Rettet mehr Spiritualität die Welt?

Autor: Peter Widmer

Katharina Ceming

Im Anschluss an die Ken Wilber Tagung im Lassalle-Haus hatte ich Gelegenheit mit Katharina Ceming das folgende Interview zu führen. Katharina Ceming ist Autorin, Philosophin und Theologin an der Universität Augsburg. Sie interessiert sich für gesellschaftliche und spirituelle Themen und ihr Denken ist nachhaltig von Ken Wilber beeinflusst. 1
Rettet mehr Spiritualität die Welt? Gibt es eine Leib- und Frauenfeindlichkeit in den spirituellen Traditionen? Gibt es da auch eine gewisse Gefühlszensur, die inkompatibel ist mit unserer modernen Psychologie? Was sind die Motivationen moderner, heute lebender Menschen, spirituell unterwegs zu sein? Gibt es eine präfreudianische Psychologie in den spirituellen Traditionen, die die moderne Psychologie obsolet macht? Was macht Spiritualität im 21. Jahrhundert für Menschen von heute aus? Das sind die Themen dieses und der folgenden Blogbeiträge.

Spiritualität und Religion?

Peter Widmer (PW): Was ist für Dich der Unterschied zwischen Spiritualität und Religion?

Katharina Ceming (KC): Der Begriff der Spiritualität ist zu unterscheiden zwischen dem, was wir darunter von der Tradition her verstehen und dem, was wir heute darunter verstehen. Heute ist der Begriff wesentlich weiter gefasst.
Religion hat traditionell verstanden immer auch etwas mit Spiritualität zu tun. Man findet in jeder Religion einen spirituellen Kern. Religion kann aber auch stehen für Kultus, Riten, Organisationsformen, wie beispielsweise die Kirche im Christentum oder im Islam die Gemeinschaft der Gläubigen. Letzteres hat jedoch wenig mit der inneren Ausgerichtetheit zu tun.
Spiritualität ist das, was man vom Griechischen her als „esotera“ –  „das Innere“ – bezeichnet. Religion beinhaltet das mit, muss aber nicht. Man kann einer Glaubensgemeinschaft angehören oder Mitglied einer Kirche sein und am Sonntag regelmässig in den Gottesdienst gehen und doch nicht wirklich davon innerlich berührt sein. Spiritualität hat jedoch gerade mit dieser inneren Erfahrungsdimension des persönlichen Erlebens zu tun. Bisher hatten die spirituellen Systeme immer eine Basis in den grossen religiösen Traditionen. Das war übrigens auch im Schamanismus so. Auch traditionelle Schamanistische Systeme, bei denen es ja auch um das innere Erleben geht, hatten ihre Verankerung in den traditionellen Mythen, Riten und den Moralvorstellungen und Taboos einer bestimmten Kultur.
Doch das hat sich in der Neuzeit verändert. Heute sind auch Formen der Spiritualität – als innere Ausrichtung – entstanden, die gar nicht mehr an die traditionellen Religionen oder traditionellen Schamanistischen Systeme gekoppelt sind. 

Rettet mehr Spiritualität die Welt?

 PW: In allen spirituellen Traditionen finden sich Moralvorstellungen und oft auch moralische Vorbilder und eine Art Tugendethik – wie beispielsweise im Frühbuddhismus, wo zwischen sog. „Verunreinigungen des Bewusstseins“ (skr. kleshas) im Sinne von Untugenden und tugendhaften Zuständen (skr. akleshas) unterschieden wird: wie etwa die Kardinaluntugenden: Gier Hass und Verblendung und deren sog. „Gegengifte“: Freigiebigkeit, Mitgefühl und Weisheit. Es gibt im Buddhismus die sog. „Brahma Viharas“ (skr.) als die grossen zu übenden Tugenden: Gelassenheit, liebevolle Güte, Mitgefühl und Mitfreude. Neben solchen Tugenden und Tugendkatalogen spielen spirituelle oder mystische Erfahrungen einen grosse Rolle.
In spirituellen Kreisen ist daher häufig die Überzeugung anzutreffen, dass nur mehr Spiritualität unsere heutige Welt mit ihren Krisen – Stichwort: Flüchtlingskrise, Aufeinanderprallen unterschiedlichster Kulturen, immer grösser werdende Schere zwischen Armen und Reichen, Ökologische Krise, Klimawandel, Artensterben etc. – noch retten könne. Führen die ethischen Werte und spirituellen Erfahrungen dazu, dass Menschen ethischer, toleranter und verantwortungsvoller werden?

KC: Das Entscheidende scheint mir zu sein, was du gerade mit der Ethik angesprochen hast: in allen grossen spirituellen Systemen liegt die Grundlage der spirituellen Stufenwege immer auch in der Ethik. Im Buddhismus beispielsweise beschrieben im achtfachen Pfad oder im Yoga in Patanjalis Yogasuttra. Dasselbe gilt für den Hinduismus. Auch in der Christlichen und Islamischen Tradition haben wir solche spirituellen Modelle mit einer dezidiert ethischen Grundlage. Das bedeutet: wenn wir die ethische Dimension mit in die spirituelle Praxis integrieren, haben wir ein „Mehr“ an Spiritualität.
Das Problem ist nur: wir gehen ja heute davon aus, dass Moralität und Ethik per se einen universalistischen Anspruch haben, also dass jede Form der Ethik prinzipiell alle Menschen meint, also dass Wertschätzung, Toleranz jeden Menschen meint, ebenso dass wir jedem gegenüber friedliebend, etc. sind.

PW: Das ist ja auch der Ansatz in Hans Küngs Weltethos, d. h. universalistische Moralvorstellungen in allen religiösen Traditionen aufzuzeigen und darauf Aufmerksam zu machen, dass die gemeinsamen ethischen Werte aller Religionen eine gemeinsame Basis für einen Weltfrieden bieten können.

KC: Ganz richtig. Aber wenn wir in die religiösen und spirituellen Traditionen blicken, stellen wir fest, dass dieser Universalismus in Bezug auf ethische Gebote und Regeln nicht immer zwangsläufig da war und auch heute da ist. Ein Blick in die Geschichte der Spiritualitäten zeigt uns, dass wir Menschen sehr kreativ waren, solche Impulse zu reduzieren, weil sie doch unheimlich anstrengend sind.
Ich würde sagen, wenn Ethik einen universellen Anspruch hat und wenn ich den auch in mir aktiviere und im Leben umsetze und das dann auch noch mit einer spirituellen Vergegenwärtigung geschieht, dann kann sich da schon was in uns entwickeln. Nehmen wir beispielsweise die Maitri-Meditation, also das Entwickeln von Liebe und Mitgefühl – wenn die auf einer universalistischen ethischen Basis steht und ich mache meditative Übungen, die diese ausströmende Liebe meditativ vergegenwärtigt, dann glaube ich schon, dass da was passieren kann. Oder wenn ich eine universelle ethische Basis habe und gehe ins Herzensgebet – also aus meiner Beziehung zu Jesus – dann geht es nicht nur mehr um „mich“, „Ich“, „mein“ und „meine Gruppe“. Daraus kann ein Impuls entstehen, irgend etwas Positives in der Welt zu bewegen, das jenseits der eigenen egoistischen Bedürfnisse und jenseits der Bedürfnisse der eigenen Gruppe oder Gemeinschaft liegt. In einem solchen Fall ist Spiritualität in Kombination mit einer Ethik mit universellem Anspruch eine sehr gute, ganzheitlichere oder integralere Kombination.

PW: Das bedeutet ja dann aber auch, dass, wenn das Spirituelle von einer solchen traditionellen, ethischen Basis abgekoppelt wird, dann ist das ja im Grunde genommen eine Verkürzung traditioneller Spiritualität.

KC: Und es besteht auch die Gefahr, die wir zum Teil im modernen Spirituellen erleben können, dass man vor lauter tollen Erfahrungen in der Innenraumentdeckung ganz viele Dinge ausblendet, die man gar nicht mehr anschaut. Von daher ist eine ethische Justierung schon etwas sehr, sehr Wichtiges.

PW: In spirituellen Traditionen geht es oft darum, sich vom unterscheidenden, begrifflichen Denken zu befreien und ins Non-Duale, Nicht-Denken vorzustossen, um eine grosse Verbundenheit von allem mit allem und eine grosse Liebe zu allen Dingen zu erfahren. Und durch solche Erlebnisse ändert sich ja auch oft grundlegend etwas in einem Menschen. Das ist schon wahr. Doch als Zen-Lehrer höre ich immer wieder in den Einzelgesprächen mit Zen-Praktizierenden solche Sätze wie: „Im Grunde genommen muss ich mich nur hinsetzen und meditieren, ich kann mich auch draussen in der Natur vor einen Baum setzen und brauche diesen Verstand und das Denken gar nicht mehr. Dann erfahre ich mich als Eins mit allem und in vollkommener überfliessender Liebe mit allem.“ Oder: „Wir tragen ja alles schon in uns und wir brauchen weder das Denken, das die Ursache jeder Bewusstseinstrübung und Anhaftung ist und wir brauchen auch keine Ethik oder keine kulturell-religiöse Rückbindung mehr. Alles ist ja schon da.“ „Das Denken und die Konzepte stören nur.“ Kurzum: Macht Spiritualität das Denken vollkommen obsolet?

KC: Von Mariana Caplan gibt es einen schönen Essay, der heisst „Zen Boyfriends“, ein fiktiver Dialog,  der auf ihren eigenen Erlebnissen basiert. Darin zeigt sie sehr schön, was geschieht, wenn in Beziehungen, die durch Spiritualität geprägt sind, keine Rückbindung im kritischen Denken und ethischen Werten mehr stattfindet.
Alle grossen spirituellen Traditionen berichten uns, dass für die mystischen Erlebnisdimensionen die gewohnten Strukturen des Denkens und der Wahrnehmung zusammenbrechen, resp. transzendiert werden müssen. Doch es gibt ja auch noch das „Drumherum“, d. h. die Gestaltung der Welt und unseres Alltags, um die wir nicht herum kommen und da ist unser Denken eines der wichtigsten Orientierungsmomente. Und ich glaube ehrliche gesagt nicht, dass wir selbst bei einer anhaltenden non-dualen Erfahrung ohne dieses Denken auskommen, denn wir sind immer schon Teil dieser Welt und lösen uns nicht in „Nichts“ auf. Der einzige Unterschied ist, dass wir durch eine punktuelle oder anhaltende non-duale Erfahrung gleichzeitig dieses „Gegründet-Sein“ erfahren, welches das Leben grundlegend verändern kann. Aber die Fragen des Alltags lösen sich durch diese Erfahrungen nicht automatisch und auch nicht unsere Lebensthemen.
Jack Kornfield hat ein schönes Buch geschrieben, „Nach der Erleuchtung Wäsche waschen und Kartoffeln schälen“, womit er genau auf diese Dinge verweist. Daher finde ich, dass das Denken ein sehr wichtiges, nicht zu unterschätzendes Hilfsinstrument ist. In spirituellen Kreisen findet man öfter die Tendenz, das Denken und den kritischen Verstand abzuwerten und vollkommen ablegen zu wollen, so als ob sich durch spirituelle Erlebnisse dann alle Dinge von selbst regeln würden. Das kann fatale Folgen haben. Wir sollten uns stattdessen etwas länger und ausführlicher mit dem beschäftigen, was das Denken uns an Informationen über die Welt und uns selbst vermitteln kann.

PW: Du hast bei unserer Tagung im Lassalle-Haus mit Ken Wilber sprechend ein paar anschauliche und zugleich erschreckende Beispiele genannt, was geschieht, wenn Spiritualität abgekoppelt wird von einem ethischen Fundament. Könntest Du diese bitte nochmals wiederholen?

KC: Die Grundidee ist, dass ethische Prozesse sich im Laufe der Geschichte universalisieren. Wenn ich jetzt in einer bestimmten Kultur unterwegs bin, die nicht so sehr dieses Universelle im Blick hat, sondern mehr den Bezugsrahmen meiner eigenen Gruppe, kann es sein, dass dieser Universalismus unter den Tisch fällt, obwohl ich einen Bezug habe zu einer spirituellen Tradition.
So kann ich beispielsweise einen Bezug zum Christentum haben. Und wir haben durch Jesus ja eine sehr universalistische Ethik, die aber, wenn wir die Kulturgeschichte des Christentums anschauen, sehr schnell reduziert wurde auf die Gruppe der Mitglieder, die in einer bestimmten Kirche sind, wie beispielsweise die protestantische oder katholische Kirche oder irgend eine andere Form einer christlichen Kirche.
Wenn wir uns beispielsweise Bernhard von Clairveaux anschauen, der ein begnadeter Christlicher Liebesmystiker war, der berührende Texte verfasst hat, so ist er gleichzeitig ein grosser Kreuzzugsprediger gewesen, für den sehr klar war, dass der Kampf gegen die Muslime ein fundamentaler Ausdruck der christlichen Tradition ist und dass das Töten eines Andersgläubigen gerechtfertigt ist, denn er gehört nicht zur eigenen Gruppe. Er bedroht die Gruppe und das Ganze wurde von Bernhard sogar religiös legitimiert. Es tauchen beispielsweise Ideen von Ablass, etc auf. Und es war für ihn gar kein Problem, das alles mit seiner Gotteserfahrung und seiner Gottesvorstellung zu verbinden, weil sein Wertesetting ein ethnozentrisches war. Es bezog sich auf seine Zugehörigkeit zu seiner Gruppe und dieser gegenüber galt seine Liebe. Über den Bezugsrahmen der Gruppe hinaus galt diese Liebe nicht. Er sah sich auch bedroht und je nachdem, worauf man den Blick richtet, gab es damals ja auch reale Bedrohungen. Aber seine spirituellen Erfahrungen führten nicht per se dazu, dass er sagte: „lasst uns schauen, dass wir in einen Dialog treten und gemeinsam miteinander etwas lösen!“, sondern es galt ausschliesslich dieses: „wir hier und die Liebe Christi verpflichtet uns, Ungläubige zu töten!“ Mit anderen Worten: für ihn galt ausschliesslich die Binnenperspektive seiner Christlichen Gemeinschaft.
Das ist heute meist nicht anders. In den Vereinigten Staaten leben beispielsweise c. a. 30 bis 70 Millionen Evangelikale, d. h. bibeltreue Christen, die ihr Christsein oftmals auf ein inneres Erweckungserlebnis zurückführen. Wenn nun ein bibeltreuer Evangelikaler Christ eine spirituelle Erfahrung macht, bei der ihm z. B. Christus erscheint, dann wird er dieses Erlebnis nicht in hinduistischen oder buddhistschen Worten fassen, sondern im eigenen Lebens- und Verstehenskontext seiner Glaubensrichtung. Er wird es im Kontext seines Werte- und Glaubenssystems wahrnehmen, welches patriarchal, hierarchisch und konservativ ist und welches ihn lehrt, die Bibel und ihre Gebote wortwörtlich zu verstehen. Und er sieht andere Religionen nur als Verirrungen und sieht sein spirituelles Erlebnis als Bestätigung dafür. Und er wird sich nun berufen fühlen, seinen Glauben missionarisch gerade denen zu verkünden, die ihn gar nicht hören wollen.
Das gleiche haben wir, wenn wir nach Japan blicken: im Russisch-Japanischen Krieg des 20. Jahrhunderts und im 2. Weltkrieg.2 Japanische Zen-Meister haben auch hier völlig die nationalistische Schiene gefahren und haben ihre Schüler aufgefordert, sich für Japan im Krieg zu engagieren, Kamikazeflüge zu machen, weil diese Identifikation mit der japanischen Nation auch für sie das allesbedeutende Element war und alle Erfahrungen ihrer Zenpraxis in diese eine Dimension eingeordnet wurden: „Meine Nation ist heilig!“ Und ihre Ethik war nicht universalistisch. So konnte ein Zenmeister eine tiefe Einheitserfahrung machen und  gleichzeitig ein glühender Nationalist sein. Dem begegnen wir in der Geschichte der Spiritualitäten leider häufig.
Auch bei Shankara beispielsweise, dem grossen hinduistischen Advaita-Lehrer, der das hinduistische System stark weiterentwickelt hat und im 7. / 8. Jahrhundert viele Impulse gesetzt hat. Shankara war jedoch gleichzeitig der Überzeugung, dass ausser einem männlichen Brahmanen sowieso keiner zur Erleuchtung findet, weshalb auch kein anderer in seinem spirituellen System irgendetwas zu suchen hatte, weder Frauen, noch Shudras (die untersten Kasten). Doch es gab schon zu seiner Zeit und auch danach Leute, die das völlig anders gesehen haben, bei denen eine universalistische Dimension rein gekommen ist, die dann gesagt haben: „nein, wenn das Göttliche die absolute Liebe ist, dann ist die auch überall erfahrbar, bei jedem Menschen, und dann sind Frauen Menschen, dann sind Kastenlose Menschen“. Diese Bewegungen hat es im damaligen Indien auch gegeben, aber sie waren ganz marginal und konnten sich nicht durchsetzen. In den Bhakti-Kulten sind sie stärker vertreten gewesen, aber das hat dann auch nicht gereicht, dass das Kastensystem in seiner Totalität infrage gestellt worden wäre.
Und so sehen wir, dass grosse, tiefe spirituelle Erfahrungen meistens in dem Bezugsrahmen gelebt, interpretiert und ausgedeutet werden, in dem ich als Mensch gerade stecke. Das heisst: meine ganze Sozialisation, meine gesellschaftlichen Prägungen, meine eigenen Lebenserfahrungen sind der Interpretationsrahmen innerhalb dessen ich auch meine spirituellen Erfahrungen deute und im Leben handelnd umsetze. Als Menschen müssen wir ja irgendwie handeln und dann dient uns unser kulturgeschichtlicher Hintergrund, wenn wir ihn nicht hinterfragen, vollkommen selbstverständlich als Orientierungsrahmen.

PW: In Burma, einem  durch und durch buddhistisch geprägten Land, herrscht ja aktuell eine analoge Situation, bei der viele Buddhisten, Buddhistische Orden, Organisationen, Mönche und Nonnen mit nationalistischen Argumenten die Vertreibung der Rohingyas gutheissen.

KC: Genau. All das, was wir mit Buddhismus bei uns im Westen sofort verbinden: Friedliebend, Tolerant, Offen – das ist nicht nur in Burma, das war in Shri Lanka genau das gleiche. Der Bürgerkrieg zwischen den hinduistischen Tamilen und den buddhistischen Singalesen ist in Shri Lanka mitunter auch massiv vom buddhistischen Orden befeuert worden. Da ist der Buddhismus ganz stark mit der eigenen Ethnie verschmolzen und dann wird das auf einmal gar nicht mehr nett und tolerant und friedlich, sondern da wird alles dämonisiert und bekämpft, was gegen die eigene Gruppe gerichtet ist. Diese Strategien finden wir in ganz vielen religiösen Traditionen, weil spirituelle Erlebnisse nicht per se und für immer universell, offen und weit machen.

PW: Auch der Indien-Pakistan-Konflikt kann damit verstanden werden?

KC: Ja genau. Oder wenn wir uns diese ganzen nationalistischen Bewegungen im heutigen Indien innerhalb des Spirituellen anschauen. Auch bei der BJP, der indischen Regierungspartei, haben wir gerade auch im spirituellen Umfeld unglaublich viele Strömungen, die diese rechtskonservative, hindu-nationalistische politische Partei unterstützen und deren nationalistische, konservative Werte mittragen und fördern. Da gibt es auch eine Bandbreite von Menschen, die das unterschiedlich ausleben, aber vom Grundduktus her ist das sehr deutlich feststellbar, wenn wir etwa die Zerstörung der Moschee von Ayodhya betrachten. Das ist aus hinduistisch-nationalistischen und ganz tiefen spirituell-religiösen Überzeugungen heraus geschehen.
Das ist die Gefahr bei uns im Westen, dass wir sehr blauäugig Religion und Spiritualität gleich immer so für das Gute und das Universelle setzen. Das ist aber nicht per definitionem so, sondern nur dann, wenn Menschen universelle Werte entwickeln und leben. Dann erst wird die Religion universell und die Spiritualität, aber ansonsten nicht.

Fortsetzung im nächsten Blog…

Show 2 Footnotes

  1. Siehe ausführlich zum Folgenden (eine Auswahl): Katharina Ceming: Spiritualität im 21. Jahrhundert, Phänomen Verlag 2012; Dies.: Ab in die Wüste: Mut zur Selbsterkenntnis – den Wüstenvätern abgeschaut, Kösel 2013; Dies.: Mystik im interkulturellen Vergleich, Dies.: Gewalt und Weltreligion – eine interkulturelle Perspektive, Interkulturelle Bibliothek 2005.
  2. Siehe ausführlich: Brian Victoria: Zen, Nationalismus und Krieg – eine unheimliche Allianz, Rowman & Littlefield Publishers, Inc. 2006.

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