Hinterfragende Erwachsene

Autor: Peter Widmer

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Persönlichkeitsanteile der hinterfragenden Entwicklungsstufe (6)

Die Selbst-bestimmende Stufe (5) ist die späteste Stufe in der „konventionellen“ Erwachsenenentwicklung. Das heisst: es ist die Modellstufe des Erwachsenseins der heutigen Zeit. Von einem „Erwachsenen“ wird erwartet, dass er Leistungsziele verfolgt, eine professionelle Rolle einnimmt, persönliches Einkommen hat, sich anstrengt, zielbewusst ist, etc. Die Selbst-bestimmende Stufe ist die höchste Entwicklungsstufe, die von der westlichen Kultur und Gesellschaft gefördert wird. Sie umfasst die traditionelle wissenschaftliche Denkweise. Kulturell bildet diese Stufe das Entwicklungsziel schlechthin, welches bisher – gemäss unseren Studien mit dem Sentence Completion Test – nur von 10% bis 20% der Gesamtbevölkerung überschritten wird. Die Menschen, die sich über die „konventionellen“ Stufen hinaus entwickeln, bewegen sich in Bereiche, die wir im Selbst-Entwicklungsmodell als „postkonventionelle Entwicklungsstufen“ bezeichnen.

Die Komplexität und das Tempo unserer sich globalisierenden Welt, mit ihren Herausforderungen und Problemen, erfordert, dass die Errungenschaften und Teilpersönlichkeiten postkonventioneller Stufen mehr und mehr bereits auf früheren Entwicklungsstufen gefördert, unterstützt, entwickelt und zu konventioneller Normalität der Erziehung, Bildung und Gesellschaft werden.
Die erste postkonventionelle Stufe ist die hinterfragende Stufe (6).

Errungenschaften des 20. Jahrhunderts

Die hinterfragende Stufe thematisiert Errungenschaften der vergangenen c. a. 120 Jahre, in denen die Entdeckung des Unbewussten, Weltkriege, Atomare Bedrohung, die Kritik an Dogmen und totalitären Regimen, Sprachphilosophie, das Denken in komplexen systemischen Zusammenhängen, die Friedensbewegung, Gleichberechtigung von Mann und Frau und (sexueller u.a.) Minderheiten, das Umweltbewusstsein, Klimaveränderungen und die Kritik des Establishments durch die 68er Generation ihre Spuren hinterlassen haben. Die Errungenschaften dieser Epoche beeinflussen zwar mehr und mehr unser Leben und die Erziehung, doch sie sind noch Meilenweit davon entfernt, im Alltag vollkommen integriert zu sein.
Wichtige Teilpersönlichkeiten, die sich im Zuge dieser gesellschaftlichen Entwicklungen mehr und mehr herausbilden sind beispielsweise:

  1. Die relativierende Seite
  2. Die umweltbewusste Seite
  3. Die psychologisierende Seite
  4. Die prozessorientierte Seite
  5. Die sozialkompetente Seite
  6. Die Seite, die „einfach nur sein“ kann
  7. Der „friedvolle Krieger“ – Die spirituelle Seite
  8. Die kreative Seite

1. Die relativierende Seite

Schon kleine Kinder sind manchmal kleine Philosophen, wenn sie als Kindergärtner plötzlich die ganz grossen Menschheitsfragen stellen oder über die unendlichen Weiten des Weltalls staunen oder darüber, dass es überhaupt etwas gibt und nicht vielmehr nichts. Im Schulunterricht lernt diese philosophische Seite unserer Kinder, dass es verschiedene Lösungswege für eine Aufgabe gibt, kritisches Denken, sie lernt über Umweltprobleme von heute und die Gefahren in der Zukunft, die wir Menschen in der Vergangenheit und heute hervorgebracht haben, sie erwirbt Wissen über Kriege und Konflikte der Menschheit in weiter Vergangenheit und von heute, aber auch, dass es verschiedene Religionen, Weltsichten und Weltentwürfe gibt, die unterschiedlicher und widersprüchlicher nicht sein könnten. Kinder scheinen von sich aus ein Interesse an immer grösseren, umfassenderen Fragen zu haben, bis hin zu Fragen wie: ob denn die ganze Welt irgendeinen Zweck habe. In Ausbildungen, Fachhochschulen und Universitäten verstärkt sich in einigen Fachbereichen das kritische, hinterfragende Denken, das durch Dozenten angeregt und verstärkt werden kann. Und durch wissenschaftliches Arbeiten und die intensive Beschäftigung mit einer Sache wird eine fundamentale, kritische Einstellung dem eigenen Forschungsgegenstand und den eigenen Meinungen, Überzeugungen und Hypothesen gegenüber gefördert. Diese kritisch-skeptische Haltung entwickelt sich und hinterlässt ihre Spuren im Leben. Und die zentralen Entdeckungen der relativierenden Seite auf der hinterfragenden Entwicklungsstufe sind:

  • Objektive Meinungen, Ansichten, Wahrheiten sind ein Mythos. Es gibt keine Objektivität! Objektivität ist ein Konstrukt aus den Wechselwirkungen von Wahrnehmung und Wahrgenommenen, von von Menschen definierten Grundbegriffen und festgelegten Abläufen in Experimenten. Es sind Gruppen von Menschen, ForscherInnen, die in einem gedanklichen Austausch und in einer gedanklichen Wechselwirkung stehen, die bestimmt wird von verschiedenen Erkenntnisinteressen. Es sind Menschen, die Definitionen vornehmen, Forschungsziele bestimmen und die gewonnenen Daten und Erkenntnisse interpretieren.
  • Der Beobachtende beeinflusst das Beobachtete. Und jede Variable, jedes Objekt, jedes Ereignis ist sowohl ein Ganzes für sich selbst als auch ein Teil eines größeren Systems – ad Infinitum.
  • Alle Meinungen, Ansichten, Vorstellungen und Wahrheiten sind relativ in Bezug auf die Kultur, den historischen Kontext und die persönliche Erfahrung, in der sie geprägt wurden. Sie sind interessegeleitet und Nutzenerwägungen für bestimmte Menschen, Macht- und ökonomische Überlegungen bestimmter Interessensgruppen stehen dahinter.

Mit der Entwicklung der hinterfragenden Stufe wächst auch die Fähigkeit, mit Widersprüchen umzugehen, ein „Sowohl… als auch…“-Denken übernimmt auf den postkonventionellen Entwicklungsstufen mehr und mehr das binär strukturierte „Entweder… Oder“-Denken. Grau- und Zwischentöne finden mehr und mehr Platz und können in persönliche Lebensthemen integriert werden. Eine grössere innere Freiheit kündigt sich dadurch an.

Junge Erwachsene auf der selbst-bestimmenden Entwicklungsebene sind damit beschäftigt, Leistungsteile zu entwickeln, die es ihnen ermöglichen, in der Welt der Erwachsenen, im Beruf und unter Ihresgleichen anzukommen. Die relativierende Seite, die grundlegende Menschheitsfragen stellt und scheinbare Selbstverständlichkeiten fundamental hinterfragt, hat hier meist keinen Platz. Die Überzeugungen, die dagegen gehalten werden, lauten z.B.: „Wer über diese fundamentalen Dinge nachdenkt, macht sich nur verrückt.“ „Es lohnt sich nicht, über so etwas nachzudenken, denn es gibt da gar keine pragmatische Lösung.“ Und „worüber man nichts sagen kann, darüber soll man besser schweigen!“ Oder „Wir haben das schon immer so und so gemacht und es hat sich bis heute bewährt.“
Häufig entwickelt sich die relativierende Seite erst dann, wenn Menschen mit starken Leistungsteilen an Grenzen ihrer eigenen Leistungsfähigkeit stossen. Das kann sein, dass jemand alles erreicht hat, was er/sie sich vorgenommen hat: Vermögen, Statussymbole, Familie, Kinder und sich eines Tages beunruhigend fragt: „Ist dies jetzt alles?“ – dann kann es plötzlich sein, dass die Frage nach dem Sinn zum ersten Mal im Leben bedeutsam wird und aus eigenem Antrieb die eigenen Überzeugungen und die eigene Lebensweise und das Arbeitsumfeld, in dem man lebt und ständig leistet, grundlegend infrage gestellt werden. Oft sind es existenzielle Grenzsituationen: Stress, Burnout, Sich plötzlich alleine fühlen, der Zerfall einer Familie, Scheidung, Tod, eine Krankheit oder der Verlust von Fähigkeiten, eine Krise oder Unzufriedenheit mit den bestehenden Verhältnissen, die die Aufmerksamkeit auf „grosse“ Fragen lenken: „Wieso gerade ich?“ „Was ist mir wirklich wichtig im Leben?“ „Wieso geschehen mir gewisse Dinge immer wieder?“ „Wo liegt der Sinn?“

Auf der hinterfragenden Stufe bedeutet Dinge grundlegend zu hinterfragen, inne zu halten, sich selbst, die Gruppen, denen man sich zugehörig fühlte und seine Überzeugung, Meinungen, all das, was jemand für „wahr“ gehalten hat, tief zu hinterfragen und daraus Konsequenzen fürs eigene Leben zu ziehen, zu versuchen, anders zu sehen, zu fühlen, zu wollen und zu handeln als bisher.

Manchmal verliert die relativierende Seite die Hoffnung, ob sie jemals wieder „festen Boden unter den Füssen“ haben werde. Die Einsicht, dass es nichts gibt, woran man sich festhalten kann, da alles als Konstrukt wahrgenommen werden kann, kann zu Gefühlen von Hilflosigkeit und Ohnmacht führen. „Anything goes!“ Einige können eine zynische Seite in sich entwickeln, die nur noch darauf erpicht ist, jede Gewissheit zu de-konstruieren und zu zerstören, ohne jedoch im Gegenzug selbst etwas „Besseres“ anbieten zu können. In einem Umfeld, in dem Hinterfragende gefördert und von gleich Gesinnten oder reifereren (z. B. der Selbst-aktualisierenden Stufe) Rollenmodellen herausgefordert werden, lernen sie, ihre kritische Energie in neue konstruktivere Bahnen zu lenken. Teil ihres Entwicklungspotenzials ist es, einen noch integrierenderen Standpunkt zu finden, von dem aus sie handeln und ihre Erfahrung bewerten können.

2. Die umweltbewusste Seite

In archaischen Gesellschaften lebten Menschen eingebettet in die Natur. Sie hatten einen ganz unmittelbaren Bezug zu ihr, kannten ihre Gefahren und Geschenke und wussten die Natur zu nutzen. Sie lebten in unmittelbarer Wechselwirkung mit ihr und hatten ein partnerschaftliches Verhältnis zu ihr. Sie war für sie beseelt. Es gab magische Orte. Jeder Baum, jeder Strauch, jede Pflanze, jedes Tier war von Geistern beseelt; und Micro-, Meso- und Makrokosmos sahen sie als wechselseitig miteinander verbunden. Was im Kleinsten geschieht hatte für sie Auswirkungen im Grössten.
Auch in Agrargesellschaften vor der Industrialisierung hatten Menschen noch einen sehr unmittelbaren Bezug zur Natur. Und manche Bauern und Fischer sind auch heute noch tief mit den Rhythmen der Natur, der Atmosphäre von Bäumen und Wäldern, den Strömungen im Meer, dem Wetter und den Jahreszeiten verbunden.
In der heutigen Zeit, in der die meisten Menschen in Städten leben und die Urbanisierung den Lebensraum von Tieren und Pflanzen immer mehr zurückdrängt, ist die wilde, ursprüngliche Natur, aber auch die gezähmte, kultivierte, sehr fern gerückt. Im Zeitalter der Umweltzerstörung aber auch der Umwelterziehung in Kindertageseinrichtungen und Schulen wird das Ziel, mit Kindern die Natur zu entdecken immer wichtiger. Es ist uns in unserer Kultur ein Anliegen, dass Kinder die Umweltprobleme wahrnehmen und nach Kräften zum Schutz und zur Gesundung der Natur beitragen lernen. Doch wer etwas schützen lernen soll, das nicht in ferner Distanz medial vermittelt auf ihn/sie einwirkt, sollte erst einmal in unmittelbarem Kontakt sein mit dem Schützenswerten. Daher ist die Entdeckung der Natur mit Kindern heute so wichtig. Und Kinder haben eine sehr unmittelbare Art, die Natur kennen zu lernen: sie bleiben stehen, um stundenlang eine Ameise oder einen Käfer zu beobachten. Wenn wir mit Kindern in die Natur gehen, Wanderungen unternehmen, draussen an der Natur mit ihnen spielen und ihnen die Zeit lassen, Dinge in der Natur zu beobachten und zu untersuchen und sie nicht mit unseren Leistungsteilen ins Auto zurück hetzen, dann bauen sie spielerisch ein unmittelbares Verhältnis zur Natur auf, ohne viele Erklärungen und Belehrungen durch die Erwachsenen.
Kleine Kinder lernen beim Zähneputzen den Wasserhahn abzustellen und Müll zu trennen. Im Elternhaus und der Schule lernen sie, wie sehr wir Menschen unseren Planten bereits beeinträchtigt haben und was wir und unsere Kinder tun können zur Rettung der Tiere, Wälder, Meere und Landschaften. Sie gewinnen Einsichten in die Gefährdungen unserer natürlichen Lebensgrundlagen und entwickeln eine gewisse Bereitschaft zur Abhilfe, die auf der hinterfragenden Entdecklungsstufe bisher ihre grösste Bedeutung erhält. Die umweltbewusste Seite meldet sich beispielsweise zu Wort, wenn wir mit Bestürzung Meldungen über Umweltkathastrophen zur Kenntnis nehmen, mit Betroffenheit an einem verschmutzen Fluss wie beispielsweise dem Ganges spatzieren gehen, Approaching a state shift in the Earth`s biospherelesen, uns Filme wie „Home“ oder „Tomorrow“ anschauen, mit schlechtem Gewissen einen Flug buchen, Greenpeace Geld spenden, Biogemüse und Bioprodukte aus lokaler Produktion kaufen, uns für die Rettung der Wale und Säuberung der Meere einsetzen, einen eigenen Gemüsegarten ohne Düngemittel nach organischen Prinzipien mit einer Vielzahl von auf einander abgestimmten Pflanzen bepflanzen oder wenn Unternehmen sich um nachhaltige Entwicklung bemühen und Architekten Gebäude erstellen, die uns mit der Natur in Verbindung bringen oder nur für solche Unternehmen arbeiten, die sich um Nachhaltigkeit bemühen. Hier der Vorfilm von „Tomorrow“…

Und hier der Vorfilm zu Al Gores neustem Film: „Immer noch eine unbequeme Wahrheit“ mit dem Al Gore gegen Trumps Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen Mobil macht:

Auf der Gruppen- (3),  Aufgaben- (4) und selbst-zentrierten Entwicklungsstufe (5) ist der systemische Blick auf die hoch komplexen Wechselwirkungen ökologischer, wirtschaftlicher und politischer Systeme noch nicht vorhanden. Der Zeithorizont ist auf kurz- und mittelfristige Perspektiven beschränkt. Daher gelangt das Wohl zukünftiger Generationen auch noch nicht wirklich in den Blick, so dass aus dieser Motivation ökologisches Handeln folgen würde. Dies verdeutlicht, wo viele Menschen, auch solche mit Verantwortung und Führungsaufgaben sowie Staatschefs wie beispielsweise Donald Trump ihren Entwicklungsschwerpunkt haben! Wir sollten uns öfter fragen: auf welchen Entwicklungsstufen liegt der Schwerpunkt von Menschen, denen wir in unseren Unternehmen und Organisationen Führungsaufgaben übertragen?
Umso dringlicher ist heute eine Erziehung der ökologischen Seite von Kindesbeinen an und hier sind solche Filme wie „Home“, „Tomorrow“ und „eine unbequeme Wahrheit“, Lernorte, Vor- und Modellbilder gefragt und vor allem, dass wir die Möglichkeiten und Potentiale für ökologische Veränderungen wahrnehmen und entsprechend handeln.
Die hinterfragende Entwicklungsstufe ermöglicht durch das systemische Denken hoch komplexe dynamische Systeme langsam und annähernd zu verstehen. Die umweltbewusste Seite entwickelt sich auf der hinterfragenden Stufe noch vage, eher als Gefühl oder Empfindung, in etwas Grösseres eingebettet zu sein, als wir selbst, unsere Familien, Gruppen, Länder, Religionen und Kulturen. Zum ersten Mal in der Geschichte fühlen wir uns, sofern nicht eine hilflose oder zynische Seite in uns überhand nimmt, fürsorglich verpflichtet für das „Schiff Erde“ und zukünftige Generationen. Zur Motivation, um öfters aus unserer umweltbewussten Seite zu handeln, können wir uns diese radikalen Wechselwirkungen anhand konkreter, alltäglicher Einzeldinge wie etwa einem Apfel, einem Buch, etc. immer wieder von neuem bewusst in Erinnerung rufen.

3. Die psychologisierende Seite

Die psychologisierende Seite entsteht, wenn wir andere Menschen beobachten, empathisch mit ihren inneren Zuständen mitgehen und uns vorstellen, was in ihnen vorgehen könnte, um uns darauf einzustellen, mit ihnen konstruktiv umzugehen. Wenn die psychologisierende Seite als Kind Mutter, Vater und die grosse Schwester in ihren Wechselwirkungen beobachtet, stellt sich eine bestimmte orientierende Ordnung her. Wenn die Interaktionen als gelingend erlebt werden, entsteht eine sich als wirkungsvoll erlebende psychologisierende Seite. Und wenn Kinder und Familien in Therapie gehen, um einen entgleisten Alltag wieder ins Lot zu bringen, lernen die beteiligten, wie Dynamiken zwischen Menschen prägend sein können für die Dynamiken von innerpsychischen Anteilen, wie die Psyche die Familie und die Familie die Psyche prägen kann. Aus Büchern, Workshops, in Therapie- und Coachingausbildungen vertieft sich das explizite Wissen der psychologisierenden Seite über zwischenmenschliches Verhalten. Und so entsteht zunächst bei Vielen eine analytisch-wissende psychologisierende Seite.

Wenn sich diese wissende, kognitive psychologisierende Seite z. B. nach einem Workshop ausdrückt und ihre psycho-spirituellen Erkenntnisse Dritten gegenüber erzählt oder den Partner, die Partnerin oder einen Bekannten, eine Bekannte analysiert, dann sind die Reaktionen nach einem anfänglichen Interesse nach einer bestimmten Zeit meist irgendwann tendenziell eher negativ. Dies liegt nicht am Inhalt, sondern an der Energie der analytisch-wissenden psychologisierenden Seite. Denn oft kommt diese Seite im Team mit einer belehrenden oder weisen Seite, die es besser weiss und die Orientierung im Chaos der Gefühle bieten kann. Man kann auch sagen, sie äussert sich mit der erzieherischen Energie eines Vaters oder einer Mutter, deren Ausdruck und Energie als „weise“, suverän, unverletzlich und irgendwie „über den Dingen stehend“ wahrgenommen werden kann. Die psychologisierende Seite erwirbt sich oft viel Wissen über Dinge wie empathisches Zuhören, kommunikative Kompetenzen, liebevolles Sprechen, gewaltfreie Kommunikation, etc. – doch wenn wir mit dem psychologisierend Wissenden in uns identifiziert sind, und diese Seite all diese Fähigkeiten verwendet, dann kann dies als inauthentisch, aufgesetzt u. ä. wahrgenommen werden. Der psychologisierend Wissende ist dann der Experte für die psychodynamischen Wechselwirkungen in anderen Menschen. Früher oder später distanzieren sich unsere Kinder oder unser Partner/unsere Partnerin, wenn wir lange genug durch die weise, aber unberührbare Expertenseite mit ihnen sprechen. Wenn eine Überidentifizierung mit der psychologisierend wissenden Seite vorhanden ist, dann kommt dies oft erst durch solch entzauberndes Feedback zu Bewusstsein. In Beziehungen sind oft Mütter oder Partnerinnen mit der psychologischen Expertin identifiziert, gelegentlich sind es aber auch die Männer, Lebensberater, Psychologen, Psychiater oder Coaches, wie ich selbst. Die „Lösung“ ist sozusagen aus der eigenen Mitte, dem SELBST zu sprechen, welches nicht identifiziert ist mit dem psychologisierend Wissenden und auch in Kontakt mit anderen, u. a. verletzten Seiten. In der Inneren Friedenskonferenz gilt dies für die Arbeit mit allen Anteilen, nicht nur der psychologisch-wissenden Seite in uns.

Auf der hinterfragenden Stufe werden auch zunehmend psychologische Wahrheiten, die auf der selbst-bestimmenden Stufe (5) unhinterfragt und wie selbstverständlich für wahr gehalten werden, radikal infrage gestellt und als Illusionen entlarvt. David McRaney beispielsweise hat in seinem Buch You are not so smart einige beliebte Vorstellungen der selbst-bestimmenden Stufe (5) zusammengetragen und aufgrund neuerer Forschungsergebnisse als Irrtümer entlarvt, z. B.:

  • Die Annahme, dass wir genau bemerken, wenn wir beeinflusst werden.
    Wir können es nicht, denn es existieren sog. Priming-Effekte, denen wir nicht bewusst sind. Und diese werden geschickt z. B. von der Werbung ausgenutzt.
  • Die Annahme, dass wir genau wissen, wenn wir uns selbst belügen.
    Wir wissen es nicht. Wir merken meistens nicht, wenn uns unsere Motive nicht bewusst sind und dass wir uns Geschichten ausdenken oder Erinnerungen verändern, wenn wir z. B. vor anderen gut dastehen wollen oder eine kohärente, logisch stimmige Geschichte erzählen wollen. Wir erzählen beispielsweise etwas, was wir erlebt haben ein wenig anders und geben uns leicht eine andere Rolle, als wir in der Situation hatten. (=Konfabulation)
  • Die Annahme, dass unsere Ansichten und Meinungen die Ergebnisse rationaler Analyse sind.
    Das trifft ebenfalls nicht zu. Meist sind wir uns nicht bewusst, dass wir häufig nur das akzeptieren, was zu den Überzeugungen unserer bisher erworbenen, dominanten Teilpersönlichkeiten passt. Informationen, die diese Seiten in uns verunsichern würden, werden unbewusst ausgegrenzt. Vorurteile sind daher nur schwer auszuräumen.
  • Die Annahme, dass wenn wir etwas Neues erfahren, dass wir das immer schon angenommen oder gewusst hätten.
    Auch das stimmt nicht! Sehr oft sprechen wir im Nachhinein davon, dass wir etwas geahnt oder gewusst hätten oder vorher gesehen hätten, weil es einfacher und ökonomischer ist, einfach zuzustimmen, als jeweils darüber nachzudenken.
  • Die Annahme, dass die Persönlichkeit eines Menschen entscheidender für sein Verhalten ist, als die jeweilige Situation und der Kontext, in dem sich ein Mensch befindet.
    Auch das trifft nicht zu. Das gesamte Umfeld und der soziale Druck einer Gruppe, sowie die Hierarchien in der Gruppe führen dazu, dass Teilpersönlichkeiten eines Menschen sich plötzlich melden können, die man zuvor noch nie zu Gesicht bekommen hat.
  • Die Annahme, dass wir uns selbst und andere ohne Gewaltanwendung gezielt beeinflussen oder gar zielgerichtet manipulieren können.
    Auch das trifft nicht zu, denn die Kontexte, Wechselwirkungen, Dynamiken und die einzelnen Menschen sind viel zu komplex, als dass eine gezielte Kontrolle von Verhalten, Gefühlen, Gedanken, Wünschen und Absichten anderer möglich wäre. Und selbst dann, wenn Menschen tun, was wir von ihnen wollen, so tun sie das letztlich aus ihrer eigenen Selbstorganisation.

4. Die prozessorientierte Seite

Während Menschen der selbst-bestimmenden Entwicklungsstufe (5) vor allem Ziele, Ergebnisse und Resultate im Blick haben, interessieren sich Menschen der hinterfragenden Stufe (6) mehr für Prozesse, d. h. das was jetzt gerade in diesem Augenblick vor sich geht, wie sich ein z. B. innerpsychischer Prozess entfaltet und verändert. Es sind die Prozesse, durch die sich das Leben lebt und durch die sich alles, was lebt, ständig verändert. Und nur dann, wenn wir selbst bewusst diese Prozesse erleben, nehmen wir am Leben wirklich teil, ist die Überzeugung der prozessorientierten Seite. Innere Prozesse müssen einander mitgeteilt werden, um erfahrbar zu werden. Dabei geht es der prozessorientierten Seite nicht primär darum, das Ergebnis eines Prozesses mitzuteilen, sondern den Prozess als solcher, mit den dazugehörenden Gedanken, Gefühlen, Empfindungen, inneren Bildern, Wünschen und Erwartungen, den inneren Filmen, die sich entwickeln, um sie für andere erfahrbar zu machen. Durch das Mitteilen innerer Prozesse kann Verständnis entstehen und die an einem Gespräch beteiligten fühlen sich berührt, gesehen und gehört, ernstgenommen und spüren, dass sie für das Gegenüber im Gespräch wirkungsvoll sind und Bedeutung haben. Diese Art von zwischenmenschlichem Kontakt über die prozessorientierte Seite wird als „kostbar“ erlebt.

5. Die sozialkompetente Seite

Die sozialkompetente Seite baut auf die psychologisierende Seite auf und entwickelt sich mit ihr, insofern die sozialkompetente Seite sich emotional und kognitiv in die Schuhe anderer stellen kann und sich ihnen gegenüber konstruktiv, wertschätzend und klug verhält.
Sozialkompetenz entwickelt sich und auf jeder Entwicklungsstufe bedeutet „sozialkompetent“ zu agieren jeweils etwas anderes. Auf der hinterfragenden Stufe (6) sind es vor allem die folgenden Seiten, die nun als Reaktion auf die Leistungsteile der selbst-bestimmenden Stufe (5) in den Vordergrund treten:

  • die Seite, die Konflikte ansprechen kann
  • die Seite, die in gutem Kontakt ist mit dem eigenen Körper und den Grenzen der eigenen Belastbarkeit
  • die empathisch-mitfühlende Seite
  • die tolerante Seite
  • die hilfreiche, unterstützende Seite
  • die wertschätzende Seite
  • die dankbare Seite

Die sozialkompetente Seite kann schon sehr früh im Leben durch die Förderung der Empathie trainiert werden. Ob wir zugewandt und rücksichtsvoll oder gleichgültig und abweisend miteinander umgehen, entscheidet sich in vielen kleinen Situationen – auch im Schulalltag und zu Hause. Daher ist es wichtig, dass Schülerinnen und Schüler bereits in der Grundschule die eigene Verantwortung für die Qualität des sozialen Miteinanders erfahren und lernen, ihre Beziehungen zu anderen achtsam zu gestalten. Eine Reihe von Methoden und Lehrmittel stehen heute für Schulen und Lehrer zur Verfügung, wie Schüler lernen können, bei Konflikten zu vermitteln, Situationen mit den Augen anderer sehen und besser verstehen lernen, was zu tun ist bei Ablehnung und Mobbing, zur Stärkung von Achtsamkeit und Mitgefühl, u.v.m. Auch für Erwachsene und Eltern gibt es mittlerweile eine Reihe von Ratgeberliteratur dazu.

Die sozialkompetente Seite ist ein Schlüsselfaktor für den Erfolg in zwischenmenschlichen Beziehungen und Kooperation, sowohl im Privat- als auch im Arbeitsleben und rangiert heute – das zeigen unsere Auswertungen mit dem SCTi-MAP – in der Arbeitswelt leider erst auf post-konventionellen Entwicklungsstufen. Am ehesten findet sie sich bei einigen erfolgreichen Führungskräften, im Human Ressource-, Kommunikations- und manchmal im Verkaufsbereich, sowie in sozialen und Pflegeinstitutionen.

6. Die Seite, die „einfach nur sein“ kann

Ein Spaziergang im Wald, Wandern in den Bergen, ein Pferd ausreiten, Gartenarbeit, schwimmen, Sauna und Wellness, rennen, tanzen, Feste feiern, mit Freunden einen entspannten Abend verbringen, symbiotisch in der Liebe oder Sexualität aufgehen oder in einem Sonnenuntergang alle Teilpersönlichkeiten kurzfristig vergessen. Die Seele baumeln lassen und einfach nur Sein dürfen. Das ist oft das grosse Bedürfnis des Leistungsmenschen der Stufe Selbst-bestimmenden Entwicklungsstufe.

Yoga, Achtsamkeit im Alltag, Mindful Based Stress Reduction (MBSR), Zen-Meditation und andere Meditationsformen, Abgeschiedenheit, Einkehr mit sich selbst, innere Stille sind Möglichkeiten, diese Seite in sich zu kultivieren und zu vertiefen. Sie führen letzlich zur spirituellen Seite als einem Lebensweg.

7. „Der friedvolle Krieger“ – Die spirituelle Seite

In seinem Buch „Peaceful Warrior“ (Der friedvolle Krieger) hat Dan Millman vielleicht eines der populärsten Bücher über diese Heldenreise vom Leistungsmenschen zum hinterfragenden Menschen geschrieben, dem es gelingt, sich von seinen Anhaftungen zu befreien, indem er ganz im hier und jetzt lebt.
Das Interesse für Spiritualität erwacht in unserer westlich geprägten Kultur vor allem auf der hinterfragenden Entwicklungsstufe, wenngleich die Samen für Meditation, Achtsamkeit und die Mitgefühl schon in der Kindheit gelegt werden können.
Millmans Buch ist die halb autobiographische Geschichte des ehemaligen Leistungssportlers Daniel Millman, der erkennt, dass sein Leben im Streben nach olympischem Gold und den Ausschweifungen eines auf Genuss und Statussymbolen ausgerichteten Lebens keine wirklich erfüllenden Wahrheiten mehr zu bieten hat. Trotz seines Erfolgs fehlt ihm etwas in seinem Leben. Es ist eine Geschichte über Erfüllung, Sinn und Selbstverwirklichung durch die Integration der spirituellen Seite ins eigene Leben. Hier der Film in voller Länge. Viel Vergnügen…

Es gibt eine Reihe von bekannten Sportlern, welche Zen-Meditation praktizieren. Novak Djokovic gestand 2015 in Wimbledon, dass er einen Buddhistischen Tempel in der Nähe des All England Clubs besuche, um sich vor einem grossen Tennismatch zu sammeln. Nico Rosberg, Formel Eins Champion 2016 sagt auf dem Höhepunkt seiner Karriere am 2. Dezember 2016 in einem Spiegel-Interview, dass er zusätzlich zu seinem Mentaltraining in dieser seiner letzten Saison angefangen habe, bei einem Zen-Meister zu meditieren mit dem Ziel, vollkommen präsent und bewusst zu sein. „Das“, so Rosberg, „hat alles noch mal aufs nächste Level gehoben.“

8. Der Kreative/Die Kreative

Menschen der hinterfragenden Entwicklungsstufe hinterfragen die konventionellen und sozialen Normen ihrer Kultur, sie hinterfragen das, was sie bisher alles gelernt und sich angeeignet haben, sie hinterfragen ihre eigenen Vorstellungen und wenden sich dem Hier und Jetzt vermehrt zu, da sie annehmen, dass sich eben alles als „relativ“ entpuppt. Sie genießen die neu erworbene kulturelle Freiheit und trauen sich zu, aus sich selbst heraus etwas zu schaffen. Eine wieder entfachte kreative Seite mit viel Phantasie und Vorstellungskraft sind häufig sichtbare Zeichen von Menschen, die sich auf dieser Stufe der Entwicklung befinden. Diese Seite knüpft häufig am spielenden Kind an, sowie am Tagträumer/der Tagträumerin aus der Kindheit und Jugend und ist im Kunstbetrieb nicht selten verbunden mit der dionysischen Seite, d. h. mit Extase, Flow- und Rauschzuständen, aber auch mit zielorientierten und ökonomischen Teilpersönlichkeiten.

Die kreative Seite kann sich nicht nur im professionellen Kunstbetrieb äussern, sondern auch im Hobby, in Musik-, Kreativ-, Tanz- und Schreibworkshops und sie kann Einzug halten in alle Lebensbereiche: Arbeit, Blogschreiben, Youtube, Sexualität, Beziehungsalltag, Umgang mit den Kindern, Einrichtung der Wohnung, des Hauses, des Gartens, von Büros und macht auch nicht vor Museen halt. Dieses ziel- und zwecklose aus sich heraus Schaffen der kreativen Seite kann sich energetisch, bunt, lebendig und kribbelnd anfühlen. Denn Kreativität findet ihren eigentlichen Zweck nur in sich selbst und bildet damit ein Gegengewicht zur zielorientierten, strebsamen und nutzenorientierten Hochleistungsgesellschaft. Schon Nietzsche charakterisierte diese künstlerische Seite als ein „Kind“, das für „Neubeginn in ursprünglicher Unschuld“ steht, „Vergessen, … ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad“.

Im nächsten Beitrag geht es um Teilpersönlichkeiten von Menschen mit Weitblick auf der selbst-aktualisierenden Entwicklungsstufe.

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