in diesen Bildern: der Körper, die Materie ist schlecht und das wird mit dem Weiblichen verbunden. Das Weibliche ist das Irrationale, Triebhafte, Minderwertige, das durch Askese oder innerliche und äussere Unterdrückung bekämpft werden muss, sei es durch Ignoranz bis hin zur radikalen Ablehnung und Abtötung. Das hat uns bis heute geprägt.
Wenn wir uns die Texte der grossen Traditionen aus einer Genderperspektive betrachten, müssten wir eigentlich sagen, wir können nicht mehr damit arbeiten, ausser wir transformieren sie oder wir machen uns bewusst, für wen die Texte geschrieben worden sind. Vor allem Sylvia Wetzel ist eine der relativ bekannten feministischen buddhistischen Lehrerinnen, die sagen, wenn wir mit diesen traditionellen buddhistischen Texten arbeiten, dann müssen wir uns die Adressaten bewusst machen, an die sich diese Texte gerichtet haben.
Wenn ich beispielsweise einen Text habe, der an Männer gerichtet war, die aus der Welt in ein Kloster kamen und nun einen spirituellen Weg gehen, dann wird das Thema der Demut eine völlig andere Bedeutung bekommen, als wenn ich mit Frauen arbeite, die durch ihre Sozialisation permanent gelernt haben, ihre Bedürfnisse hinten anzustellen, sich nicht so wichtig zu nehmen, sich doch eher im Hintergrund zu halten. Was nutzt da ein Text über Demut? Der kann völlig kontraproduktiv sein. Es bräuchte vielleicht zuerst mal einen Raum, um sich wahrzunehmen und zu erfahren: „ich darf sein – diesen Raum einnehmen, in dem ich existieren kann“. Und das ist was ganz Wichtiges für moderne Spiritualität, dass wir genau hinschauen und nachfragen: „was war der Rahmen und wer waren die Adressaten für diese alten Texte?“ – damit wir heute auf eine heilsame Weise mit diesen alten Texten arbeiten können. Und da braucht es eine Bewusstheit und diese Bewusstheit hat mit unserem Denken zu tun, denn da geht es nicht nur um Erfahren und Erleben. Denn Erfahren und Erleben findet immer schon in unseren geschichtlich gewachsenen, sozialen Kategorien statt und da kann die Spiritualität gar nicht immer heilsam sein, sondern kann zum Teil übelste Vorurteile oder merkwürdige Geschichten zementieren mit diesem Stempel: „das ist aus der Tradition!“ Und das kann völlig kontraproduktiv sein. Gerade wenn wir heute sagen, Spiritualität hat damit zu tun, dass der Mensch sich entwickeln können soll, dass Spiritualität öffnet und weitet, uns mitfühlend macht und eine Bais für persönliches Wachstum schafft und dergleichen.

Fortsetzung im nächsten Blogbeitrag…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.