Erwachsenenteile in Ausbildung, Studium und Beruf

Autor: Peter Widmer

Young businessman standing in office with his collegue on the background

Persönlichkeitsanteile junger Erwachsener der selbst-bestimmenden Entwicklungsstufe (5)

Unser Erziehungs- und Bildungssystem sowie die Anforderungen unserer Arbeitswelt führen uns im Modell der Selbstentwicklung von Cook-Greuter zur selbst-bestimmenden Stufe (5).1 Wenn wir als Jugendliche und junge Erwachsene die Arbeitswelt betreten, gelten wir mit der Volljährigkeit in der Regel als eigenverantwortlich für den täglichen Erfolg oder Misserfolg in Ausbildung, unserem Arbeitsleben, unseren Beziehungen und für uns selbst. 
In diesem Kontext entwickeln sich ganz bestimmte Teilpersönlichkeiten mit Fähigkeiten, die dazu dienen, in unserer Gesellschaft als vollwertiges, autonomes, d. h. selbst-bestimmtes Mitglied anerkannt zu werden. Auf diese Weise entstehen eine Reihe von Leistungsteilen, resp. Persönlichkeitsanteile, die durch unsere moderne Leistungsgesellschaft, den beruflichen und gesellschaftlichen Rollen und ihren Anforderungen geprägt werden.

Leistungsteile der selbst-bestimmten Entwicklungsstufe (5)

Alle vorherigen Anteile sind je nachdem, wie gut sie entwickelt worden sind, nach wie vor mehr oder weniger präsent in der Persönlichkeit eines Menschen. Während Jugendliche und Erwachsene mit einem ausgeprägten Aufgaben-zentrierten Teil (Stufe 4) sich auf Detailarbeit konzentrieren und bemüht sind, ihre Arbeit gut zu erledigen, sind Menschen der Selbst-bestimmenden Stufe (5) vor allem mit erfolgreichen Plänen und Resultaten beschäftigt, welche, in der immer komplexer und schneller werdenden Ausbildungs-, Studien- und Arbeitswelt mit unterschiedlichsten Instrumenten gemessen und ständig optimiert werden. Analysen, Kompetenzziele, Zielpläne, Zeitpläne, Stundenpläne, To Do Listen, Stellenbeschreibungen, Pflichtenhefte, festgelegte Abläufe, Organisationsentwicklung, Qualitätssicherungsmassnahmen, etc. sind Werkzeuge, die unseren Ausbildungs-, Studien- und Berufsalltag und unsere zwischenmenschlichen Wechselwirkungen bestimmen. Diese beeinflussen auch die Entstehung weiterer Anteile.

Hier eine Auswahl von prägnanten Leistungsteilen der selbst-bestimmenden Entwicklungsstufe.

  1. Die erfolgsorientierte Seite
  2. Der Antreiber/Die Antreiberin
  3. Die kompetitive Seite
  4. Das Organisationstalent
  5. Der Multitasker/Die Multitaskerin – Der/Die Fokussierte
  6. Die funktionierende, durchhaltende Seite
  7. Die Seite, die recht haben will
  8. Die kontrollierende Seite
  9. Der/Die Unabhängige
  10. Der Partner/Die Partnerin & Der Teamplayer/Die Teamplayerin

1. Die erfolgsorientierte Seite

Die Standardfrage bei Einstellungsgesprächen: „Wo sehen sie sich in 5 Jahren?“ sind für die erfolgsorientierte Seite einfach zu beantworten. Denn persönliche Karriereziele spielen für sie eine zentrale Rolle. Im Geschäft sind es messbare Unternehmensergebnisse: Umsatzzahlen, Kennzahlen, Gewinne, Ertrag der Kapitalanlagen, Quantifizierbare Marktanteile, aber auch gelingende Verhandlungen, erfolgreiche Lösungen von Konflikten und Teamwork. Der Kitzel von Sieg und Erfolg ist der wirkliche Lohn. Diese Seite will den Fortschritt mit voran bringen. Sie hat den starken Wunsch, im Leben voran zu kommen. Im Privaten misst sich die erfolgsorientierte Seite an Statussymbolen: dem Porsche, Merzedes, der Gucci-Tasche, dem grossen Haus mit Swimmingpool, Fliegen und Bahnfahren erster Klasse, der Privatjet, Übernachten in Luxushotels, Golfspiel, Balonfahrt und Safari. Der amerikanische Traum ist ihr Vorbild.
Meist geht die erfolgsorientierte Seite mit einer optimistischen Seite einher. Die optimistische Seite ist davon überzeugt, dass, wenn sie scheitert, sie dann das nächste Mal erfolgreich sein wird. Ablehnung, eine erfolglose Stellenbewerbung, eine Fehlinvestition oder ein schlechtes Prüfungsergebnis spornt sie dazu an, herauszufinden, wie sie ihre Erfolgschancen beim nächsten Anlauf verbesseren könnte.
Die klassische Ratgeberliteratur der erfolgsorientierten Seite trägt Titel wie: „The Success Principles,“ „The Power of Positive Thinking“, „Money“, „the Power Principles“, „The 10 Pillars of Wealth“, „Secrets of the Millionaire Mind“ u. ä. Eine Vision zu haben, sich auf eine Sache zu beschränken und alle Energie da hinein zu geben ist der Schlüssel, den eigenen Traum wahr zu machen, lautet die Botschaft der erfolgsorientierten Seite! Hier ein Beispiel dafür…

Sicherlich ist die optimistische Seite ein zentraler, motivierender Verbündeter, wenn sich die erfolgsorientierte Seite daran macht, Erfolge zu realisieren. Die optimistische Seite kann die Sicht auf die Dinge jedoch auch verzerren, wenn sie zu dominant ist. Wenn sie zusammen mit der risikoreichen Seite die Gefahren nicht sieht. Diese drei Seiten: Die Erfolgsorientierte, die Risikoreiche und die Optimistische können tatkräftige, tüchtige, beherzte Unternehmer hervorbringen, die die Gunst der Stunde nutzen wollen, auf die Gefahr hin, Risiken zu bagatellisieren, was zu kostspieligen Konsequenzen führen kann. Thomas Astebro untersuchte die Entwicklung von 1100 neuen Erfindungen aus denen Existenzgründungen hervorgingen. Nur etwa 35% aller Existenzgründungen überleben die ersten fünf Jahre. Und von den rund 1100 neuen Erfindungen, so fand der Forscher heraus, werden weniger als 10% auf den Markt gebracht. Davon erleiden 60% Verluste und lediglich 6 der rund 1100 Erfindungen waren Glückstreffer, welche hohe Renditen  erzielten. Daher ist die skeptisch-kritische Seite, die Risiken einschätzt, Marktanalysen und Machbarkeitsstudien durchführt eine wichtige Verbündete im Team für erfolgreiche Projekte. Weitere wichtige Seiten sind die folgenden…

2. Der Antreiber/Die Antreiberin

Der innere Antreiber oder die schnelle Seite kommt auf dieser Ebene der Entwicklung oft voll zum Einsatz, wenn es darum geht, Ausbildungserfolge, persönliche Erfolge und Unternehmenserfolge zu erzielen. Innere Antreiber können jeden Lebensbereich dominieren: Arbeit, Sport, Beziehung, Spiritualität, Hobby, Freizeit, Urlaub. Durch die antreibende Seite sind wir sehr produktiv und unser Leben bewegt sich und wir fühlen uns sehr energiegeladen. Die schnelle Seite ist schnell im Analysieren von Problemen, Ziele, Wege und Mittel festlegen und entscheidet oft ganz schnell, am liebsten nicht nur für sich selbst, sondern auch für andere.

3. Die kompetitive Seite

Unsere Gesellschaft fördert auf globaler Ebene vor allem Leistung, Wettbewerb und Gewinnermentalität. Kein Wunder entstehen kompetitive Seiten, denen es darum geht, der/die Beste zu sein. Ihre Natur ist es, sich mit anderen zu vergleichen, um dadurch ihr Selbstbewusstsein in der Gruppe zu gewinnen. Schon kleine Kinder wollen bei Spielen, z. B. Karten- und Brettspielen, Dame, Mühle, etc. gewinnen und können sehr enttäuscht sein und sich ärgern, wenn sie verlieren. Sie können gar nicht anders, als gewinnen wollen, denn ihr Denken ist noch durch binäre Kategorien strukturiert. Gewinnen ist ihnen ganz wichtig. Und wenn ein Kind beispielsweise sagt: „ich will gar nicht gewinnen und bin auch froh, dass ich nicht gewonnen habe, denn ich will diesen Gewinn gar nicht haben!“ – dann ist dies oft so, dass das Kind damit den Schmerz und die Enttäuschung, nicht Erste/Erster zu sein, konstruktiv bewältigt. Auch die Gruppen-zentrierte, die Aufgaben-zentrierte und die selbst-bestimmende Entwicklungsstufen sind vorwiegend geprägt durch binäre Kategorien und Werturteile: Gewinner – Verlierer, richtig – falsch, wahr – unwahr, gut – schlecht, etc. Grau- und Zwischentöne, sowie Relativierungen sind noch nicht im Fokus der Aufmerksamkeit. Unsere Erziehung zu Hause und in der Schule fördert, dass Kinder sich durch Vergleich mit anderen beweisen wollen: einige im Sport, andere in Mathematik, wieder andere in den Sprachen, Musik und Kunst, Ästhetik und Schönheit. Denn durch diesen Wettbewerb heben sie sich aus der Gruppe heraus und teilen zugleich die Werte der eigenen Gruppe. An dieser Stelle können innere Antreiber, durchhaltende und perfektionistische Seiten entstehen. Insbesondere dann, wenn Kinder nur dann von ihren Eltern sich wahrgenommen und gewertschätzt fühlen, wenn sie eine besonders herausragende Leistung erbringen.

Die kompetitive Seite, Innere Antreiber und durchhaltende Seiten sind die zentralen Persönlichkeitsteile der weltweiten Berufswelt, in der es gilt, im Wettbewerb mit anderen als Erster das beste Produkt mit der höchsten Qualität, den geringsten Produktionskosten, der höchsten Gewinnmarge und dem grössten Umsatz zu erzielen. Im olympischen Modus geht es darum, bis an die Grenzen zu gehen und sie zu überschreiten. Dies führt zu Adrenalinstössen, fördert aber auch Überforderung, Lohndumping, Stress und Burnout. Die kompetitive Seite steht auf der selbst-bestimmenden Seite in ihrer vollen Blüte.

4. Das Organisationstalent

Die pragmatische Verwirklichung kurzfristig vollendbarer Projekte steht im Zentrum. Strategische Planung, Zielsetzung und Vision sind wiederkehrende Themen. Sie ist in der Lage, Dinge, Abläufe und Prozesse in Einzelteile zu zerlegen und Zeitpläne auszuarbeiten, Ziele zu formulieren und zu definieren, wie diese Ziele zu erreichen sind. Das Organisationstalent hat oft eine nicht enden wollende Agenda und To Do Listen: endlos viele Dinge zu erledigen, Leute zu sehen und Aufgaben zu erledigen. Es geht ihr beispielsweise um das Erreichen von Schul- und Studien- und Ausbildungszielen, sowie darum, im Beruf konkrete Aufgaben zu lösen, Produkte oder Dienstleistungen innerhalb einer bestimmten Zeit erfolgreich zu erstellen, die Freizeit zu organisieren, soziale Kontakte zu managen und wenn Kinder da sind, geht es darum, Unterstützung von Aussen, die Kita, Einkäufe, Essenszeiten, Schlafenszeiten, Spielzeiten etc. zu organisieren und Famile, Beziehungen und Arbeit irgendwie unter einen Hut zu bekommen. Effizient zu sein ist dieser Seite ganz wichtig. Denn Effizienz wird belohnt.

5. Der/Die Multitasker/in – Der/Die Fokussierte

Ich hatte in meiner Jugend einen Stepptanzlehrer, der konnte Klavierspielen, mit den Füssen stepptanzen, eine Zigarette rauchen und dazu noch singen – alles gleichzeitig! Die Multitasking Seite in uns ist die Fähigkeit, mehrere Tätigkeiten zur gleichen Zeit oder abwechselnd in kurzen Zeitabschnitten durchzuführen. Diese Seite kann die Anforderungen mehrerer Aufgaben gleichzeitig bewältigen. Sie entwickelt sich heute zumeist im Kontext des Mediengebrauchs. Viele Jugendliche hören gleichzeitig Musik mit ihren Kopfhöreren oder telefonieren mit jemandem und schreiben gleichzeitig noch sms, sind auf Facebook oder googeln. Nimmt diese Seite bei Jugendlichen überhand, dann es sein, dass die Entwicklung emotionaler und sozialer Seiten darunter leiden. Die omnipräsente und nahezu ständige Verfügbarkeit vieler via Smartphone und Internet verleitet zu Multitasking. Und wer hat nicht schon Mal beim Autofahren telefoniert? Und wessen Terminkalender voll ist und wer viel zu tun und zu organisieren hat, kommt manchmal nicht darum herum, alles oder vieles gleichzeitig zu machen. Doch Multitasking reduziert die Reaktionsgeschwindigkeit und erhöht den Stresslevel. Daniel Levitin und viele andere Forscher haben Multitasiking wissenschaftlich untersucht. Hier ein kurzes Video von Levitin…

Forschungen zeigen, dass das schnelle hin und her gehen zwischen unterschiedlichen Beschäftigungen die Aufmerksamkeit erschöpft. Viele Unterbrüche z. B. aufgrund des Mobiltelefongebrauchs erhöhen Stress, Frustration und Zeitdruck. Das macht uns weniger produktiv. Unsere Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf eine Sache zu konzentrieren fällt uns dabei immer schwerer.
Zen-Meditation ist ein Weg der Aufmerksamkeitsschulung. Es ist gelenkte Aufmerksamkeit und die Schulung der Fähigkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren und dabei zu bleiben.

6. Die funktionierende und die durchhaltende Seite

Die funktionierende Seite läuft meist im Modus des Autopiloten, d. h. eingespielte Routinen und Gewohnheiten übernehmen hier. Das ist für den Augenblick entlastend. Die Möglichkeit zur Reflexion der Umstände und des Lebens und der eigenen Gefühle ist dabei oft ganz im Hintergrund der Aufmerksamkeit.
Das wichtige ist: Durchzuhalten bis zum Abend, um alle Punkte der Agenda auf die Reihe zu bekommen. Die durchhaltende Seite hält jeden Marathon durch, bis zum Ziel! Ganz egal wie viele Hindernisse auf dem Weg liegen und wie schwer das Ziel auch zu erreichen ist. Mit Terrierbiss lautet die Devise!

7. Die Seite, die Recht haben will

Wenn beispielsweise jemand sagt: „Das kannst Du doch nicht ernsthaft vertreten!“ „Nein, das stimmt nicht! Ich weiss, dass es so und so war!“ „Ich weiss, dass ich Recht habe!“ „Lies doch einfach einmal dort und dort nach!“ und dergl., dann sind das Äusserungen der Seite in uns, die recht haben will.

Bereits im Babyalter beginnt unser Denken durch das Erlernen dualer Gegensätze: ein Objekt ist da oder es ist nicht da. Kinder lernen Unterscheidungen wie „oben – unten“, „links – rechts“, „richtig – falsch“, „gut – böse“, etc. Dies hat zur Folge, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene bis zur selbst-bestimmenden Stufe (5) vorwiegend in Kategorien von „entweder-oder“ denken, sprechen und fühlen. Obwohl wir von Grau- und Zwischentöne im Laufe unserer Entwicklung wissen und immer mal wieder gehört haben, lernen wir tendenziell erst auf späteren Entwicklungsstufen Grau- und Zwischentöne wirklich in unser Leben zu integrieren.

Die Suche nach der Wahrheit, den richtigen Erkenntnissen, der wahren Religion, der richtigen Ansicht und der richtigen Entscheidung zieht sich so durch die Kulturen und die Jahrhunderte bis zum heutigen Tag.
Auch in den Wissenschaften aller Disziplinen dreht sich der Wettstreit immer wieder um die Frage, wer jetzt „objektiv“ gesehen recht habe, wessen Weltbild das „bessere“, „klügere“ oder „richtige“ sei. Die Seite in uns, die Recht haben möchte, zielt darauf ab, sich durchzusetzen bei Positions-, Meinungs- und Machtkämpfen zwischen Einzelnen und Gruppen in Politik, Wirtschaft, am Arbeitsplatz, unter Kollegen und in der Familie.

Auf der impulsiven und selbst-zentrierten Stufe (2) will diese Seite Recht haben, um des Rechthabens willen und um seine persönliche Macht durchzusetzen. Auf der Gruppen-zentrierten Stufe (3) geht es tendenziell um das Recht haben gegenüber anderen Gruppen, von denen man sich abgrenzt. Auf den Aufgaben-zentrierten (4) und Selbst-zentrierten (5) Stufen hingegen geht es darum, sich argumentativ zu vertreten, weil wir als Individuen bestimmte Ziele verfolgen. Interessant am Recht-haben-wollen ist die Intention, die Absicht, der Zweck. Wenn jemand beispielsweise recht haben und sich durchsetzen möchte, um die Lebenssituation von Menschen zu verbessern, dann ist es etwas anderes, als wenn jemand recht haben möchte, um seine persönliche Macht auszudehnen, sich über jemand anders zu stellen und ihn oder sie zu belehren.

Wenn Menschen vehement ihre Meinung oder Position in Meetings, Sitzungen, unter Kollegen oder gegenüber dem Partner durchzusetzen versuchen, wenn diese Seite also sehr dominant und stark ausgebildet ist, dann kann es auch sein, dass dahinter ein Defizit in Bezug auf die Wunscherfüllung existenzieller Wünsche in der Kindheit herrührt. Je vehementer sich die Seite, die Recht haben will, durchsetzt, desto wahrscheinlicher ist ein solches Defizit.

8. Die kontrollierende Seite

Die kontrollierende Seite ist überzeugt davon, die Produktion von Dingen, die uns umgebende Natur, sich selbst und andere gezielt kontrollieren zu können.
Auf der Selbst-bestimmenden Stufe der Entwicklung werden andere Menschen gerne nach bestimmten Gesetzmässigkeiten und Kategorien beurteilt. Man versucht, Menschen richtig einzuschätzen, mit dem Ziel, andere und sich selbst, d. h. das Verhalten, die Gefühle und Absichten, besser kontrollieren zu können, um Ziele noch effektiver und effizienter zu erreichen.
Menschenkenntnis und wechselseitig aufeinander abgestimmtes Verhalten wird im Grunde genommen schon früh und unbewusst erlernt, wenn Babies sich und ihr Verhalten auf ihre Eltern einstellen, erwünschtes Verhalten zeigen, um zu bekommen, was sie brauchen. So lernen sie beispielsweise sehr bald schon, ihre Ausscheidungen und ihre Bewegungen zu kontrollieren. Wenn kleine Kinder aufgrund der Wechselwirkungen mit ihren Eltern, Erziehern und Lehrern die Erfahrung machen, dass ihre Lust am selbständigen Entdecken der Welt, am Lernen mit Unterstützung Erwachsener und ihre in die Welt ausgreifenden Wünsche, nicht richtig sind, abgewertet oder ständig korrigiert und infrage gestellt werden, dann kann es sein, dass sie sich zurück nehmen und nunmehr schon sehr früh sich bemühen, durch ihr eigenes Verhalten andere und sich selbst zu beeinflussen. Diese kontrollierende Seite kann sich insbesondere dann besonders ausprägen, wenn Kinder schon früh traumatische Erfahrungen gemacht haben. Dadurch verstärkt sich der Wunsch, sich selbst und andere kontrollieren zu können, um das Trauma nicht erneut erleben zu müssen. Ein starkes Sicherheits- und Kontrollbedürfnis kann dazu führen, dass bewusst Manipulationsversuche unternommen werden, um andere zu etwas zu bringen. Dieses Kontrollbedürfnis kann sich beispielsweise dadurch äussern, dass Kinder in der Schule Unwahrheiten über sich selbst erzählen, um vor ihren Mitschülern besser dazustehen – so entsteht eine die Unwahrheit erzählende Seite. Oder es entsteht durch die Internalisierung der äusseren Ansprüche und Kritiker ein starker innerer Selbstkritiker/eine starke innere Selbstkritikerin, die das Kind kritisiert, mit dem Ziel, sich besser zu kontrollieren.
Kontrollierendes Verhalten wird oft schon in Familien weitergegeben, da, wo Eltern symbiotisch mit ihren Kindern verschmelzen und sie sozusagen als verlängerten eigenen Arm betrachten, den man selbst steuern kann – oder von dem man selbst gesteuert wird. Wenn Erwachsene versuchen, Kinder durch Druck, Kontrolle und Machtausübung zu etwas zu zwingen und wenn nicht berücksichtigt wird, dass sie letztlich autonom und aus sich selbst heraus entscheiden.

Diese Tendenz zu Selbstkontrolle und zur Kontrolle des Verhaltens anderer setzt sich auf der selbst-bestimmenden Stufe bis in die Unternehmen hinein fort, insbesondere da, wo eine sich verantwortlich fühlende Seite sehr stark ausgeprägt ist. Wo es um viel Verantwortung geht, die jemand auf seinen Schultern spürt, Verantwortung dem eigenen Chef, Mitarbeitern und den Shareholdern gegenüber, Budgets einzuhalten, Projekt- und Unternehmenserfolge zu erzielen, hohe Qualität mit knappen Ressourcen zu möglichst tiefen Preisen zu erzielen. Wo der eigene Arbeitsplatz, der eigene Status und Lebensstil und das eigene Selbstbild und Selbstwertgefühl von der Arbeitsleistung, von globaler Konkurrenz, Wettbewerb und dem sich mit anderen Vergleichen abhängt, dort kann Sicherheit und Kontrolle zu einem zentralen Bedürfnis werden. Die Arbeitswelt fördert so die kontrollierende Seite. Und so werden beispielsweise Teams nach Typenmodellen zusammengestellt, es werden bei der Rekrutierung neuer Arbeitskräfte Entwicklungsmodelle verwendet, Manager werden in Rhetorikkursen geschult, in NLP-Techniken, in Mindfulness Based Stress Reduction (MBSR), Meditationspraktiken, Hypnosystemischer Kommunikation etc. mit dem Hintergedanken, das eigene Verhalten und das der Mitarbeiter besser kontrollieren zu können, um z. B. seinen persönlichen Einfluss und seine Macht auszudehnen, Mitarbeiter zu besserer Leistung zu bringen und um Unternehmensziele schneller und effizienter zu erreichen. Praktiken wie „Positives Denken“ und der Glaube an das „Gesetz der Anziehung“ (law of attraction) können Einzelne zu ausserordentlichen Leistungen motivieren und mit der Überzeugung einhergehen, man habe sich selbst und sein Schicksal vollkommen in seiner Hand und jeder sei seines Glückes Schmied.

9. Der/Die Unabhängige

Unabhängig zu sein ist ein grosses Thema des Erwachsenwerdens. Die unabhängige Seite nimmt das Leben selbst-bestimmt in die Hand, verwirklicht Ziele auch ohne die Hilfe anderer. Unabhängig den Tag gestalten, ein Zimmer in einer WG oder eine eigene Wohnung haben, sein Leben selbst finanzieren können. Sein eigenes Ding drehen, ohne Hilfe anderer ein Ziel verfolgen, Dübel in die Wände schrauben können, unabhängig von der Meinung anderer das tun, was man selbst für richtig hält. Die unabhängige Seite ist ganz wichtig und vermittelt ein Gefühl von Kraft und Selbstbewusstsein.

Doch wenn die unabhängige Seite zu dominant wird im Leben, kann es sein, dass zwischenmenschliche Wechselwirkungen und insbesondere enge Bindungen als in irgendeinem Sinne „gefährlich“ erlebt werden können. Wenn unabhängige Seiten sich gebildet haben, um verletzten Teilen aus dem Weg zu gehen, kann es auch sein, dass diese Seiten einem bis ans andere Ende der Welt führen können, nur um aus dem Einflussbereich einer Person, z. B. eines Elternteils, zu kommen, von der man sich wiederholt verletzt fühlt. Wenn die unabhängige Seite zu dominant wird, verzichten Menschen darauf, sich abhängig zu machen von anderen. Sie verzichten aufs Wünsche-haben an andere, denn die unabhängige Seite braucht niemanden, schafft alles alleine. Denn Wünsche können einem abgeschlagen werden und das kann schmerzhaft sein. Doch dann lässt man sich auch nicht mehr auf Wechselwirkungen ein und vor allem, man gibt anderen Menschen keine Bedeutung mehr für sein Leben. Das ist der Preis, wenn die unabhängige Seite zu dominant wird. Typischer Ausdruck der unabhängigen Seite ist der/die Singel. Insbesondere in den Grossstädten ist die Zahl der Singels besonders gross, da ständig Ströme neuer Menschen an einem vorbei gehen und es könnte sich ja immer noch eine bessere Gelegenheit bieten. Und das alleinerziehende Elternteil, meist die alleinerziehende Mutter, ist eine weitere typische Seite, die als Unabhängige, ob gerne oder ungern, ihr Leben bewältigt. Und wer so eine richtig dominante unabhängige Seite in sich trägt, lebt oft mit einer grosse Sehnsucht: Jemanden zu finden, dem man ganz vertrauensvoll nahe, sicher, geborgen und verbunden sein kann: La grande amour.

10. Der Partner/Die Partnerin & Der Teamplayer/Die Teamplayerin

Diese Seite hat die Fähigkeit, mit anderen zusammen zu kooperieren und in Wechselwirkung zu sein. Sie existiert auch als Teamplayer. Sie gestaltet berufliche und persönliche Beziehungen, Freundschaften, Partnerschaften. Auf der selbst-bestimmenden Entwicklungsstufe ist die Form der Partnerschaft und Zusammenarbeit sehr pragmatisch, nutzenorientiert auf kurzfristige Ziele und Projekte ausgerichtet und oft geprägt davon, sich selbst ins beste Licht zu rücken. Bevorzugt werden dabei Meinungen, Geschichten und Positionen. Oft geht es darum, gesehen und gehört zu werden und die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu ziehen. Und es geht auch um das Etikett „Überprüfbarkeit“ und „Anspruch auf Richtigkeit“. Oder man schmückt sich mit den Leistungen anderer. Und wenn etwas nicht klappt, dann wird ein Sündenbock gefunden, um die eigene Unschuld zu beteuern und dabei besser wissend und belehrend hervorzuheben, was alles objektiv versäumt und nicht gemacht worden ist. Und so dominiert oft eine Schuldzuweisungs- und Belehrungskultur zwischen Partnern/Partnerinnen in der Arbeit und privat. Im folgenden Video ein paar Beispiele für gutes Teamwork 🙂

Weitere Seiten

Fachwissen, Intelligenz und Leistungsteile sind nur eine Voraussetzung für einen gelingenden Eintritt in Ausbildung, Studium und Berufsleben. Sofern es gelingt, sich trotz oder im besten Fall auch aufgrund der Schule seine Leidenschaft und Offenheit für Lernen und Wissensinhalte zu erhalten oder nach der Schule wieder zu beleben, entsteht in uns auch eine offene, neugierige, resp. wiss- und lernbegierige Seite. Und falls es zudem gelungen ist, auch die empathisch-mitfühlende und die sozialkompetente, sowie die humorvolle und die kreative Seite durch die Schulzeit hindurch zu entfalten, dann sind dies gute Voraussetzungen, um in Ausbildung, Studium und am Arbeitsmarkt zu punkten.

Weitere Seiten, die in diesem Zeitraum entstehen können sind beispielsweise junge Elternteile, wenn ein Kind kommt. Daraufhin entstehen ganz viele weitere Seiten, wie ein verantwortlicher Vater, eine verantwortliche Mutter, der Ernährer/Die Ernährerin, eine Seite, die zu kurz kommt, eine traurige Seite oder eine Seite, die eifersüchtig ist auf das Kind, etc. Des weiteren entstehen z. B. eine kulturell interessierte Seite, eine naturverbundene Seite, etc.

Stärken & Schwächen der selbst-bestimmenden Entwicklungsstufe

Die herausragende Stärke dieser Teile auf der Selbst-bestimmenden Entwicklungsstufe sind auch ihre größten Schwächen: die Einseitigkeit von Zielstrebigkeit, Erfolgsorientierung, Konzentration und Antrieb. Bei der Verfolgung der favorisierten Ziele neigen Selbst-bestimmende dazu, andere wichtige Bereiche des Geschäftes und oder ihres persönlichen Lebens außer Acht zu lassen. Ein Selbst-bestimmender Koordinator einer internationalen Hilfsorganisation beispielsweise, war so engagiert, Mittel für Hilfsbedürftige zu generieren, dass er nicht bemerkte, wie sehr er dabei sich und seine Angestellten überforderte und welchen Preis seine Organisation letztendlich dafür zahlen musste. Ebenso wenig nahm er wahr, wie sein antreibendes Verhalten sich negativ auf sein eigenes Familienleben auswirkte.
Werden diese Seiten zu dominant, können Humor, Leichtigkeit, soziale Beziehungen ausserhalb des Jobs, die Familie, Freunde, der eigene Körper und die eigene Gesundheit auf der Strecke bleiben.

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  1. Siehe dazu und zum Folgenden: Cook-Greuter, Susanne. Postautonomous Ego-Development. A Study of its Nature and Measurement, Harvard University Press, 1999, updated 2003. Sowie: Cook-Greuter, Susanne / Miller, Melvin E. Transcendence and Mature Thought in Adulthood, Rowman & Littlefield Publishers, Inc., 1994.

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