Teenagerteile – Entwicklungsimpulse setzen

Autor: Peter Widmer

group of teenagers in the park do selfie

Teenager in ihrer Entwicklung unterstützen

Der Radius der eigenen Wirksamkeit dehnt sich im Laufe der kindlichen Entwicklung immer mehr aus. Auf der Gruppen-zentrierten Stufe (3) dominiert das Dazugehören zu Gleichgesinnten. 1 Die vorbehaltlose Loyalität, die den Eltern und der eigenen Familie gegenüber galt, richtet sich nun mehr und mehr auf die Gruppe, der man sich zugehörig fühlt. Die Eltern werden als Gottheiten zunehmend vom Sockel gestürzt. Der Einfluss auf die Kinder ist nach und nach begrenzter. Vorbilder, die von der Gruppe geteilt werden, gewinnen an Einfluss. Aufgrund der Gruppendynamik in Schule und Gruppen Gleichgesinnter entstehen Rollenverteilungen, die ihrerseits verschiedenste innere Anteile auf den Plan rufen. Die Kinder finden ihre Einzigartigkeit und Individualität bezogen auf die Gruppen, denen sie sich zugehörig fühlen. Die Welt der Medien, Internet und Smartphone beeinflussen die sich entwickelnden Persönlichkeitsanteile und schaffen neue. Auf der Aufgaben-zentrierten Stufe (4) geht es darum, sich aufgrund einer oder verschiedener Fähigkeiten oder Eigenschaften  von der Gruppe abzuheben, um seine Identität zu gewinnen.
Hier eine Auswahl von oft vorkommenden Teilpersönlichkeiten, die auf diesen Stufen entstehen können und den Möglichkeiten für Eltern, Impulse zu setzen, um die Teile der Kinder auf konstruktive Weise anzuregen.

Seiten der Gruppen-zentrierten und Aufgaben-zentrierten Entwicklungsstufen

Während die Teile, die sich bereits in der Kindheit entwickelt haben weiterhin bestehen bleiben und sich fortentwickeln, reifen in der Jugend aufgrund des Kontextes neue Persönlichkeitsanteile. Hier eine Auswahl wichiger Teilpersönlichkeiten, die sich auf den Entwicklungsstufen der Jugendlichen herauskristallisieren:

  1. Die Seite, die dazu gehören möchte
  2. Pleaser und Chamäleon
  3. Der Anführer/Die Anführerin
  4. Der Rebell/Die Rebellin
  5. Seiten, die sich nicht zugehörig fühlen
  6. Der Zauderer/Die Zaudererin
  7. Die sexuelle Seite
  8. Der Tagträumer/Die Tagträumerin
  9. Die humorvolle Seite – Clown/in & Komiker/in
  10. Das digitale Selbst – Social Media, Smartphone und Cyber Selfie
  11. Die begabte und perfektionistische Seite
  12. Die rational-wissende Seite
  13. Die skeptische und die kritische Seite
  14. Die risikofreudige Seite
  15. Extase, Flow und Rausch – Die dionysische Seite
  16. Der/Die Orientierungslose

1. Die Seite, die dazugehören möchte

Diese Seite entspricht zugleich einer bestimmten Entwicklungstufe. Auf dieser Stufe ist es für ein Kind, einen Jugendlichen aber auch für einen Erwachsenen, der stark mit dieser Stufe identifiziert ist, wichtig, „dazu zu gehören“, z. B. zur Familie, dem Fanclub, Facebook, der Kirche, einer Organisation, etc. Das eigene Gefühl von Macht resultiert vor allem aus der Verbindung mit anderen. „Dazu gehören“ ist alles und man erlebt seine Identität durch die Abgrenzung zu denen, die anders sind, als die eigene Peergroup. Spannungen oder Konflikte innerhalb der eigenen Peergroup, das drohende oder reale Ausgeschlossen werden, werden als „bedrohlich“ für das eigene Überleben erfahren. Auf dieser Stufe, resp. seitens dieser Teilpersönlichkeit werden Beziehungen zu den Mitgliedern der eigenen Gruppe  weitestgehend freundlich, glatt und entlang der Gruppennormen gestaltet. Unangenehme Gefühle und Unstimmigkeiten mit anderen werden, so gut es geht, vermieden. Die Mitglieder der Gruppe sind weitgehend bemüht, den Gleichklang der Gruppe beizubehalten. Dieses Teil ist ein guter Teamspieler und loyal der eigenen Gruppe, Institution, der eigenen Abteilung in einem Unternehmen gegenüber. Führungskräfte, die ihren Schwerpunkt in dieser Teilpersönlichkeit haben, haben die Tendenz, sehr unterstützend und nett zu sein und es fällt ihnen meist schwer, andere zu kritisieren oder zu massregeln. Die eigene Abteilung oder Gruppe wird nach aussen hin verteidigt. Anordnungen von Autoritäten werden nicht infrage gestellt. Anordnungen werden befolgt. Autoritäten nicht infrage gestellt. Und dieses Teil kann peinlich berührt sein, wenn es hinterfragt oder kritisiert wird. Ein grosser Teil der eigenen Energie geht dahin, das Gesicht zu wahren, um vor anderen gut dazustehen. Anerkennung, Statussymbole wie beispielsweise Markenjeans, Markenturnschuhe, die Mode, der Haar- oder Bartschnitt, Körperkult und Schönheitsideale, das Iphone, der Apple Computer, etc, die von den Gleichgesinnten geteilt werden, sind wichtige Erkennungsmerkmale, um dazu zu gehören. Vorbilder und Leitfiguren sind es, nach denen man sich ausrichtet und die man nachzuahmen versucht. Loyalität, Respekt und Dankbarkeit sind wichtige Werte der Gruppe. Die sozialen Rollen, die in der jeweiligen Gruppe gelten, werden befolgt, um von Gleichgesinnten anerkannt zu werden und um den jeweilgen Status als Gruppenmitglied abzusichern. Diese sozialen Rollen lassen auch unterschiedliche Teilpersönlichkeiten auf den Plan treten, die sich auf der Gruppenzentrierten Entwicklungsstufe abzeichnen.

Dazuzugehören und zu wissen, wie man das anstellt, ist ein wichtiges Element der Entwicklung der empathischen, mitfühlenden und sozialkompetenten Seite. Ist jedoch die Entwicklung auf den früheren Stufen (1 und 2) nicht so gelingend verlaufen, können auf der Gruppen-zentrierten Entwicklungsstufe Einseitigkeiten entstehen, die jedoch ebenso, wie alle Persönlichkeitsanteile, sowohl Stärken als auch Schwächen beinhalten können. Hierzu zwei Beispiele: Pleaser und Chameleon.

2. Pleaser und Chameleon

Der Pleaser – Wenn Kinder früh im Leben die Erfahrung machen, keine Zuwendung und Liebe zu bekommen, wenn sie sie brauchen oder wenn sie die Zuwendung und Liebe nicht von denen bekommen, von denen sie sie bekommen möchten oder wenn Zuwendung und Liebe an Bedingungen geknüpft ist oder wenn Zuwendung und Liebe nicht auf die Art und Weise gezeigt wird, wie Kinder sie sich wünschen, dann kann es sein, dass sie sich darum bemühen, indem sie alles dafür zu tun, um Liebe und Zuwendung zu bekommen. Es kann die Liebe und Zuwendung ihrer Eltern oder eines Elternteils sein, es kann die Liebe und Zuwendung eines Gleichaltrigen sein, es kann auch die Zugehörigkeit zur Gruppe Gleichgesinnter sein. In diesem Fall kann der Pleaser auf den Plan treten, der es meist allen und jedem am liebsten immer recht machen möchte.
Das Chameleon wechselt seine Farbe entsprechend dem Kontext. Es vermag sich allem anzupassen und kann mit Veränderungen sehr gut umgehen. Es passt sich mühelos neuen Menschen, Orten und Situationen an. Es lebt ganz entsprechend den Erfordernissen des Augenblicks. Zuweilen kann es sein, dass die Chameleon-Seite keine Wünsche ans Leben hat, oder die Wünsche irgendwann verloren gegangen sind, sei es weil die Erwachsenen oder Eltern sie einem Kind ausgeredet haben, seine eigenen Wünsche für zerredet, für falsch erklärt oder ihre eigenen Wünsche gewaltsam an dessen Stelle gesetzt haben. Dann kann es sein, dass eine Seite eines Kindes sich unterwirft unter das, was die anderen sagen und sich, wie ein Chameleon, allem anpasst.

3. Der/Die Anführer/in

Die Seite des Anführers/der Anführerin wird in seinem Verhalten nach aussen als tendenziell extrovertiert wahrgenommen. Er/sie ist fähig, mit einer gewissen Konstanz die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu lenken. Die anführende Seite ist meist in irgend einem Bereich aus der Gruppe herausstechend und erhält dafür Anerkennung, Bewunderung oder die anderen sind einfach gerne um ihn oder sie. Es kann eine humorvolle Seite sein, eine Schlagfertige, eine rebellische Seite, eine besonders sozialkompetente, eine verantwortliche etc. Auf jeden Fall ist es eine bestimmte Expertise, durch die sich der/die Anführer/in von den anderen abhebt. Die anführende Seite zeichnet sich aus durch Selbstbewusstsein und die Fähigkeit zu kritischer Reflexion, sich selbst eine Meinung bilden zu können und Regeln aufzustellen. Schülerinnen und Schüler mit einer führenden Seite ergreifen in Gruppen von sich aus immer wieder das Wort und führen Gruppen an oder werden z. B. Teamchefs oder Klassensprecher/innen.

4. Der/Die Rebell/in

Sind Kinder c. a. 2 Jahre alt, ist die rebellische Seit impulsiv. Später im Leben kann sich zur impulsiven eine skeptisch-kritische, überlegte, vorausschauend-rebellische Seite entwickeln. Einer impulsiv rebellischen Seite geht es darum, seinen impulsiven Reaktionen Gehör zu verschaffen, beispielsweise, um sich wahrgenommen zu fühlen, eine Wirkung zu haben, die Aufmerksamkeit anderer zu erregen oder um sich durchzusetzen – oft egal um welchen Preis. Die überlegte, vorausschauende rebellische Seite hingegen rebelliert eher mit einer bestimmten Absicht, um eine bestimmte, avisierte Wirkung zu erzielen, mit einem Wozu! Vielleicht ist die Rebellion ein Versuch, eine Gruppe zu motivieren, sich von einer Person zu distanzieren, seiner Empörung gegenüber Ungerechtigkeiten Ausdruck zu verleihen oder um gegen die Sichtweise einer Gruppe zu rebellieren. Die rebellische Seite ordnet sich nicht gerne unter.
Oft entsteht sie als Reaktion gegenüber eines autoritären Elternteils, Erziehers, Lehrers, einer autoritären, unterdrückenden Kultur oder Religion. Der Rebell/Die Rebellin drückt seine/ihre persönliche Wahrheit aus und wahrt seine/ihre Autonomie. Gibt es bei Eltern eine autoritäre Seite, so sehen sie die Kinder als Teil von sich selbst. Sie sind sozusagen mit dem Kind identifiziert und glauben unbewusst, dass sie das Kind kontrollieren können. Das Kind wird zum verlängerten Arm seiner Eltern. Eltern regen sich dann masslos auf, drohen und strafen Kinder ab, die nicht tun, was sie von ihnen verlangen. Die Eltern gehen dann in Machtkämpfe mit ihren Kindern, die sie gar nicht gewinnen können. Denn wir können niemals andere Menschen, auch nicht unsere Kinder dazu bringen, irgend etwas zu tun, was sie letztlich nicht wollen. Der Druck der Eltern ist für das Kind wie Zuwendung. Die Eltern provozieren dadurch den Trotz, den Widerspruch, den inneren Rebell/die innere Rebellin und das Kind nimmt sie nicht für voll. Und es ist versucht, dasselbe, was seine Eltern mit ihm machen zu verinnerlichen, d. h. zu versuchen, auch andere zu kontrollieren. Und so kann es sein, dass der innere Rebell, wenn er stark genug ausgebildet wird, zu einem kontrollierenden inneren Rebellen wird. Es ist wie bei der Politesse, die jetzt will, dass ich richtig parke. Je mehr die das jetzt will, desto mehr provoziert sie, dass ich ihr jetzt zeige, das ich das jetzt so mache, wie ich das will und je mehr sie sich darüber aufregt und druck macht, desto mehr macht sie sich nach aussen hin lächerlich und wirkt peinlich. Und je mehr sie sich in der Öffentlichkeit durch ihr Getue lächerlich macht, desto mehr ist sie in meiner Kontrolle. In diesen Kreislauf geraten Eltern, Erzieher, Lehrer etc. wenn sie in Machtspiele eintreten – aufgrund ihrer Symbiose mit dem Kind.

5. Seiten, die sich nicht zugehörig fühlen

Das kann eine introvertierte sein, die sich nicht so traut, sich auszudrücken. Die introvertierte Seite ist mehr mit ihrem Innenleben beschäftigt und nicht so sehr mit dem Aussen, wie es auf der Gruppen-zentrierten Entwicklungsstufe ansonsten üblich ist. Zusammen mit einer sozialkompetenten Seite sind introvertierte Seiten oft vertrauensvolle Zuhörer und gute Berater in zwischenmenschlichen Angelegenheiten. Und zusammen mit einer gut entwickelten skeptisch-kritischen Seite können sie sehr reflektiert an Dinge heran gehen und man muss sie fragen, um herauszufinden, was sie sich denken.
Es kann aber auch der hochbegabte „Nerd“ oder die Hypersensible sein, die sich nicht zur Gruppe zugehörig fühlen, z. B. weil sie in ihrer Entwicklung in irgendeinem Bereich der Gruppe voraus sind und die anderen in ihrem Verhalten in gewisser Weise als „kindisch“ empfinden. Verletzte Seiten, z. B. eine schüchterne oder unsichere Seite. Wenn ein Jugendlicher in der Pubertät beispielsweise von seinem Vater oder von anderen kontinuierlich zu hören bekommt: „Du bist ein komischer Vogel“ oder: „Du bist ein Aussenseiter“, „ein Strolch!“ und dergl., dann ist das nicht gerade förderlich für sein Selbstvertrauen. Denn Jugendliche in diesem Alter sind sehr unsicher vergleichen das Bild, das sie von sich selbst haben mit den Bildern, die die anderen von ihnen haben. So kann auch eine Seite entstehen, der etwas peinlich ist. Die eigenen Eltern beispielsweise können plötzlich peinlich sein, ebenso das eigene Äussere, der eigene Körper kann einem Jugendlichen peinlich sein. Seiten, die ausgeschlossen werden durch das Kollektiv von Gruppen, weil sie den Gruppen-Werten, z. B. den Mode- und Schönheitsidealen, sportlicher, religiöser oder sexueller Ausrichtung, etc. widersprechen, können als peinlich empfunden werden.

6. Der/Die Zauderer/in

Dies ist sozusagen der innere Schweinehund, der wichtige Dinge bis zum Schluss aufschiebt und im allerletzten Moment z. B. die Hausaufgaben macht, für eine Prüfung lernt, die Steuererklärung fertigstellt, für die sportliche Fitness sorgt oder einen Konflikt mit dem Partner/der Partnerin anspricht. Im letzten Moment entfaltet diese Seite zuweilen fast übermenschliche Kräfte, auf welche sie hinterher mit Stolz blicken kann. Vor allem Dinge, die als unangenehm oder langweilig empfunden werden verschiebt der innere Schweinehund auf später. Stattdessen wendet er sich angenehmeren Dingen zu: statt Französischwörter zu büffeln wird Cello geübt, statt den Rasen zu mähen wird Kaffee getrunken und statt sich angemessen auf eine Sitzung vorzubereiten, geht der Chef auf eine Tagung. „Die lange Bank ist der Schweinehunde liebste Werkbank.“ Der innere Schweinehund verschafft einem Auszeiten, doch nicht ohne schlechtes Gewissen, da er sich die Konsequenzen ausmalen kann. Daher findet er/sie immer gute Gründe, wieso nicht jetzt, sondern später.

7. Die sexuelle Seite

Wenn die Geschlechtshormone in der Pubertät aktiv werden folgen psychische und körperliche Veränderungen. Diese hormonelle Aktivierung vollzieht sich zunächst vor allem im Schlaf und Tiefschlaf. Bei Schlafmangel und Schlafstörungen kann es hier zu Fehlentwicklungen kommen. Daher ist es wichtig, dass Teenager in der Pubertät ausreichend guten Schlaf haben.

Heute verfügen Jugendliche via Internet über einen einfacheren Zugang zu sexuellen Inhalten als frühere Generationen und konsumieren diese auch in grösserem Ausmass. Sexuelle Impulse gehen bei Jungs tendenziell mehr als bei Mädchen mit Selbstbefriedigung einher. Ausgehend von der impulsgesteuerten Sexualität, die durch den einfacheren Zugang zu pornographischen Inhalten im Internet gefördert wird, einen verantwortungsbewussten Umgang mit der eigenen Sexualität zu lernen, ist eine zentrale Entwicklungsaufgabe für Jugendliche. Die Bereitschaft moralische Verantwortung zu übernehmen, sich Kompetenzen im Umgang mit kritischen Situationen zu erwerben ist wichtig. Leider haben Jugendlich oft nur wenige bis gar keine Ansprechpersonen für ihre sexuellen Fragen.

Jugendliche haben ganz viele biologische Fragen zum Sex, über das Wachstum der Brüste, die Länge des Penis, Welche Verhütungsmittel es gibt, über sexuelle Praktiken: Wie bringe ich eine Frau zum Orgasmus? Wie wird richtig Oralsex praktiziert? u. v. m. Da so viele Infos im Internet zu finden sind, steht die Frage im Raum: welchen Information kann man trauen? Es sind Fragen zu Liebe, Beziehung, homoerotischen Gefühlen, Gefühlen wie Scham, Verliebtheit und Liebe, Sexsucht, auf die Eltern und Erwachsene eingehen können. Die Informationen im Internet können persönliche Gespräche nicht ersetzen.

8. Der/Die Tagträumer/in

Zwei neuronale Netzwerke sind sehr ähnlich und eng miteinander verbunden: das sog. Netzwerk für wandernde Gedanken (engl.: default mode network) und das Netzwerk für spontane Gedanken (engl.: spontaneous thought process). 2 Sie bilden die gedankliche Grundlage von Tagträumen. Menschen, bei denen die tagträumerische Seite besonders gut ausgebildet ist, schneiden bei Kreativitätstests meist besonders gut ab. Gute Tagträumer sind auch Menschen mit Konztentrationsschwierigkeiten und insbesondere solche mit ADHS. Auch bei ihnen wird in Tests oft eine besonders ausgeprägte Kreativität festgestellt. Tagträume sind eine verinnerlichte Fortsetzung des spielenden Kindes im Bereich der Gedanken und Phantasien. Die tagträumende Seite kann jedoch auch ein Schutz sein, sich gewissen Erfahrungen des Lebens nicht zu stellen, weil diese zu schmerzhaft sein könnten. Die Tagträumerin/Der Tagträumer können also zur Vermeidung gewisser Erfahrungen dienen. Denn was man sich in Tagträumen in buntesten Farben in der Phantasie ausmahlen kann wirkt fast so, wie die echte Realität. In Tagträumen können wir uns vorstellen wie es wäre, wenn unsere Sehnsüchte und Wünsche in Erfüllung gingen. Tagträume vermögen aber auch, Lebensprobleme, zwischenmenschliche Konflikte, wissenschaftliche Probleme etc. zu lösen. „Was wäre, wenn das, was ist ganz anders wäre?“ – Tagträume machen Raum für kreative Spekulationen.  Es ist die Kreativität der eigenen Phantasie, die sich in der tagträumenden Seite entwickelt. Auf der Gruppenzentrierten Entwicklungsstufe ist die Aussenorientierung wichtig. Tagträume hingegen bringen uns mit unserer Innenwelt in Kontakt – insofern ist die tagträumende Seite in uns auch wichtig bei der Entwicklung zu späteren Stufen. Aus dem Tagträumer/der Tagträumerin kann sich die kreative Seite, resp. der innere Künstler/die Künstlerin entwickeln. Im Unterschied zum Tagträumer setzt diese Seite die kreativen Ideen, Einfälle, Talente um und vermag sie – oft zusammen mit der durchhaltenden und der sozialkompetenten Seite im Team – in der Welt zu manifestieren in Form z. B. von Gedichten, eines Buches, von Musik, eines Kunstwerks etc.

9. Die humorvolle Seite – Clown/in & Komiker/in

Bereits Babies lächeln und grinsen ihre Eltern an. Sie lachen über Versteck- und „Kuckuck-“ Spiele, bis sich die Objekt-Repräsentanz einstellt, d. h. bis sie sich sicher sind und erkennen, dass ein Objekt, welches aus ihrem Blickfeld verschwindet, noch dasselbe ist, wenn es wieder hervorkommt. Sie lachen auch, wenn sie gekitzelt werden. Erfahrungen von Inkongruenz können ein Lächeln hervorrufen. Um Inkongruenz mit Humor zu betrachten, muss ein kleines Kind in der Lage sein, Phantasie von Realität unterscheiden zu können und es muss in spielerischer Stimmung sein. Humor kann also entstehen, wenn das spielende Kind etwas Inkongruentes sieht oder erlebt und sich bewusst wird, dass dies nur in der Phantasie möglich ist. Die Entwicklung einer spielerischen Seite in sich ist eine Grundvoraussetzung für die Entwicklung einer humorvollen Seite. Und am besten entwickeln Kinder Humor, wenn sie in einer humorvollen Kultur oder Familie aufwachsen. Doch die spielerische Seite entwickelt in der Phantasie auch Inkongruenzen von alleine, über die ein Kind sich amüsieren kann. Kleine Kinder nehmen z. B. ein Blatt Papier, halten es ans Ohr und es dient als Telefon oder sie benennen Dinge absichtlich falsch und lachen darüber oder stellen sich vor, dass Bälle Nasen und Ohren haben. Kleine Kinder der selbst-zentrierten Stufe haben oft einen feindlichen Humor, da sie zuweilen noch nicht so gut in der Lage sind, sich empathisch in andere zu versetzen. Ab c. a. dem 7 Altersjahr erfahren Kinder, dass Worte mehrere Bedeutungen haben können und lernen, dass man zwischen verschiedenen Bedeutungen eines Wortes hin und her zu navigieren. Ironie lernen erst Jugendliche schätzen. Bei Gruppen-zentrierten Jugendlichen ist der Humor oft gruppenspezifisch. Man lacht und teilt u. a. gerne Witze, in welchen man sich über andere lustig macht, z. B. „Blondinen-Witze“, „Webstübler-“ oder „Ostfriesen-Witze“, „Ausländer-Witze“, „Politiker-Witze“ etc. Selbstbewusste Kinder sind meist humorvoller als unsichere. Studien haben ergeben, dass Stand-up Comediens und Comedy-Autoren in der Kindheit tendenziell mehr Vorbilder hatten, im Elternhaus der Vater oder die Mutter, Geschwister, die Grosseltern oder auch Vorbilder aus Funk und Fernsehen. Allerdings haben Studien auch ergeben, dass viele Comedians eine schwierige Kindheit hatten oder gar depressive Seiten in sich kennen und dass sie Humor entwickelt haben, um von den Emotionen schwieriger, verletzter Seiten nicht überschwemmt zu werden.
Bereits in der Grundschule sind Kinder, die weniger bemuttert werden und die mehr Verantwortung und Autonomie tragen und Probleme selber bewältigen müssen, tendenziell humorvoller, als Kinder, deren bedürftige Seiten vollumfänglich von den Erwachsenen befriedigt werden.
Humor kann in der Schule auch dazu verhelfen, Aggressionen loszuwerden und wer durch Humor auffällt, ist oft beliebt bei den anderen. Humor hilft auch, andere in der Gruppe zu beeinflussen.
Redseligkeit und frühe Sprachentwicklung können den Humor ebenfalls fördern.
Wenn Erwachsene mit Kindern und Jugendlichen humorvoll umgehen, und sie in der Entwicklung ihres Humors unterstützen, lernen Kinder, dass Humor eine wichtige soziale Komponente hat und dass Humor doppelt Freude macht: durch die eigene Freude am Humor und durch das Teilen mit anderen. Humor kann aber auch feindlich sein, schneidend, sarkastisch und schwarz. Doch Ironie, Selbst-Ironie und „positiver“ Humor, der aus dem Moment heraus entsteht und bei dem man sich selbst und andere spontan zum Lachen bringt, ist ein grosser sozialer Vorteil bei der Partnerfindung, im zwischenmenschlichen Alltag und im Arbeitsleben. Diese Art von Humor entwickelt sich oft erst auf postkonventionellen Entwicklungsstufen. Ein solcher Humor ist eine wichtige soziale Kompetenz, die dazu beiträgt, dass Leichtigkeit und Gelassenheit entsteht. Diese Art von Humor Humor vermag Konflikte und angespannte Situationen zu deeskalieren. Und wer ist im Stress unserer Leistungsgesellschaft nicht glücklich, Menschen mit Humor an seiner Seite zu haben?!

10. Das digitale Selbst – Social-Media, Smart Phone und Cyber Selfies

Menschen, mit denen wir in Wechselwirkung stehen beeinflussen unsere Persönlichkeitsanteile und unsere Selbstentwicklung. Am Anfang der Entwicklung sind das die Eltern, dann wichtige Bezugspersonen wie z. B. Verwandte, Freunde der Eltern, Lehrer etc, dann die Peers in den Gruppen, in denen wir sind und zusehends auch die Wechselwirkungen im Internet. Online sind wir in Wechselwirkung 1. mit Personen, die wir auch im realen Leben kennen, 2. mit  „anonymen Menschen“ und „intimen Fremden“, die wir nur aus der online Welt kennen. Diese spielen eine wichtige Rolle in der Selbstentwicklung Jugendlicher. Die körperliche Präsenz bei persönlichen Begegnungen zeigt uns, ob verbales und non-verbales Verhalten übereinstimmen. So lassen sich Dissonanzen erkennen. Im Internet hingegen interagieren wir mit anderen mit räumlicher Distanz in einer körperlosen Umgebung. Zahlreiche andere können überall auf der Welt über die sozialen Medien gleichzeitig präsent sein. Dabei fehlt die non-verbale Kommunikation weitestgehend. Die Möglichkeiten, das digitale Selbst zu manipulieren und als etwas erscheinen zu lassen, was nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt, sind riesig. Da die non-verbale Kommunikation weitgehend fehlt, fehlt auch die Überprüfbarkeit der Authentizität und Richtigkeit der Botschaften anderer und es stellt sich die Frage: „wem kann ich vertrauen?“ Die anderen, mit denen ich mich online, in chatrooms und via sms unterhalte, bleiben undurchsichtig. Jugendliche entwickeln ihre Autonomie und Eigenständigkeit auch online und erforschen die ihnen noch unbekannte, geheimnisvolle Welt, ohne das Elternhaus verlassen zu müssen, online. Der/die jugendliche soziale Abenteurer/in ist gleichzeitig unerfahren und neugierig auf andere Menschen. Viele Teenager scheuen sich unter dem Druck von Gruppennormen und aufgrund von Gefühlen wie Peinlichkeit und Scham oft davor, direkte soziale Kontakte zu knüpfen, insbesondere mit dem anderen Geschlecht. Sie suchen nach ihrem Seelen-Partner, der grossen Liebe oder jemandem, dem sie sich wirklich verbunden fühlen. Durch die Anonymität der körperlosen Online-Welt fühlen sie sich geschützt und bereit, sich mit Unbekannten über ihre Innenwelt offen auszutauschen.
Das smartphone ist wie zu einem Teil unseres Körpers geworden, der überall gegenwärtig ist: in der Schule, bei der Arbeit, wenn wir alleine unterwegs sind, zu Hause und in der Freizeit. Viele Jugendliche und Erwachsene kommunizieren auf diese Weise viele Stunden am Tag mit anderen, die nicht physisch anwesend sind. Diese ständige Kommunikation, die mit einer ständigen Erreichbarkeit einhergeht verschafft die unmittelbare Befriedigung sozialer Bedürfnisse und Impulse. Das dopaminerge Belohnungssystem in uns ist dabei ständig aktiv. Diese ständige Aktivierung bringt jedoch auch unser Stresssystem in Bewegung. Stress und Hektik sind die Folgen. Viele wissen nicht mehr so recht, wie es sich anfühlt, ganz alleine zu sein ohne mit anderen über das Smartphone zu kommunizieren: einsame Tage und einsame Nächte ohne Smartphone. Und viele wissen nicht mehr, wie es ist, mit realen Menschen die Freizeit zu verbringen. Es ist wichtig, dass Jugendliche und Erwachsene lernen, mit ihren „social media“ und „smart Phone“ Anteilen frei und konstruktiv umzugehen, ohne mit diesen überidentifiziert zu sein. Es braucht gesunde online-Grenzen und Kinder brauchen heute so etwas wie Übergangsriten in die digitale Welt.
Der folgende Filmbeitrag „Ein Monat ohne Internet“ des ARD zeigt, wie sehr die digitale Welt unser Familienleben bestimmt. Hier werden zwei Familien vorgestellt: eine durchdigitalisierte Familie bekommt einen Monat lang Internetentzug und eine „rückständige“, nicht-digitalisierte Familie setzt sich erstmals mit Internet, Handys, sozialen Medien etc. auseinander. Wie die Familien darauf reagieren, wie sich ihr Alltag dadurch verändert, zeigt dieser Beitrag.

Häufig sind die Jugendlichen im Umgang mit digitalen Medien den Eltern überlegen. Und häufig ist es auch so, dass Eltern froh sind, Zeit für sich zu haben, während sich die Kinder mit den digitalen Medien beschäftigen, wozu sie von den Erwachsenen auch noch ermuntert werden. Wenn die digitalen Medien jedoch zum Ersatz werden für elterliche Zuwendung und für das Abmachen mit Freunden ausserhalb des Internets, dann können die Medien zum Problem werden.
Die Unterstützung und Setzung von Grenzen durch Eltern ist besonders wichtig, etwa wenn es um die Festsetzung von dem Alter angemessenen Zeiten für die Internet- und smart-phone-Nutzung geht, Fragen zur Glaubwürdigkeit von Internetquellen und welche Inhalte besser nicht im Internet verteilt werden sollten, zielgerechte Nutzung des Internets, Umgang mit Informationsflut und Multitasking, Selbstdarstellung im Netz, Onlinesucht und Cybermobbing. Bedeutend ist, dass Eltern und Erwachsene den Kindern als Vertrauenspersonen zur Seite stehen, um über unangenehme Internetbegegnungen, übergriffige Begegnungen oder schockierende Inhalte (Pornographie, Gewalt, Extremismus, menschenverachtendes Verhalten) sprechen zu können. 3

Die Cyber-Medienwelt und Smartphones verändern nicht nur die Welt der Teenager, auch die Welt der Erwachsenen. Welche neuen kulturellen Weichenstellungen sich für unsere Gesellschaft ergeben, macht der folgende Film „Men, Women and Children“ ungeschminkt deutlich.

11. Begabte und perfektionistische Seiten

In der Entwicklung vom Gruppen-zentrierten (3) zu Aufgaben-zentrierten (4) Teilen findet eine langsame Loslösung der Loyalität zur Gruppe und eine verstärkte autonome Bewegung hin zur eigenen Individualität statt. Es geht um das, was die persönliche Einzigartigkeit, das was einem von der Gruppe unterscheidet. Oft sind es besondere Begabungen, die ein Kind auszeichnen, z. B. in Mathematik, Sprachen, Kunst, Sport, Physik, Geographie, Musik, sozialer Intelligenz, etc. Wenn die Freude für die Begabung und die durchhaltende Seite gross genug ist, kann eine perfektionistische Seite die weitere Entwicklung unterstützen und fördern. Die perfektionistische Seite geht ins Detail und versucht die Sache ganz und gar zu durchdringen und perfekt zu sein, was immer es auch sein mag. Perfektionistische Seiten können entstehen, um sich von den Eltern, Erziehern, Lehrer oder Mitschülern gesehen, geliebt und gewertschätzt zu fühlen. Sie entstehen aber auch einfach durch Begabungen und Routinen, wie das folgende Video zeigt. Unsere Arbeitswelt ist darauf ausgerichtet, Abläufe zu perfektionieren, motorische, emotionale, gedankliche, etc.

12. Die rational-wissende Seite

Ab dem 11/12. Altersjahr können Kinder abstrakt denken. Das inhaltlich-konkrete, das vorher ihre Wahrnehmung und ihr Denken und Verstehen geprägt hat, tritt in den Hintergrund, wird langsam unbedeutend. Unser Schulsystem und unsere Gesellschaft fördert das rational-wissende Denken, das sich auf abstrakte verbale und symbolische Elemente stützt und nicht mehr auf konkrete Gegenstände. Damit verarmt leider auch ein Stück weit die intensive Wahrnehmung des Konkreten. Unser Schulsystem und unsere Kultur fördern zudem die Analyse von Dingen. Die rational wissende Seite sagt uns, dass wir, um etwas zu begreifen, um Probleme zu lösen und ein Ziel zu erreichen, die Dinge in ihre Einzelteile zerlegen, zertrennen, analysieren sollen. Auf der Aufgaben-zentrierten Stufe sucht die rational wissende Seite nach einer bestimmten, richtigen Lösung, noch nicht nach mehreren Lösungsmöglichkeiten. Die rational wissende Seite ist überzeugt von der Überlegenheit Ihres Wissens und ihres Interessensgebietes und behauptet diese Wissen gegenüber Eltern und Erziehern und gegenüber Mitschülern. Sie bevorzugt eindeutige, logische Antworten auf Dilemmata und Probleme, monokausale, einfache Erklärungen und Vorschriften von Autoritäten oder Quellen und Antworten aus Fachbüchern. Unbekannten Methoden und Arten und Weisen, Probleme zu lösen, stehen sie kritisch gegenüber. Sie verteidigt sich meist heftig gegenüber Kritik, die ihre Expertise infrage stellt. Diese Seite ist anfällig dafür, verführt zu werden durch zu einfache, radikale Ansichten und Weltbilder.

Die Frage, ob es mehrere Lösungsmöglichkeiten gibt und ob nicht vielleicht viele Wege nach Rom führen, stellt sich erst auf der selbst-bestimmenden Stufe. Aus der Sicht der rational wissenden Seite wird die natürliche Welt und das menschliche Verhalten von vorhersagbaren Mustern und Gesetzen bestimmt. Diese Seite lernt, wie etwas abläuft und wie Dinge erklärt werden können. Sie lernt auch, zu experimentieren. Auf dem Weg zur selbst-bestimmenden Entwicklungsstufe lernt die rational wissende Seite, dass es nicht nur einen Grund und monokausale Erklärungen gibt, sondern zahlreiche Gründe, damit etwas Bestimmtes geschieht. Die rational wissende Seite lernt Dinge logisch, kausal und immer komplexer zu erklären und logische Gründe für bestimmte Ansichten und Meinungen zu benennen.

13. Die skeptische und die kritische Seite

Die kritische Seite in uns entsteht durch die Übernahme oder Internalisierung der Wertvorstellungen der uns umgebenden lebensbedeutsamen Menschen, d. h. unseren Eltern, nahen Erwachsenen und auf der Gruppen-zentrierten Ebene durch die Peers der Gruppen, denen wir angehören. In dem Masse, in dem wir uns in die Schuhe anderer stellen können und in der Lage sind, deren Perspektive auf uns und andere zu übernehmen, uns vorzustellen, können wir auch kritisch auf die Dinge, Menschen und uns selbst blicken. Der innere Kritiker kann sich einerseits gegenüber uns selbst richten, andererseits gegenüber anderen. Wie nach innen – so auch nach aussen. Wir entwickeln einen kritischen Blick und ein kritisches Urteilsvermögen in Bezug auf andere. Man könnte auch von dieser Seite auch als einem Richter/einer Richterin sprechen. Diese kritische Seite treibt uns an, uns selbst zu verändern. Der innere Kritiker kann sich auf unseren Körper, unseren Intellekt, unser Aussehen, unsere Gesundheit, unsere Leistungen, unsere Beziehungen, etc. beziehen.

Diese skeptisch Seite bezieht sich nicht so sehr auf Menschen, könnte man sagen, sondern auf Sachen und Meinungen: Dinge, Zusammenhänge, Wechselwirkungen, Erklärungen. Sie wird gefördert durch selbständiges Hinterfragen von Erklärungen und Erforschen von Zusammenhängen. Diese Seite ist sehr wichtig für unsere persönliche Entwicklung und wird durch Diskussionen zu Hause und in der Schule unterstützt. Sie ist massgeblich mit beteiligt, wenn wir das Gruppen-zentrierte sowie das Aufgaben-zentrierte Wahrnehmen, Fühlen und Denken infrage stellen und übersteigen. Dabei lernen wir uns und die anderen um uns herum sozusagen von aussen zu betrachten und uns eine eigene Meinung von einer Aussenperspektive zu bilden. Wir lernen selber denken und eine erweiterte Aussenperspektive einzunehmen.

14. Die risikofreudige Seite

Sauftouren, mit dem Skateboard übers Treppengeländer, Bungee-jumping, ungeschützter Sex – es gibt eine Vielzahl von Beispielen für die risikofreudige Seite Jugendlicher. Die risikoreiche Seite schlägt alle Vorsicht in den Wind. Sie toleriert Ungewissheiten und vertraut in die Hoffnung auf Gewinn und Erfolg. Sie lebt die unglaubliche Leichtigkeit des Seins. Ihre Motivation ist Verschiebung von Grenzen und Eröffnung ungeahnter Möglichkeiten.
Die Gefahr besteht in der Verdrängung der eigenen Furcht, die doch auch eine Botschaft trägt: Pass auf! – zugunsten des Adrenalin-Kicks, den eine Herausforderung oder ein Risiko mit sich bringt.

Das Gehirn von Teenagern gleicht einer grossen Baustelle: alte Nervenverbindungen sterben ab und die Informationsverarbeitung verschnellert sich. Stress und extreme Situationen stimulieren es stärker, als die Gehirne Erwachsener. Und der präfrontale Cortex, der insbesondere für die Selbstreflexion, die Reflexion der Umstände, in denen man sich befindet und die Abschätzung von Handlungsfolgen zuständig ist, ist in der Pubertät nur schwach aktiv. Seine Entwicklung ist erst c. a. mit dem 24. Altersjahr abgeschlossen. Doch spielen auch Gruppendruck und die jeweiligen Vorbilder eine zentrale Rolle, wenn es um risikofreudiges Verhalten geht. Und schliesslich ist ja alles noch neu und man will sich einfach ausprobieren.
Die längere Ausbildungszeit, der spätere Jobstart, die spätere Ehe und die unabhängige Seite führen manchmal dazu, dass das risikofreudige Teil noch viele Jahre über die Pubertät hinaus prägend sein kann.

15. Extase, Flow und Rausch – Die dionysische Seite

Feste Feiern, Ekstaten erleben in Tanz, Sexualität, Meditation, Alkohol, Tabak, Drogenkonsum, Essen, im Online Spiel oder im Arbeitsflow. Das sind nur ein paar Beispiele für die dionysische Seite, die sich oft schon im Ausgang aus der Kindheit ins Jugendalter hinein entwickelt. Dionysos war bei den Griechen der Gott des Rausches und der Feste. Die dionysische Seite entwickelt sich bei Jugendlichen. Und auch hier braucht es den Austausch mit den Eltern, damit jugendliche Exzesse nicht in Abhängigkeiten führen und ein frühes Scheitern nicht die Zukunft verbaut. Hier ist Aufklärung und das Gespräch zwischen Eltern und Kindern über Folgen und Gefahren des Alkohol-, Tagbak-, Drogen- und Spielkonsums und dergl. wichtig. Wenn die dionysische Seite sich sehr stark entwickelt, weil verletzte Teile damit in die Verbannung geschickt werden, ist es sehr ratsam, sie sich in Therapie zu einer entsprechenden Fachperson zu begeben.

16. Der/Die Orientierungslose

Unser Schulsystem vermittelt in der Regel ein breites Wissen, von dem Vieles oder das Meiste lediglich Prüfungsrelevant ist und hinterher wieder vergessen wird. Wenn zudem angelegte Talente oder Leidenschaften nicht gefördert worden sind, kann es sein, dass sich die orientierungslose Seite entwickelt. Eine Seite, die nicht weiss, was sie will, die unentschlossen ist oder sich überfordert fühlt bezüglich der vielen Möglichkeiten, die das Berufsleben bietet. Wer sich mit 14, 15 oder 16 Jahren für einen Beruf entscheiden soll, dessen Zeithorizont ist oft noch nicht so weit entwickelt, um sich vorzustellen, was eine bestimmte Berufswahl in einigen Jahren nach abgeschlossener Berufslehre oder abgeschlossenem Studium bedeuten könnte. Das Leben ist sehr komplex und die ständigen Veränderungen und das Tempo gestalten die Entscheidungen für Junge Menschen oft schwierig. Hier ist der Austausch mit den Eltern, in der Schule und Berufsberatung meist ganz wichtig. Und oft sind es Praktika und ist es das spielerische Ausprobieren, was Klarheit verschafft in welche Richtung die Lebensreise gehen könnte. Manchmal zieht sich die Orientierungssuche – auch entgegen den Idealvorstellungen und Erwartungen unserer Leistungsgesellschaft – einige Jahre hin.

Im Folgenden Blogbeitrag geht es um die Erwachsenenteile in Ausbildung, Studium und Beruf selbst-bestimmenden Entwicklungsstufe.

 

 

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  1. Siehe dazu und zum Folgenden: Cook-Greuter, Susanne. Postautonomous Ego-Development. A Study of its Nature and Measurement, Harvard University Press, 1999, updated 2003. Sowie: Cook-Greuter, Susanne / Miller, Melvin E. Transcendence and Mature Thought in Adulthood, Rowman & Littlefield Publishers, Inc., 1994.
  2. Siehe dazu beispielsweise folgende kritische Metastudie, in der die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen dem neuronalen Netzwerk „Gedankenwandern (Autopilot)“ und „spontane Gedanken haben“ untersucht wird:  Kieran C.R. Foxa, R. Nathan Sprengb, Melissa Ellamila, Jessica R. Andrews-Hannad, Kalina Christoff: The wandering brain: Meta-analysis of functional neuroimaging studies of mind-wandering and related spontaneous thought processes, in: NeuroImage, Vol 111, 1 May 2015, 611–621, doi:10.1016/j.neuroimage.2015.02.03
  3. Siehe dazu auch: http://www.jugendundmedien.ch

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