Zen im Beyeler-Museum – Monet: Den Augenblick festhalten

Autor: Peter Widmer

Monet: Matinée sur la Seine, 1897

„Die Seine! Mein ganzes Leben lang habe ich sie gemalt, zu jeder Stunde, zu jeder Jahreszeit… ich wurde ihrer nie müde. Sie ist für mich stets neu.“
Claude Monet, 1924.

Einem Zen-Meister gleich hat Monet die Natur und das Alltägliche zum Gegenstand seiner Malerei genommen, um den gegenwärtigen Augenblick – die „impression“, den momentanen Eindruck – festzuhalten. Stundenlang sass er beispielsweise an der Seine, und versuchte den unmittelbaren, jetzigen Augenblick mit seiner einzigartigen Atmosphäre, seinen unwiederbringlichen Farben, Spiegelungen und Lichtreflexen auf seiner Leinwand festzuhalten, wie etwa in dem berühmten Bildern „Matinée sur la Seine“ von 1897, in denen der Horizont zwischen der Seine und der Landschaft sich aufhebt. In diesem, wie in vielen seiner Bilder, heben sich die Unterschiede zwischen der Landschaft und der Spiegelung in einem Fluss oder See auf. Kein Wunder, wenn jemand so lange und ausdauernd vor einem Motiv sitzt und es betrachtend malt! Monet ist der Maler des unerschöpflichen Augenblicks.

Monets Malweise

Monet: La Meule au soleil, 1890er Jahre

Wenn sich die Lichtverhältnisse und damit auch die Stimmung des Betrachters und die Atmosphäre der Landschaft veränderten, nahm Monet eine neue Leinwand hervor, um den neu entstandenen Eindruck festzuhalten. Änderten sich die Lichtverhältnisse und das Wetter wiederum in Richtung des ersten Motivs, kehrte er zurück zur ersten Leinwand und malte dort weiter. Und so arbeitete er an mehreren Leinwänden abwechselnd, um den jeweiligen Augenblick festzuhalten. Mit etwa sechs bis acht Grundfarben auf seiner Palette und ohne Schwarz hat Monet Licht und Schatten, die wiederholt Themen in seinen Werken darstellen, in Komplementärfarben, d. h. in Gegenpolen der Farbpalette gemalt. Auf Schwarz hat er verzichtet und Dunkles und Schattiges mit unterschiedlichsten Farben dargestellt. Die Stimmungen und Atmosphären der Landschaften wollte er auf seine Leinwand bannen.

„Ich verfolge einen Traum“, sagte Monet, „Die anderen Maler, sie malen eine Brücke, ein Haus, ein Boot… Sie malen diese Brücke, dieses Haus, dieses Boot, und sie sind fertig… ich will das Unmögliche… Ich will diese Luft, in der sich die Brücke und das Haus und das Boot befinden, malen – diese Schönheit von Licht, in welchem sie sind… Und es ist nichts anderes als das Natürliche.“1

Monet: Vue de Bordighera, 1884

„Ich befinde mich in einer zauberhaften Gegend,“ schrieb er 1884 an der Mittelmeerküste. „Ich weiss gar nicht, wohin meinen Kopf wenden, alles ist grossartig, und ich möchte am liebsten alles machen; daher verbrauche und vergeude ich viele Farben, denn es müssen Versuche angestellt werden… Es ist schrecklich schwierig, es bedürfte einer Palette mit Diamanten und Juwelen. Was Blau und Rosa angeht, ja das gibt es hier.

Monet: Manneporte,  um 1885

Als er 1885 in der Normandie die Manneporte, das berühmte Felsentor bei Etretat malt, vertieft er sich so sehr in das Objekt seiner Betrachtung, dass er die herannahende Flut nicht bemerkt. Das war insofern verhängnisvoll, als man zu dem Strand, an dem er malte, nur durch einen niedrigen Tunnel im Fels gelangen konnte.

„Ich hatte vor, eine ergiebige Malsitzung an der Manneporte abzuhalten, aber ich hatte einen Unfall: … völlig versunken sehe ich nicht eine riesige Welle, die mich gegen den Fels schleudert, und lande mit meinem ganzen Malzeug in der Gischt! Ich sah mich sofort verloren … doch schliesslich schaffte ich es auf allen Vieren heraus, aber guter Gott, in was für einem Zustand! Meine Stiefel, meine dicken Strümpfe und der Gehrock durchnässt, meine in der Hand verbliebene Palette war mir ins Gesicht geraten, und mein Bart war überzogen von Blau, Gelb usw… das Schlimmste ist, dass ich meine recht schnell zerbrochene Leinwand verloren habe…“

Monet und Zen

Monet: Charing Cross, 1903

Wer in der Lage ist, wie Monet, Orte in der Natur, Bäume, einen Heustock, einen Seerosenteich, die Seine, die Küsten Südfrankreichs, die Küste der Normandie, oder in Städten wie London die Waterloo und die Charing Cross Bridge oder die Kathedrale von Rouen viele Stunden und Tage unentwegt zu betrachten, findet stets den unerschöpflichen Augenblick darin und damit immer wieder etwas vollkommen Neues. In der Zen-Sprache nennen wir das „Anfängergeist“ – es ist der jetzige Augenblick, das Wesen des Zen!

Monet: Les Bassin aux Nymphéas

Wir können nur anhand der Bilder und der Malweise Monets rekonstruieren, wie vermutlich sein innerer Zustand gewesen sein könnte zu dem Zeitpunkt, als er die Bilder malte. Das Etikett „Impressionist“, welches man ihm anhängte, gibt wieder, dass es ihm um den einmaligen, persönlichen Eindruck des Augenblicks ging. Doch: Was ist denn eigentlich eine „impression“ – ein Eindruck?

In der Buddhistischen Psychologie wird die Entstehung eines „Eindrucks“ durch die sog. „sechs Sinne“ beschrieben: Wir haben Augen, um Visuelles wahrzunehmen, Ohren, um Hörbares wahrzunehmen, die Nase nimmt Gerüche wahr, die Zunge Geschmäcker und durch den Körper, nehmen wir Temperatur, Härte, Weichheit von Dingen, Gefühle und Körperwahrnehmungen wahr. So entstehen in uns Stimmungen und in Bezug auf die Welt entstehen Atmosphären. Alle diese fünf Sinne werden in unserem Alltagsbewusstsein stets begleitet von der Sprache, als sechstem „Sinn“, wie es im Buddhismus heisst. Meditation und die beschauliche Betrachtung eines Künstlers wie Monet, der stundenlang in der Natur arbeitet, ist ein Dieb der Sprache. Die Sprache rückt in der Meditation und der beschaulichen Naturbetrachtung eines Künstlers mehr und mehr in den Hintergrund der Wahrnehmung, so dass sich im Vordergrund die anderen fünf Sinne viel unmittelbarer, reiner den Objekten zuwenden können. Monet hat vielleicht mit einem „reinen Bewusstsein“ die Dinge wahrgenommen. Das würde das Verschwimmen der Gegenpole, das Auflösen der Horizonte und des Unterschieds zwischen den Dingen und ihren Spiegelungen in seinen Bildern erklären. Denn es ist ja sein persönlicher Eindruck, der seinen Bildern zugrunde liegt. Monet ist eigentlich ein Zen-Meister der Modernen Malerei. Er möchte uns durch seine Bilder das Neue, das durch unsere sprachlichen Begriffe Unverstellte jedes Augenblicks wieder zugänglich machen. Den je neuen, unerschöpflichen Augenblick ins Bewusstsein zurück rufen.

Leider vergessen wir den jetzigen Augenblick zu oft und zu schnell in unserem vollgestopften Alltag. Es bedarf einer liebevollen Entschiedenheit, bei dem zu sein, was jetzt gerade ist, zu jeder Stunde und jeder Jahreszeit, eines nie Müde Werdens des jeweiligen jetzigen Augenblicks. Dann ist stets alles für uns neu. Monets Bilder wollen uns von innen her transformieren.

Verantaltungshinweis: Di. 16.5. im Beyeler Museum: Monet am Morgen – Zen Meditation mit Peter Widmer, Sensei (Auch wenn diese Veranstaltung bereits ausverkauft ist, lohnt sich ein Besuch der Monet-Ausstellung!)

Monet im Beyeler Museum

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  1. Dieses und die folgenden Zitate sind aus dem Buch zur Ausstellung des Beyeler-Museums: Ulf Küster (Hg.): Monet – Licht, Schatten und Reflexionen

2 Gedanken zu „Zen im Beyeler-Museum – Monet: Den Augenblick festhalten

  1. Jann

    Spannend! Daran hätte ich nicht gedacht, dass künstlerische Prozesse eines Monets und Zen-Meditation so verwandt miteinander sind! Dann ist der Impressionismus also nicht bloss aus einer gedanklichen Abstraktion entstanden, sondern aus einer anderen Art der persönlichen Wahrnehmung! Es erscheint mir sehr naheliegend, was Du schreibst!
    Danke für diesen interessanten Beitrag
    Jann

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