Menschen mit Weitblick

Man on overhanging rock at Glacier Point, Yosemite National Park, California, USA

Persönlichkeitsanteile auf der selbst-aktualisierenden Entwicklungsstufe

Im Modell der Selbstentwicklung vollzieht sich auf der selbst-aktualisierenden Entwicklungsstufe (7) von neuem eine wesentliche Erweiterung der Perspektive: Menschen mit Weitblick erleben sich eingebunden in ihre eigene Geschichte und Lebenszeit, sowie in verschiedene kulturelle Zusammenhänge in Unternehmen, Familie und der Gesellschaft. Die Ziele, die sie im Blick haben sind daher umfassender, als die kurzfristigen Ziele der selbst-bestimmenden Stufe (5). Sie verhalten sich toleranter und spontaner und können andere besser in ihrer Andersartigkeit akzeptieren, als dies auf früheren Entwicklungsstufen möglich ist. Wechselwirkungen mit anderen werden als Möglichkeiten erfahren, etwas über sich selbst zu erfahren und Teilpersönlichkeiten in sich selbst zu integrieren, die einem ansonsten nicht zugänglich wären. Man benötigt die fürsorgliche Präsenz von anderen, um am stärksten das zu werden, was man sein kann. Gegenseitige Abhängigkeit ist unvermeidlich und wird mit Ehrfurcht und einem Bewusstsein für die eigene Verantwortlichkeit anderen gegenüber erfahren.

Flex-Flow

Don Beck nennt diese Entwicklungsstufe „Flex-Flow“1, da hier zum ersten Mal in der Entwicklung die Grenzen zwischen den Entwicklungsstufen durchlässig werden und man sich auf allen Ebenen frei zu bewegen lernt. Auf den vorherigen Stufen ist die Weltsicht jeweils sehr stark geprägt von der jeweiligen Entwicklungsstufe und man grenzt sich dezidiert ab von den anderen Stufen.
Auf der selbst-aktualisierenden Stufe konzentriert sich der Mensch auf Funktionalität, Kompetenz, Flexibilität und Spontaneität und findet die natürliche Mischung konfligierender „Wahrheiten“ und „Unsicherheiten“, so Beck. Er entdeckt die persönliche Freiheit, ohne andere zu schädigen oder das Eigeninteresse zu übertreiben und erfährt die Fülle des Lebens in der Vielfalt der Erscheinungsformen. Der Mensch mit Weitblick verlangt nach integrativen, offenen Systemen.

Einige der wichtigsten Teilpersönlichkeiten dieser Stufe sind:

  1. Die Seite mit Weitblick
  2. Die Seite, die sich entwickeln will
  3. Das SELBST als „Dirigent“ im „Teile-Orchester“
  4. Der Querdenker/Die Querdenkerin
  5. Der/Die Prinzipientreue
  6. Die generative Seite

1. Die Seite mit Weitblick

Diese Seite verfügt, nach Cook-Greuter, über einen erweiterten zeitlichen und kontextuellen Horizont und über mehr innere Freiheit und erweiterte Möglichkeiten, Dinge zu betrachten, unterschiedlichste Standpunkte einzunehmen und diese wiederum aufeinander zu beziehen. Die Seite mit Weitblick hat zunehmend die Fähigkeit, systemisch wahrzunehmen, zu denken und zu fühlen; mittel- und langfristige Ziele zu avisieren, zugunsten des jeweils grösseren Ganzen, in dem sie wirkt. Sie ist zunehmend in der Lage, geeignete Weichen zu stellen für künftige Entwicklungen, die sie vorausahnen und voraussehen kann. Sie hat aufgrund ihrer Lebenserfahrung ein Gespür dafür, in welche Richtung etwas laufen könnte. Oft ist diese Seite mit Weitblick im Laufe der Zeit mit zunehmender Übernahme von Verantwortung in Familie, Organisationen und Unternehmen entstanden. Sie geht einher mit einer Weiterentwicklung der verantwortlichen Seite, der Seite, die planen und die unmittelbaren impulsiven Bedürfnisse hintenanstellen kann, mit Seiten des Leistungsmenschen (5), aber auch mit Seiten der hinterfragenden Stufe (6). Oft entwickeln diese Teilpersönlichkeiten unter dem Druck zunehmender Verantwortung einen erweiterten Blick. Die Seite mit Weitblick kann präsent und dominant sein z. B. bei erfahrenen Führungskräften, CEOs, Geschäftsführer/innen, Projektleiter/innen, Coaches, etc., die an ihren Herausforderungen sowohl fachlich als auch menschlich gereift sind. Die Seite mit Weitblick lässt oft charismatische Persönlichkeiten mit hohen moralischen Werten und Standards und einer hohen Sozialkompetenz entstehen. Sie ist sich bewusst, dass und wie sie „von oben“ das „Klima“ einer Unternehmenskultur konstruktiv und positiv prägen kann. Leider sind solche charismatischen Führungskräfte mit Weitblick zur Zeit noch selten. Nur rund 4,9% der Führungskräfte, die wir mit dem Sentence Completion Test integral (SCTi) ausgewertet haben, sind Führungskräfte mit Weitblick. Manchmal finden Führungskräfte mit Weitblick es frustrierend, wenn sie unter Chefs und Vorgesetzten arbeiten, deren Entwicklungsschwerpunkt auf früheren Entwicklungsstufen liegt. Diese Seite kann ärgerlich werden und entrüstet sein, wenn sie das Gefühl hat, ihr Potential nicht ausnutzen zu können oder es zu verfehlen, wenn äussere Umstände und hierarchischer Druck oder ungünstige zwischenmenschliche Konstellationen dies nicht zulassen. Denn ihr ist es wichtig, das meiste aus sich zu machen, ihr Potential voll zu entfalten. Die Seite mit Weitblick schätzt gute Inhalte, klare Informationen und offene Kanäle, um in einer Haltung offenen Fragens und Entdeckens mehr in Erfahrung zu bringen. Machtspiele, sinnlose Interpretationen, Status, Exhibitionismus oder Zurschaustellung von Macht benötigt diese Seite nicht, es sei denn, die Lebensbedingungen verlangen nach Macht. Sie sieht das Leben als eine von Höhen und Tiefen, Problemen und Lösungen geprägte Reise, so dass Chaos und Ordnung als normal akzeptiert werden. Sie findet ihr zentrales Motivations- und Bewertungssystem in sich selbst und wird so relativ immun für Druck oder Urteile von aussen.

2. Die Seite, die sich entwickeln will

Persönliches Wachstum, Selbstverwirklichung und Selbsterfüllung, so Cook-Greuter, sind vorrangige Wünsche auf dieser Entwicklungsstufe. Sie weiss, dass eigenes Wachstum nur in Abhängigkeit und Wechselwirkung mit anderen möglich ist. Private und geschäftliche Beziehungen werden von dieser Seite, der es wichtig ist, sich zu entwickeln, als Lernchancen gesehen.

3. Das SELBST als „Dirigent“ des „Teile-Orchesters“

Die psychologisierende Seite, die sich schon früh in der Kindheit entwickelt im empathischen Mitfühlen und kognitiven überlegen, was in anderen vor sich gehen könnte, sich auf der selbst-bestimmenden Stufe (5) langsam bewusst wird und auf der hinterfragenden Stufe (6) durch Selbsterfahrungen, Workshops, Seminare und Lektüre vertieft, gelangt durch fortgesetzte Selbsterfahrung und die zunehmende Fähigkeit, Wechselwirkungen mit anderen Menschen als Lernchancen für die eigene SELBST-Erweiterung zu erleben, zu immer grösserer innerer Freiheit. Anders als bei Menschen auf konventionellen Entwicklungsstufen werden Therapie, ein Ratschlag oder eine Beratung von anderen nicht als Schwäche oder als Möglichkeit um psychische Krisen und Krankheiten zu meistern, sondern als Notwendigkeit für die persönliche Entwicklung betrachtet. Zunehmend bildet sich ein SELBST, eine innere Mitte, ein Zentrum, ein CEO aus und Schattenteile, resp. verbannte Teilpersönlichkeiten und nicht- und noch nicht gelebte Anteile werden zunehmend integriert. So können unterschiedlichste Persönlichkeitsanteile früherer Stufen, z. B. impulsive Seiten, rationale, bedürftige, verantwortliche, aber auch verletzte Seiten integriert werden.

Dem SELBST gelingt es auf der selbst-aktualisierenden Stufe immer besser, sich von dominanten, primären Teilpersönlichkeiten zu desidentifizieren. Dieser Dirigent, der das Orchester der Teilpersönlichkeiten dirigiert, wird immer mehr in alltäglichen Handlungen präsent.
Das SELBST kann schon auf früheren Entwicklungsstufen immer wieder sporadisch auftreten. Es äussert sich in einer Kombination von Qualitäten wie: innerem Frieden, innerer Stille, Gelassenheit, Leichtigkeit, Vorurteilslosigkeit, Offenheit, Neugier, Furchtlosigkeit, Angstfreiheit, Präsenz, Mut, Empathie, Mitgefühl und Mitfreude.

Das SELBST kann durch Innere Friedenskonferenz, Zen-Meditation und Achtsamkeitsübungen verstärkt werden.

4. Der Querdenker/Die Querdenkerin

Das gesteigerte Bewusstsein für inneren Tiefgang, so Cook-Greuter, erlaubt es Menschen, deren Entwicklungsschwerpunkt auf der selbst-aktualisierenden Stufe liegt, Träume, Phantasien und Vorstellungen sehr viel freier zu benutzen, als es Personen früherer Stufen möglich war.

Sie erlauben ihren Gedanken abzuheben und Kreativität wird in noch viel grösserem Ausmass frei gesetzt. Ihre Vorstellungskraft wird nicht mehr länger beschränkt durch Logik oder Konventionen. Die Teilpersönlichkeit des Querdenkers/der Querdenkerin entwickelt sich, der/die Aufgaben mit divergentem Denken anpackt. Es wird nun nicht mehr nur nach einer oder ein paar „richtigen“ Lösungen gesucht, die durch Analyse und zielgerichtetes Denken gefunden wird. Querdenken geht in unterschiedlichste Richtungen. Es geht darum viele verschiedene Möglichkeiten zu finden, eine Sache anzugehen, eine Frage zu stellen, Interessen zu befriedigen, etc. „Was wäre, wenn alles ganz anders wäre?“ Ist eine beliebte Frage des Querdenkers/der Querdenkerin. „Wie könnte man das auch noch sehen/erklären/begründen?“ „Welche Möglichkeiten gibt es sonst noch?“ „Gibt es noch Sichtweisen, die wir bisher nicht berücksichtigt haben?“ „Was würde sich ergeben, wenn der Kontext ein ganz anderer wäre oder die Umgebung wechseln würde?“ „Welche Situationen könnten sich entwickeln, wenn sich die Beteiligten anders verhielten? „Was würde sich ändern, wenn man von anderen Motiven oder Interessen ausgehen würde?“ Sie haben ein Faible dafür, in unendlichen Möglichkeitsszenarien zu denken und geben sich nicht leichthin mit „endgültigen“ Lösungen zufrieden. Wenn diese querdenkerische Seite sehr dominant ist, kann es sein, dass es schwierig ist, zu Entscheidungen zu gelangen und sich festzulegen.

5. Der/Die Prinzipientreue

Menschen der selbstaktualisierenden Entwicklungsstufe favorisieren, so Kohlberg, Grundrechte, Menschenrechte, die Werte der westlichen Gesellschaft wie z. B. Gerechtigkeit, Gleichberechtigung und Partnerschaft von Mann und Frau, Toleranz, Echtheit, Ehrfurcht vor dem Leben, Menschenwürde und ethische Prinzipien: dass man andere Menschen niemals als Mittel zu irgend einem Zweck instrumentalisieren darf, sondern sie immer als Selbstzweck behandeln soll. Diese Seite hat einen starken ethischen Anker, der oft wohl überlegt gewählt wird, der aber nicht auf äusseren Autoritäten, strengen Regeln oder Dogmen basiert. Sie verteidigen ihre Werte in Konflikten gegen konkrete Regeln und Gesetze von einzelnen Gruppen. Menschen sollen ihre fundamentalen Rechte wahrnehmen können, unabhängig von der Meinung einer Mehrheit. Sie ziehen sowohl moralische wie auch juristische Gesichtspunkte in Betracht, sehen auch, dass diese einander gelegentlich wiedersprechen können und finden es schwierig, sie zu integrieren. Sie erkennen, dass es im Bereich der Moral nicht immer nur eine Wahrheit gibt, sondern zuweilen mehrere, auch widersprüchliche. Doch es ist ihnen möglich, mit Widersprüchen konstruktiv umzugehen.

6. Die generative Seite

Für den Entwicklungspsychologen Erik Erikson ist die generative Seite eng verbunden mit der Entwicklung der fürsorglichen und der verantwortlichen Seite. Sie entspringt dem Wunsch nach Fortpflanzung. Die generative Seite äussert sich laut Erikson im Interesse an der Schaffung und Erziehung der nächsten Generation und der Liebe, Fürsorge, Aufmerksamkeit und Achtsamkeit für die eigenen Kinder.
Junge Eltern können wie selbstverständlich in die generative Seite hineinwachsen, wenn es ihnen gelingt, von ihren eigenen Bedürfnissen nach Selbstverwirklichung und Unabhängigkeit zu abstrahieren und die fürsorgliche Seite und die eines verantwortlichen, guten Vaters und einer verantwortlichen guten Mutter zu entwickeln. Dies kann ganz jungen Eltern besonders schwer fallen, insbesondere dann, wenn sie noch nicht die Möglichkeit hatten, ihren Platz in der Berufswelt zu finden und unabhängig auf eigenen Füssen zu stehen. (Alleinerziehende) Mütter stehen oft in einem inneren Konflikt zwischen ihrer fürsorglichen und verantwortlichen Seite ihrem Kind gegenüber, dem Finden eines gesicherten Einkommens, ihren Karrierezielen und sonstigen Bedürfnissen nach Selbstverwirklichung, Hobbies und Abenteuern. Je weiter die Eltern in ihrem persönlichen Wachstum selbst gekommen sind, desto besser kann es ihnen gelingen, ihre Kinder gross zu ziehen. Wenn sie in gutem Kontakt mit ihren eigenen verletzten Anteilen sind und diese ein Stück weit integriert haben, besteht beispielsweise die Chance, dass Traumata nicht von Generation zu Generation weitergegeben, sondern aufgearbeitet werden.
Doch die generative Seite beschränkt sich nicht aufs Eltern-sein. An jedem Punkt wo Menschen mit Kindern in Berührung kommen, Kindergärtner, Lehrer, Sozialarbeiter ist die generative Seite aktiv, da sie sich um die Zukunft der Gesellschaft kümmert. Die fürsorgliche, die verantwortliche, sozialkompetente, umweltbewusste, psychologisierende und spirituelle Seiten sind gleichermassen wichtig, wo wir mit der Erziehung von Kindern zu tun haben. Die Fähigkeit, unterschiedlichste Perspektiven miteinander in Bezug zu setzen und weitere Zeithorizonte zu überblicken würde die optimalsten Bedingungen für Kindererziehung schaffen.
Die generative Seite bleibt jedoch oftmals auf der Gruppen-zentrierten (4) oder selbst-bestimmenden Entwicklungsstufe (5) stehen. Die eigene Familie, die Grossfamilie, der eigene „Clan“ oder die Gemeinschaft der Kommune steht dann im Zentrum. Doch Fürsorge muss sich nicht darauf beschränken. Wenn sie sich weiter entwickelt, kann sie sich ausdehnen. Ein Beispiel, wie Fürsorge sich jenseits der Gruppen-zentrierten Stufe ausdehnen könnte, zeigt dieser Blogbeitrag.
Wenn es gelingt, die fürsorgliche und die verantwortliche Seite über die Gruppen-zentrierte und selbst-bestimmende Stufe hinaus auszudehnen, dann ist es der generativen Seite ein Anliegen, etwas von dem, was sie bekommen hat, der Gesellschaft und zukünftigen Generationen auf irgend eine Weise zurückgeben. Es geht ihr um einen Dienst an der Gesellschaft. Sie ist dann an der Förderung des persönlichen Wachstums und des Wachstums anderer orientiert. Sie möchte sich selbst voran bringen und andere auf diesem Weg begleiten z. B. in der Rolle als Sozialarbeiter/in, Mentor/in, Coach, Führungskraft, Psychologe/in, Berater/in, Helfende/r, Mäzene/Mäzenin, Geldgeber, Spender, freiwilliger sozialer Helfer, etc. Sie möchte ihre Erfahrung, ihr Wissen, ihr Vermögen und ihre Weisheit gerne einbringen, um andere zu unterstützen und zu fördern, um mit dem eigenen Beitrag diese Welt zu einem lebenswerteren Ort zu machen. Zuweilen ist es für die generative Seite auch wichtig, sich gebraucht zu fühlen, um sich selbst weiter entwickeln zu können. Ihre Hoffnung, Zielstrebigkeit und Ihr Können möchte sie der nachfolgenden Generation vermitteln und damit zur Entwicklung des „Ganzen“ beitragen.
Diese generative Seite einzelner Menschen kann sich auch auf Unternehmensebene und der Ebene von Organisationen äusseren, wo es um Nachhaltigkeit und sozialen Ausgleich, um eine fürsorgliche Wirtschaft geht. Bill Gates und Mark Zuckerberg sind finanzstarke Beispiele auf für ein Handeln aus dieser generativen Seite. Hier ein Beispiel des Schweizer Fernsehens…

 

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  1. Siehe: Beck, Don E. / Cowan, Christopher C. Spiral Dynamics: Matering Values, Leadership and Change, Blackwell Publishers, 1996.

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