James Fowlers Stufen des Glaubens

Autor: Peter Widmer

James E. Fowler

Glaube und Spiritualität entwickeln sich. Als einer der ersten hat dies James E. Fowler (1940-2015), Professor für Theologie und Entwicklungspsychologie an der Theologischen Fakultät der Emory Universität in Atlanta, nachweisen können. Bekannt wurde er durch sein Buch: Stufen des Glaubens – Die Psychologie der menschlichen Entwicklung und die Suche nach dem Sinn, in welchem er die Entwicklung des gläubigen, resp. spirituellen Menschen untersuchte. Sein Modell unterscheidet 6 Stufen, die er durch seine Untersuchungen empirisch belegen konnte.
Fowler konnte zeigen, dass Menschen, die in einem religiösen Kontext aufwachsen, sich in der Art und Weise, wie sie glauben, entwickeln, von einem mythisch-wortwörtlichen Glauben, über einen konventionellen, reflektierten zu einem interreligiös offenen, verbindenden und letztlich universell-mystischen Glauben.

Die Stufen des Glaubens

Die Stufen des Glaubens nach James Fowler

Undifferenzierter Glaube

Die erste Stufe nennt Fowler eine “Vorstufe“, welche sich auf das Säuglings- und Kleinkindalter bezieht. Diese Phase ist die Phase des undifferenzierten Glaubens. Auf dieser Stufe entwickelt das Kleinkind, sofern die Eltern die existenziellen Grundbedürfnisse des Kindes achten, Urvertrauen – im Falle der Vernachlässigung oder Missbrauch hingegen die Abwesenheit von Urvertrauen, ein grundlegendes Urmisstrauen in die Welt. Das Urvertrauen/Urmisstrauen bildet die Basis für die Entwicklung des Glaubens und der Sinnsuche.

Wenn sich in Kindern ein Urvertrauen bildet, das mit einem religiösen Weltbild, d. h. mit einer religiösen Sprache und mit religiösen Symbolen verbindet, entwickelt das Kind ein spielerisches Verhältnis zu seinem Glauben, in dem es aufwächst und es entwickelt sich zwischen dem 2 bis etwa 7 Lebensjahr der intuitiv-projektive Glaube.

Stufe 1: Intuitiv-projektiver Glaube

In dieser Zeit ist das Kind, nach Fowler, egozentrisch. Es bezieht die Dinge, die Erwachsene sagen, wenn sie glücklich oder unglücklich sind oder das Kind bestrafen und dergleichen – vor allem auf sich selbst. Es kann noch gar nicht anders, denn es lebt ganz in der Perspektive der 1. Person singular. Unterscheidungen und innerpsychische Grenzen, etwa für Traum, Realität und Phantasie differenzieren sich in diesem Zeitraum langsam aus. Bringen Eltern einem Kind in dieser Phase seiner Entwicklung negative Aspekte eines Glaubens, z. B. ein negatives, strafendes Gottesbild bei, mit Vorstellungen und Geschichten von Teufel, Hölle, Strafe Gottes, Sünde, Erbsünde und Verdammnis und dergleichen, so können sie damit grossen Schaden anrichten. Damit kann die Basis für eine autoritäre, polarisierende oder emotional und in ihrem Selbstbild geschwächte oder gar traumatisierte Person gelegt werden.

Wenn das Kind die Fähigkeiten zu konkret-operativem Denken (Piaget) erlangt, entwickelt es sich weiter zur 2. Stufen des Glaubens.

Stufe 2 – mythisch-wörtlicher Glaube

Auf dieser Entwicklungsstufe ist das Kind – oder der Erwachsene, der noch auf dieser Stufe denkt, fühlt und handelt – bereits in der Lage die Wirklichkeit von Phantasie zu unterscheiden. Auch besteht die Fähigkeit, Sachverhalte des Glaubens bildlich zu beschreiben, wie beispielsweise: „Gott ist da oben im Himmel“ oder „Gott hat einen langen, weissen Bart und sieht ein wenig aus, wie der Weihnachtsmann“. Der Glaube wird zum Mittel, der Wirklichkeit Sinn einzuhauchen, jedoch werden die geglaubten Geschichten für wirklich gehalten. Himmel und Hölle werden als wirkliche Orte verstanden. Glaubensprinzipien, moralische Werte und Haltungen gelten allgemeinverbindlich und absolut. Der Mensch, dessen Schwerpunkt auf der 2. Stufe des Glaubens liegt, ist fähig, eine 2. Person-Perspektive einzunehmen, d. h. sich in andere Menschen emotional und gedanklich hinein zu versetzen, doch seine Sicht von Gegenseitigkeit ist sehr wortwörtlich: „Wenn ich alle Gebote oder Regeln einhalte, wird Gott mir ein gutes Leben schenken.“ Oder: „Wenn ich bete, wird Gott mich erhören und meine Wünsche gehen in Erfüllung.“

Ein Übergang zur 3. Stufe kann erst dann stattfinden, wenn eine Person beginnt, Widersprüche und Konflikte zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu entdecken und anfängt, kritisch über religiöse Geschichten, Symbole, Gebote, Regeln und Rituale zu reflektieren, sie zu hinterfragen.

Stufe 3 – synthetisch-konventioneller Glaube

Etwa in der Pubertät entwickeln Kinder ein kritischeres Verständnis der Religion, in die sie hineingeboren und mit der sie erzogen und aufgewachsen sind, zu entwickeln. Sie lernen, sich selbst eine Meinung darüber zu bilden und das, womit sie aufgewachsen sind, kritisch zu hinterfragen. Damit entsteht nach Fowler der synthetisch-konventionelle Glaube. Die meisten Menschen entwickeln sich jedoch niemals über diese Stufe hinaus.

Peers und die Zugehörigkeit zu einer Gruppe ist auf dieser Stufe wichtig. Autoritäten, bewunderte Vorbilder sind im sozialen Umfeld zu finden. Es sind Fussballstars, Musikidole der Jugendkultur, Influencer im Internet und im Bereich der Religionen grosse Persönlichkeiten wie der Papst, der Dalai Lama oder Tich Nhat Hanh. Religiöse Konzepte und Führer anderer Religionen, als der eigenen, werden stillschweigend akzeptiert. „Synthetisch“ ist diese Stufe des Glaubens, weil die Überzeugungen der eigenen spirituellen Tradition nicht grundlegend hinterfragt werden. Jeder Versuch, mit einer Person dieser Stufe vernünftig und rational über die Grundsätze ihres Glaubens zu diskutieren und diese Grundsätze zu hinterfragen oder gar den eigenen Glauben zu de-mystifizieren, ist vergeblich. Er wird von Personen der 3. Stufe als „Gefahr“ betrachtet.

„Konventionell“ drückt das Bedürfnis aus, sich mit der eigenen Glaubensgemeinschaft zu identifizieren, um dadurch und innerhalb dieser Gruppe sein Selbstbewusstsein zu finden. Und man grenzt sich ab von andersartigen Gruppierungen und Glaubensrichtungen, Religionen, Weltanschauungen und gewinnt seine Identität und Sicherheit gerade in dieser Abgrenzung. Aus diesem Grund, so Fowler, verkörpern die meisten Menschen in traditionellen Kirchen und Glaubensgemeinschaften diese 3. Stufe. Daher funktionieren traditionelle spirituelle Gemeinschaften und Glaubensgemeinschaften am besten, wenn die Mehrheit ihrer Mitglieder auf Stufe 3 bleiben.

Wachstum bedeutet, zu erkennen, dass es Widersprüche innerhalb der eigenen heiligen Schriften oder den eigenen Schriften und allgemeinen gesellschaftlichen Konventionen oder zwischen unterschiedlichen Religionen geben kann und Widersprüche zwischen verkündeter und gelebter Moral von Autoritäten in der eigenen Religion. Mit dieser kritischen Erkenntnis beginnt ein Mensch sich in Richtung 4. Stufe zu entwickeln.

Stufe 4 – individuierend-reflektiver Glaube

In unserer modernen Welt erreichen Jugendliche und junge Erwachsene oft diese Stufe. Doch viele erreichen sie gar nie. Wird diese Stufe mit 30, 40 oder später erreicht, so kann es schwierig sein, so Fowler, sich mit der neu errungenen Weltsicht im Leben zurecht zu finden.

Auf der Stufe des individuierend-refletiven Glauben wird das, was einst stillschweigend geglaubt wurde, nun offen hinterfragt. Die kritische Vernunft wird einerseits zur Freiheit, die Grundsätze des eigenen Glaubens oder der eigenen Religion zu hinterfragen und die Art und Weise, wie man zum eigenen Glauben gekommen ist; zugleich wird sie auch zur Last, den eigenen Glauben nun reflektieren zu müssen und sich zur eigenen Religion neu positionieren, d. h. mit neuen, eigenen Gefühlen, Gedanken und Verhaltensweisen.
Dies kann einen Menschen erschüttern und in eine Krise stürzen, zumal nahestehende Menschen aus der eigenen religösen Gruppe (Freunde, Eltern, Verwandte) versuchen, den Menschen daran zu hindern, seinen Glauben zu hinterfragen.
Projektionen auf externe Autoritäten werden ins eigene Innere zurückgenommen. Die Autorität wird so im eigenen Selbst gefunden. Der Mensch ist nun in der Lage, sich auf sich selbst zu verlassen und benötigt keine externen Regeln und Autoritäten mehr, die sein Leben fremdbestimmen.

Die Mythen der eigenen Religion werden entmythologisiert. Eine volltändige De-Mystifizierung der Symbole kann in einen Atheismus münden oder in einer erweiterten Stufe von Religiosität. Mit der Entmystifizierung der Symbole können starke Gefühle des Verlusts des eigenen Bodens einher gehen, sowie Trauer- und Schuldgefühle, ein Prozess, so Fowler, der bis zu sieben Jahren dauern kann. Doch anstelle eines wörtlichen Glaubens tritt die Fähigkeit, religiöse Symbole als Gleichnisse und Vergleiche zu sehen, die lebenspraktische Bedeutung haben können, weil sie Orientierung geben können.

Eine Stärke dieser Stufe liegt im Vertrauen in die eigene kritische Reflexion und die eigene geistige Kraft und dem Mut, sich rationalen Wahrheiten zu stellen, sich von alten Gedanken- und Gefühlsmustern zu verabschieden und einen schmerzvollen Prozess dabei in Kauf zu nehmen.
Mit der Erhebung des Verstandes und der Vernunft über den Glauben, wird die Welt zugleich auch entzaubert. Das Unlogische, Irrationale, Unbewusste oder Intuitive, was sich nicht machen oder herstellen lässt, kann dadurch verloren gehen, wenngleich es Sinn- und Orientierungsstiftend für das eigene Leben sein könnte.

Stufe 5 – verbindender Glaube

Ist ein Mensch, so Fowler, bereit, sich „den anarchischen und verwirrenden inneren Stimmen des Unbewussten zu stellen“, so entwickelt er sich in Richtung Stufe 5, dem verbindenden Glauben. Dieser Schritt sei vor der Lebensmitte ungewöhnlich.

Dabei verändert sich die eigene Sichtweise. Das binär-strukturierte „Entweder-Oder-Denken“ gelangt in den Hintergrund und eine integrierendere, weitere Sichtweise wird möglich. Menschen dieser Stufe nehmen mehr und mehr eine „Sowohl-als-Auch-Sichtweise“ an und es gelingt ihnen immer besser, einander widersprechende Sichtweisen auszuhalten.

Menschen dieser Stufe interagieren mit Menschen anderer Glaubensrichtungen integrativ, d. h. ohne in Positions-, Meinungs- und Machtkämpfe zu verfallen. Die Erfahrungen, Praktiken, Lebensformen und Glaubensgrundsätze anderer spiritueller Traditionen werden nicht mehr grundlegend in Frage gestellt, sondern von ihnen wird für die eigene Persönlichkeit profitiert! Es geht um den nutzen für die eigene Person und das jeweils grössere, gemeinsame Ganze, die gemeinsamen ethischen Anliegen beispielsweise.

Es ist unmöglich direkt von Stufe 3 auf Stufe 5 zu gelangen. Die Person auf Stufe 5 hat bereits ihre Symbole durch kritische Hinterfragung dekonstruiert, entmystifiziert und bringt sich bewusst an den Punkt einer umfassenderen (metaphorischeren) Interpretation des Symbols. Religioöse Schriften wie die Bibel, der Koran, die Tora, der Palikanon etc. werden nicht mehr buchstäblich und als historische Wahrheiten verstanden, ihr Wert liegt vielmehr darin, dass sie anwendbare und nützliche Grundsätze, Vorbilder, Anweisungen und Praktiken enthalten, die uns in unserem Alltag leiten und lebenspraktische Orientierung bieten können.

Fowler zitiert als Beispiel an dieser Stelle aus dem Interview mit „Frau T.“: “…es ist egal, wie du das nennst. Ob du es Gott oder Jesus oder einen kosmischen Fluss oder Wirklichkeit oder Liebe nennst, es ist egal. Es ist da! Und was du direkt aus dieser Quelle lernst, teilt dich nicht in Glaubensbekenntnisse auf, die dich von deinem Nächsten trennen.” 

Ein Mensch auf Stufe 5, so Fowler, ist dabei zu erkunden, wie er sich seinem eigenen oder einem anderen Glauben oder einer spirituellen Tradition wieder annähern oder neu verbinden kann, selbst wenn dieser Glaube Dinge postuliert, die vollkommen ausserhalb der eigenen rationalen kritischen Kriterien liegen. Die Person wird flexibler und kann Widersprüche immer besser aushalten. Der Wert der Symbole der Religionen wird geschätzt und jemand kann sich zugleich in mehreren, verschiedenen Religionen zu Hause fühlen. Die Grenzen des eigenen Kollektivs, in dem man sich beheimatet fühlt, sind offen, transparent.

Eine solche innere Haltung und Weltsicht ist integrativ und integral und hat das grössere Ganze, die grösseren gesellschaftlichen Bereiche im Blick.  Menschen dieser Stufe lassen sich, so Fowler, aber leider zu häufig aus Bequemlichkeit oder aus Sorge um das eigene Wohlergehen zu Passivität hinreissen oder sind manchmal gelähmt durch den Graben, der sich zwischen ihrer gelebten Wirklichkeit und ihrer eigenen Sicht der Welt zieht.

Stufe 6 – universeller Glaube

Diese letzte Stufe in der Entwicklung des Glaubens, wird, so Fowler, nur von sehr wenigen Menschen erreicht. Doch was bedeutet „universeller Glaube“?

Fowler schreibt: „Diejenigen Personen, welche diese Stufe erreicht haben, lassen sich am besten so beschreiben, dass sie alle eine Glaubenskomposition entwickelt haben, in welcher das Gefühl einer höchsten Wirklichkeit alles was ist einschliesst. Sie wurden zum Inbegriff und Ausdruck des Geistes einer erfüllten menschlichen Gemeinschaft, die alles einschliesst… Die Ausdehnung ihrer Gemeinschaft ist universal. Die einzelnen Dinge werden gepflegt, weil sie Gefässe des Allumfassenden und daher unabhängig von irgendwelchen Nützlichkeitserwägungen wertvoll sind.“

Fowler verweist auf Personen wie Martin Luther King, Mahatma Gandhi, Mutter Theresa, Abraham Lincoln und Dag Hammarskjold als Beispiele für diese reifste Form des Glaubens.

Personen auf dieser Stufe sind in der Lage das Aktivitäts-Inaktivitäts-Paradox der Stufe 5 zu überwinden und sind bereit, ihr eigenes Wohlergehen für diesen Zweck zu gefährden. Fowler bezeichnet das Verhalten dieser Gruppe von Menschen dieser späten Entwicklungsstufe als „subversiv“, weil ihre Taten sich so radikal von den Taten des Rests der Gesellschaft unterscheiden. Sie leben so, als sei die Welt bereits so, wie das Ideal (das Himmelreich, das Paradies, das Lotus-Land, etc.), das sie erstreben. Sie verpflichten sich einer Sache oder einem Anliegen vollständig und nachhaltig, ungeachtet ihrer eigenen Sicherheit oder ihrer existenziellen sozialen und physischen Grundbedürfnisse und das nicht aus egoistischen Motiven, sondern weil sie sich einem grösseren Ganzen verpflichtet fühlen.

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