Entwicklungsperspektiven, die alles verändern

 Autor: Peter Widmer

Erwachsenenentwicklung

Die Welt und ihre Probleme werden immer komplexer; und in dem Masse, in dem die äussere Komplexität zunimmt, verändert sich auch das menschliche Bewusstsein.
Von Piaget bis heute haben Entwicklungspsychologen erkannt, wie Kinder eine Reihe von klar unterscheidbaren Stufen auf Ihrer „Reise“ ins Erwachsenenleben durchlaufen. Diese Stufen geben die emotionalen und kognitiven Fähigkeiten wieder, mittels derer wir uns selbst und die Welt um uns herum verstehen und gestalten. Sie wiederspiegeln die Art und Weise, wie wir unseren Erfahrungen mittels sprachlichen und nicht-sprachlichen Strukturen Sinn und Bedeutung einhauchen.
Erwachsene verfügen nicht einfach über mehr Wissen und mehr Fähigkeiten als Vorschulkinder. Sie sehen die Welt vielmehr mit ganz anderen Augen: auf immer komplexerere und umfassenderere Art und Weise. Aufgrund der Neuroplastizität des Gehirns ist die persönliche und die kollektive Entwicklung von uns Menschen nicht ein für alle Mal festgelegt. Wir sind zu lebenslangem Wachstum fähig. Die zunehmenden Feinheiten unserer Sprachen1 und vor allem die Fähigkeit, empathisch und kognitiv Perspektiven zu wechseln, d. h. uns in die Schuhe anderer einzufühlen und einzudenken, sind der Motor unserer persönlichen und kulturellen Entwicklung. (Zur Bedeutsamkeit der Empathie beim Verstehen anderer – siehe hier)

Wie Innere Friedenskonferenz und Zen-Meditation diese Fähigkeiten je neu nachhaltig fördern können zu immer neuen Ebenen von Reife, Einsicht, Weisheit und Mitgefühl, sind Themen dieses und der weiteren Blogbeiträge.

Perspektivenwechsel

Als Partner von Cook-Greuter & Partner arbeite ich mit dem Maturity Assessment Profile (MAP), welches von Susanne Cook-Greuter an der Harvard Universität erforscht und entwickelt worden ist.2 (Mehr dazu hier) Es basiert auf Jane Loewingers Theorie der Selbst-Entwicklung und erweitert und verfeinert diese. Das Modell und der dazugehörige Satzergänzungstest zeigen, wie Menschen ihr gesamtes Leben hindurch reifen und Sinn und Bedeutung auf immer integrierendere und flexiblerere Art und Weise zu schaffen in der Lage sind.

Unsere Sicht der Welt reift gradweise. Dieser Prozess hängt von vielen Faktoren ab: den kognitiven und empathischen Fähigkeiten, dem Interesse an kontinuierlichem Lernen und der eigenen Innenwelt, unseren Lebensumständen, der Unterstützung durch andere und durch Veränderungen in der Umwelt.

Das MAP beschreibt 9 Ebenen der Bedeutungs-/Sinngebung. Es untersucht, wie Menschen ihre Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen auf jeder Entwicklungsstufe unterschiedlich in Handlungen umsetzen. Diese Entwicklungsstufen durchlaufen wir der Reihe nach. Eine nach der anderen. Spätere Stufen erreichen wir erst, wenn wir die früheren durchlebt haben. Wenn eine Stufe verinnerlicht worden ist, bleibt sie fester Bestandteil unseres Repertoirs, selbst wenn komplexere, spätere Stufen sich schon entwickelt haben – so wie wenn ein Kind beispielsweise das Rennen lernt, so hat es damit nicht verlernt, wie man läuft.

Die Entwicklungsstufen im Überblick

Die 9 Entwicklungsstufen heissen…

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Vom Wissen zur Weisheit – Entwicklungsstufen des MAP nach Cook-Greuter & Partner

Selbst-zentrierte Stufe (2)
bekommen, sich nehmen, verteidigen

Kinder und Erwachsene, bei denen diese Entwicklungsstufe stark ausgeprägt ist, konzentrieren sich sehr stark auf das Konkrete im hier und jetzt. Sie haben kurze Zeithorizonte und gehen konkrete Aufgaben gleich an, ohne Pläne, ohne grosse Überlegungen, Ideen oder Prinzipien zu berücksichtigen. Es geht ihnen primär darum, Wege zu finden, die Dinge zu bekommen, die sie gerade möchten. Sie versuchen andere zu manipulieren, zu täuschen oder zu verleiten, um ihre Ziele zu erreichen. Sie sehen die Welt vor allem aus ihrer eigenen Perspektive, der 1. Person singular, nach dem Motto: „Ich zu erst!“ Regeln erleben sie tendenziell als Verlust von Freiheit. Erwachsene, deren Schwerpunkt auf dieser Stufe liegt, sind oft misstrauisch anderen gegenüber. Die Schuld, wenn etwas nicht so geht, wie sie sich das vorstellen, haben andere, nicht sie selbst. Sie haben oft negative, stereotype Urteile über andere. Feedback und Kritik interpretieren sie schnell als Angriff und gehen gleich in die Offensive über. Sie können sich von den Gefühlen anderer direkt anstecken lassen und zuweilen entsteht ihr mitfühlendes Verhalten aus dem Moment heraus auch über die Grenzen der eigenen Gruppe oder Familie hinweg.
Im Management finden sich nur sehr wenig Führungskräfte auf dieser Stufe.

Gruppen-zentrierte Stufe (3)
sich den Normen anpassen und einer Gruppe zugehören

Auf dieser Stufe ist es für ein Kind, einen Jugendlichen aber auch für einen Erwachsenen, der stark mit dieser Stufe verbunden ist, wichtig, „dazu zu gehören“, z. B. zur Familie, dem Fanclub, Facebook, der Kirche, einer Organisation, etc. Das eigene Gefühl von Macht resultiert aus der Verbindung mit anderen. „Dazu gehören“ ist alles und man erlebt sich selbst in seiner Identität durch die Abgrenzung zu denen, die anders sind, als die eigene Gruppe. Soziale Rollen, die in der jeweiligen Gruppe gelten, werden befolgt, um anerkannt zu werden von den Gleichgesinnten und um den Status als Gruppenmitglied abzusichern. Jede Spannung in einer Beziehung wird leicht als Bedrohung des eigenen Überlebens erfahren. Auf dieser Stufe werden Beziehungen weitestgehend freundlich, glatt und entlang der Gruppennormen gestaltet. Unangenehme Gefühle und Dissonanzen mit den anderen werden vermieden. Man ist ein guter Teamspieler und loyal der eigenen Gruppe und der eigenen Organisation gegenüber.

Menschen, die in Unternehmen Verantwortung tragen, die ihren Schwerpunkt auf dieser Stufe haben, tendieren dazu, übermässig nett zu sein, unfähig, andere zu kritisieren oder zu massregeln. Sie wahren den Status quo, vermeiden Aufmüpfigkeit und verteidigen die Gruppe, die Abteilung etc. auch gegen Einflüsse oder Angriffe von aussen. Sie folgen Anordnungen und stellen Autoritäten nicht in Frage. Sie tun das, was sie gut können, aber sind peinlich berührt und verlegen, wenn ihr Tun in irgendeiner Hinsicht als mangelhaft empfunden wird. Einen großen Teil ihrer Energie verwenden sie darauf, ihr Gesicht zu wahren und vor anderen gut dazustehen. Als Zeichen der Anerkennung erwarten sie für ihre Loyalität sichtbare Beweise: Statussymbole, Anerkennungszertifikate, Amtszeichen, Plaketten etc. und Geld.

Aufgaben-zentrierte Stufe (4)
vergleichen und perfektionieren

Im Übergang von der Gruppen-zentrierten zur Aufgaben-zentrierten Stufe tauscht ein Mensch sein emotionales Bedürfnis nach Konformität mit den Gruppennormen gegen die Bereitschaft, vermehrt zu experimentieren und eigenständige Lösungswege für seine Aufgaben zu finden. Aufgaben-zentrierte Menschen bleiben dabei jedoch immer noch abhängig von der Anerkennung anderer und sind stark traditionellen Werten verpflichtet. Sie tun dies mit einem Blick zurück über ihre Schulter hin zu ihren Bezugsgruppen. Aufgaben-zentrierte Menschen, anders als Gruppen-zentrierte, identifizieren sich nicht länger mit dem, was sie zu einem Teil der Gruppe macht, sondern mit dem, was sie in einzigartiger Weise aus der Gruppe heraustreten lässt.

Aufgaben-zentrierte Menschen werden von aussen oft als „ExpertInnen“, „TechnikerInnen“, „BürokratInnen“ gesehen. Sie verfügen über Sachkenntnis und praktische Erfahrung und konzentrieren sich auf spezifische Abläufe und Wissen auf dem Gebiet ihres Interesses oder Ihrer Fachzugehörigkeit. Der Glaube an die Überlegenheit ihrer Profession und ihres Fachwissens nimmt einen zentralen Stellenwert in ihrem Leben ein. Probleme und Dilemmata haben eine logische Antwort, welche aus maßgebenden Quellen, wie z. B. Handbüchern, Vorschriften oder von Autoritäten auf dem Fachgebiet, bezogen werden kann. Aufgaben-zentrierte Menschen sind häufig den perfektionistischen Standards ihrer Fachgebiete verhaftet und ausgesprochen kritisch gegenüber unbekannten Methoden sich einer Situation zu stellen oder einem Problem zu begegnen. Sie verlassen sich auf etablierte Erläuterungen und Prozeduren und verteidigen sich heftig gegenüber Anfragen, die ihr professionelles Wissen in Frage stellen.

Selbst-bestimmende Stufe (5)
analysieren, leisten, Ziele erreichen

In den meisten Organisationen sind Aufgaben-zentrierte und Selbst-bestimmende Menschen verantwortlich für den täglichen Erfolg des Geschäftes. Während Menschen, deren Schwerpunkt auf der Aufgaben-zentrierten Stufe liegt, sich auf anstrengende Detailarbeit konzentrieren, bemüht sind, die Arbeit gut zu erledigen, sind Menschen, der Selbst-bestimmenden Stufe vorwiegend mit erfolgreichen Plänen und Resultaten beschäftigt. Selbst-bestimmende Menschen konzentrieren sich auf die Unternehmensergebnisse in Form von Umsatz, Gewinn, Ertrag der Kapitalanlagen, Marktanteile, Verhandlungen, Lösung von Konflikten, Teamwork und die Erreichung ihrer persönlichen Karriereziele.

Die herausragende Stärke des Selbst-bestimmenden ist auch seine größte Schwäche: die Einseitigkeit von Zielstrebigkeit, Konzentration und Antrieb. Bei der Verfolgung der von ihnen persönlich favorisierten Ziele neigen Selbst-bestimmende dazu, andere wichtige Bereiche des Geschäftes und oder ihres persönlichen Lebens außer Acht zu lassen. Ein Selbst-bestimmender Koordinator einer internationalen Hilfsorganisation beispielsweise, war so engagiert, Mittel für Hilfsbedürftige zu generieren, dass er nicht bemerkte, wie sehr er dabei sich und seine Angestellten überforderte und welchen Preis seine Organisation letztendlich dafür zahlen musste. Ebenso wenig nahm er wahr, wie sein antreibendes Verhalten sich negativ auf sein eigenes Familienleben auswirkte.

Selbst-bestimmende Menschen verwenden ihre Energie konsequent für die Lösung von Problemen und benutzen die Mittel ihres Fachbereiches kreativ. Sie initiieren Veränderung und streben danach, Berge zu versetzen. Ihre Entschlossenheit und Energie ist häufig für andere inspirierend. Selbst-bestimmende sind offen für Lernen und Entdecken. Sie heißen ein das Verhalten betreffendes und taktisches Feedback willkommen, besonders dann, wenn es sie näher an das ins Auge gefasste Ziel bringen kann. Sie wehren Feedback ab, das die Denkweise, innerhalb der sie agieren, in Frage steht. Selbst-bestimmende sind fest von einem linearen Ursache- und Wirkungsprinzip und von objektiver Rationalität überzeugt. Aus ihrer Sicht wird die natürliche Welt, inklusive des Verhaltens von Menschen, von vorhersagbaren Mustern und Gesetzen bestimmt. Letztere können erforscht, offen gelegt und angewandt werden, um gewünschte Resultate zu erreichen. Positive Ergebnisse kann man sicherstellen, indem man sich auf eine objektive und wissenschaftliche Vorgehensweise verlässt und sich auf den Einsatz der eigenen Überzeugungen und Energie stützt.

Die späteren, selteneren, postkonventionellen Entwicklungsstufen

Die Selbst-bestimmende Stufe ist die späteste Stufe in der „konventionellen“ Erwachsenenentwicklung. Es ist die Modellstufe des Erwachsenseins der modernen Zeit. Von einem „Erwachsenen“ wird erwartet, dass er Leistungsziele verfolgt, eine professionelle Rolle einnimmt, persönliches Einkommen hat, sich anstrengt, zielbewusst ist, etc. Die Selbst-bestimmende Stufe ist die höchste Entwicklungsstufe, die vollkommen von der westlichen Kultur und Gesellschaft gefördert wird und umfasst die traditionelle wissenschaftliche Denkweise. Kulturell bildet diese Stufe eine Art Maximum der Entwicklung, die nur von 10% bis 20% der Gesamtbevölkerung überschritten wird. Die Personen, die sich über die „konventionellen“ Stufen der Entwicklung hinaus entwickeln, bewegen sich in Bereiche, die wir als „postkonventionelle“ Stufen der Entwicklung bezeichnen.

Hinterfragende Stufe (6)

Die zentralen Entdeckungen von Menschen auf der hinterfragenden Stufe sind:

  • Objektivität ist ein Mythos. Der/die BetrachterIn beeinflusst immer das Betrachtete. Variablen können nicht isoliert betrachtet werden und Grenzen zwischen Selbst und Anderem, zwischen Subjekt und Objekt sind sozial konstruiert und voneinander abhängig.
  • Jede Variable, jedes Objekt, jedes Ereignis ist sowohl ein Ganzes für sich selbst als auch ein Teil eines größeren Systems – ad Infinitum.
  • Alle Vorstellungen sind relativ in Bezug auf die Kultur, den historischen Kontext und die persönliche Erfahrung, in der sie geprägt wurden.

Hinterfragende Menschen untersuchen auch ihre eigenen Vorstellungen und wenden sich dem Hier und Jetzt vermehrt zu, da sie annehmen, dass eben alles als „relativ“ entpuppt. Sie genießen die neu erworbene kulturelle Freiheit. Eine wieder entfachte Kreativität und Vorstellungskraft sind häufig sichtbare Zeichen von Menschen, die sich auf dieser Stufe der Entwicklung befinden. Manchmal verlieren Hinterfragende die Hoffnung, ob sie jemals wieder „festen Boden unter den Füssen“ haben werden. Die beunruhigende Frage: „Ist das denn jetzt alles?“ taucht eventuell auf. Möglicherweise werden einige von ihnen zynisch und andere sind häufig dabei, bestehende Annahmen und Systeme zu dekonstruieren und zu hinterfragen, ohne jedoch im Gegenzug selbst etwas „Besseres“ anbieten zu können. In einem Umfeld, in dem Hinterfragende gefördert und von gleich Gesinnten oder reifereren (z. B. der Selbst-aktualisierenden Stufe) Rollenmodellen herausgefordert werden, lernen sie, ihre kritische Energie in neue konstruktivere Bahnen zu lenken. Teil ihres Entwicklungspotenzials ist es, einen noch integrierenderen Standpunkt zu finden, von dem aus sie handeln und ihre Erfahrung bewerten können.

Es kann Spaß machen, gewisse Menschen, deren Schwerpunkt auf der hinterfragenden Stufe liegt, um sich herum zu haben. Sie genießen ihre Individualität und verfolgen, was auch immer ihnen gefällt, mit Begeisterung. Obwohl sie sich der konventionellen und sozialen Normen bewusst sind, fühlen sie sich dennoch nicht durch diese eingeschränkt. Sie werden geschätzt für ihre Einzigartigkeit und ihre andere Perspektive. Es macht ihnen Freude, eine helfende Rolle einzunehmen, um andere dabei zu unterstützen, vollkommen sie selber zu werden.

Selbst-aktualisierende Stufe (7)
auch „Integrale Stufe“ genannt in Umfeld von Ken Wilber u.a.

Die Entwicklung vom Gruppen-zentrierten zum Selbst-bestimmenden, zum Hinterfragenden und weiter zum Selbst-aktualisierenden bringt eine grosse Erweiterung des Bezugsrahmens mit sich.

Der Wunsch des Gruppen-zentrierten, auf Tuchfühlung mit den anderen seiner Gruppe zu bleiben, der Hang des Aufgaben-zentrierten zur Logik des Sachwissens und die Konzentration des Selbst-bestimmenden auf konventionelle Ergebnisse werden ersetzt durch selbst generierte, individuelle Wege die Welt zu sehen und zu interpretieren.

Der Hinterfragende ist die erste postkonventionelle Stufe, da Hinterfragende nicht mehr automatisch mit der Sicht der Realität und den vorgezeichneten gesellschaftlichen Normen konform gehen. Hiermit ist auch ein Wandel der Wahrnehmung in Bezug auf die „objektive Natur“ der Wirklichkeit verbunden. Mit der Erkenntnis, dass es letztendlich gültige, objektive Wahrheit gibt, auf die man sich berufen kann und dass es letztlich nicht möglich ist, zwischen konkurrierenden Perspektiven und Positionen Prioritäten zu setzen, ist der Hinterfragende ein absoluter Relativist. Alle Sichtweisen sind gleich akzeptabel oder inakzeptabel. Selbstaktualisierende hingegen sind in der Lage, rivalisierende Meinungen und Überzeugungen, basierend auf der Qualität der Argumente und Ideen, zu gewichten. Sie bevorzugen konstruktive, praktikable Ansätze, die sich am Menschen orientieren, die umfassend und dynamisch sind, und die kontinuierliches Lernen fördern. Sie vermeiden Perspektiven, die destruktiv oder beurteilend sind, die nur eine Interessensgruppe vertreten und/oder die einen Ausschließlichkeitsanspruch haben, statisch und lediglich faktenorientiert oder „objektiv“ sind.

Selbstaktualisierende möchten herausfinden, wie die verschiedenen Systeme (Organisation, Familie, Gesellschaft), in die sie eingebunden sind, einander wechselseitig beeinflussen, wie sie interagieren. Sie beurteilen die Balance und Angemessenheit zwischen der weiterreichenden Mission einer Organisation (soziale Vision) und den Strategien und Handlungen, um diese zu erreichen. Sie sind zunehmend mit allen Ebenen einer Organisation beschäftigt. Sie sind die, die auf potentiell langfristige Ergebnisse (gewollte und ungewollte) hinweisen – sowohl was die Organisation als Ganzes betrifft als auch was ihre Mitglieder betrifft und deren Stakeholder. Dies bedeutet, dass Selbstaktualisierende nun voll in der Lage sind, systemisch zu denken.

Selbstaktualisierende sind genauso interessiert an dem Prozess (daran: „Wie etwas getan wird“), als auch an den erzielten Ergebnissen (am „Was“). Selbst-aktualisierende Führungskräfte hinterfragen die sozialen, technologischen, Produktions- und Markt-orientierten Fakten des Systems und das Wechselspiel zwischen diesen. Selbstaktualisierende haben gelernt, andere Perspektiven zu untersuchen und diejenigen auszuwählen, die eine maximale Wirksamkeit an Einfluss und Transformation ermöglichen. Untergebene, Kollegen und Mitarbeiter auf früheren Stufen fühlen sich möglicherweise verwirrt von ihnen und ihrer „merkwürdigen“ Sicht der Realität. Sie finden diese zu komplex und nicht praktisch genug, da ihr „Radius“, um auf Dinge, Situationen, Probleme und Ziele zu schauen, weniger umfassend ist.

Selbstaktualisierende Führungskräfte mit guten Menschenkenntnissen sind oft in der Lage, die verschiedenen Abteilungen im eigenen Unternehmen, die KundInnen und KonsumentInnen in Richtung eines kulturellen Wandels hin zu motivieren und dabei integrale Werte und langfristig stärker ökologische und global verantwortlichere Unternehmens-praktiken einzuführen.

Konstrukt-bewusste Stufe (8)
die Aufmerksamkeit richtet sich auf Konstrukte des Bewusstseins, resp. auf die Konstruktion der Wahrnehmung

Die postkonventionelle Stufe Konstrukt-bewusst ist sowohl in Organisationen, Unternehmen sowie in der Gesellschaft selten zu finden. In einer Stichprobe von rund 500 Führungskräften in den USA wurden nur drei davon als Konstrukt-bewusste ausgewertet. Möglicherweise kennen sie niemanden persönlich auf dieser Entwicklungsstufe, obwohl sie vielleicht Elemente oder einen flüchtigen Eindruck vom Verhalten von Konstrukt-bewussten – sowohl in persönlichen Begegnungen, wie auch in öffentlichen Medien – gewonnen haben. Konstrukt-bewusste sind Menschen, die oft mit Kraft, Bescheidenheit und der Leichtigkeit eines Narren, tiefen Weisheiten und Einsichten Ausdruck verleihen. Sie verkörpern scheinbar widersprüchliche Eigenschaften wie Komplexität und Einfachheit, Heiterkeit und Traurigkeit, Intensität und innere Ruhe. Mit anderen Worten, sie leben mit Paradoxien, Widersprüchen und scheinen sie zeitweise in einer „Ehe“ von Gegenteilen zu integrieren.

Sie sind bereit, sowohl sich selber als auch andere, ihre Unternehmen und die Gesellschaft, an der sie teilhaben, zu transformieren. Sie sind in der Lage, unmittelbar nacheinander viele Perspektiven einzunehmen und deren vielfältiges und unlösbares „Für und Wider“ zu akzeptieren. Sie sind weniger als die Selbst-aktualisierende Stufe versucht, wohlmeinende Eingriffe zu machen, die auf Prinzipien und persönlichen Theorien darüber, was gut für die Welt ist, beruhen.

Konstrukt-bewusste trachten danach, in jedem Moment, zum rechten Zeitpunkt, das absolut Passende zu tun – dies vor dem Hintergrund eines präsenten Bewusstseins. Sie tun dies aus dem Streben nach potentieller Transformation. Anderen erscheint es, dass sie ein „unheimliches“ Talent dazu haben, oft auf unerwartete oder unorthodoxe Weise die richtigen Dinge zur richtigen Zeit zu tun und zu sagen.

Sie sind fähig, viele Dinge gleichzeitig zu verarbeiten und damit konstruktiv umzugehen. Oft haben sie mehr als eine wichtige Verantwortungsposition in Organisationen und der Gesellschaft und haben dennoch genügend Zeit, dem, was wichtig ist, angemessene Aufmerksamkeit zu schenken. Folgendes ist eine Beschreibung einer Vizepräsidentin einer internationalen Großfirma, die von einem unserer Berater als Konstrukt-bewusst eingestuft wurde: „Sie ist Visionärin doch praktisch; enthusiastisch, kraftvoll und herausfordernd doch zugänglich und verständnisvoll […] sie ist humorvoll und spielerisch doch ist sie meistens schon um 6:00 Uhr morgens bei der Arbeit […] sie generiert Spontaneität, Gelächter, langfristigen Fokus und schenkt gleichzeitig der Vollstreckung von konkreten Teamzielen wie den langfristigen Firmenzielen die nötige Aufmerksamkeit.“

Konstrukt-bewusste sind zu offenem Kontakt mit „Gegespielern“ fähig. Es kann sein, dass sie fortschrittlichere soziale Regeln schaffen, so wie es beispielsweise Gandhi für den gewaltlosen Widerstand und beim Umsturz der Kastenprinzipien in Indien und in seinem eigenen Haushalt getan hat. Wie andere charismatische Führer auf dieser Stufe wurde er von vielen, mehr konventionellen Landsleuten, für seine Aktionen und Überzeugungen verachtet.

Universale Stufe (9)
Alles umfassen, das „grosse Ganze“ im Blick

Dieses Entwicklungsniveau ist noch seltener (weniger als 1% der Gesamtheit), auch unter hoch Gebildeten, Erfolgreichen. Menschen, die sich auf der Universalen Stufe bewegen, können in allen Berufen und Lebensbereichen gefunden werden. Oft ziehen sie es aber vor, sich außerhalb von Organisationen zu betätigen, sowie hinter den Kulissen zu bleiben oder ihre Ziele ohne Fanfaren zu verfolgen. Das kann einfache Handlungen beinhalten wie den Eingang fegen, als auch die Leitung eines Seminars bis hin zur Aufsicht einer internationalen Militäraktion. Sie tun, was getan werden muss, mit großen Gewissenhaftigkeit, Gelassenheit, Mitgefühl und Weisheit. Sie verstehen die Notwendigkeit sowohl radikaler wie barmherziger Liebe – je nach dem, was im Moment erforderlich ist. Sie fürchten sich nicht, mit Überzeugung zu handeln, für Gerechtigkeit einzustehen und sich zu opfern, und die Folgen ihrer Handlungen zu erleiden. Aber sie tun es nicht aus heldenhaften persönlichen Bedürfnissen (was bis zum Konstrukt-bewussten eine von vielen Motivationen sein kann), sondern für den allgemeinen Nutzen und um Mitmenschen durch das selbstlose Beispiel zu inspirieren, in ihnen Mut zu erwecken und Heilung zu ermöglichen.

Sie sind sich ihres eigenen Egos und seiner Anteile sehr bewusst, doch sind sie nicht mehr darin gefangen. Deshalb haben sie wenig zu verteidigen und viel zu beobachten, aufzunehmen, zu würdigen und zu wertschätzen. Im Allgemeinen sind sie von komplexen Erläuterungen und wissenschaftlichen Ansätzen nicht so fasziniert wie frühere Stufen. Sie lassen sich auch nicht beeindrucken von Titeln, Orden und Statussymbolen und begehren sie auch nicht, obwohl sie solche freundlich und mit Demut akzeptieren, wenn sich dies ergibt.

Die meisten Personen auf der Universalen Stufe üben regelmäßige Meditation und/oder kennen tiefe spirituelle Erlebnisse aus ganz anderen Kontexten menschlicher Erfahrung. Sie sind ständig dabei, sich und andere zu fördern und zu entwickeln, um immer größere Weisheit, mehr Mitgefühl und angemessenere Handlungen zum erblühen zu bringen.

Wir glauben, dass es Ebenen gibt, die noch viel subtiler als die Universale Stufe sind, ähnlich wie sie beispielsweise in der östlichen Weisheitsliteratur und den mystischen Traditionen der Welt beschrieben worden sind. Doch ein Satzergänzungstest wie der des MAP ist nicht unbedingt die richtige Methode, um diese feinsten Unterscheidungen zu machen. Da wir so wenige Menschen auf dieser Stufe angetroffen haben, existieren nicht genug Daten, um weitere wissenschaftlich fundierte Hypothesen zu machen.

Anregungen

  1. Versuche Dich selbst zu beschreiben – auf welchen Stufen liegt Deiner Selbsteinschätzung nach Dein Schwerpunkt in ganz alltäglichen Handlungen und Wechselwirkungen z. B. mit KollegInnen, Deinem Chef/Deiner Chefin, Deinem Partner/Deiner Partnerin ?
  2. Gibt es Situationen, Begegnungen mit anderen Menschen, ev. Konflikte, wo Du Dir wünschen würdest, dass Du anders damit umgehen könntest? Wenn ja – welche? Gibt es spätere Entwicklungsstufen oder frühere, von welchen aus Du Dir vielleicht vorstellen könntest, adäquater mit diesen Situationen umgehen zu können?
  3. Versuche Dein Umfeld einzuschätzen – auf welchen Stufen siehst Du die Schwerpunkte der Menschen, mit denen Du z. B. zusammen arbeitest? Zusammen Deine Freizeit verbringst? Die Schwerpunkt-Stufe Deines Partners/Deiner Partnerin?
  4. Falls Du Unterschiede zwischen Deinem eigenen Entwicklungsschwerpunkt und dem anderer feststellst – Wie wäre es für Dich möglich, die Entwicklung anderer entsprechend Ihres Entwicklungsschwerpunktes anzuregen und zu fördern?

Falls Du Deine eigene Schwerpunktstufe anhand des MAP-Satzergänzungstests gerne auswerten lassen und Dein Verständnis der Entwicklungsstufen und Deines persönlichen Entwicklungsschwerpunkts vertiefen möchtest – hier ein Link für weitere Infos. Wie die Innere Friedenskonferenz und die Zen-Meditation die Selbst-Entwicklung fördern, erfährst Du in den kommenden Blogbeiträgen…

Show 2 Footnotes

  1. Ich verwende hier den Begriff der „Sprache“ im Sinne des späten Wittgenstein in einem umfassenden Sinne, resp. im Sinne von „Symbolizität“ im Anschluss an Ernst Cassirer.
  2. Siehe dazu und zum Folgenden: Cook-Greuter, Susanne: Postautonomous Ego-Development. A Study of its Nature and Measurement, Harvard University Press, 1999, updated 2003; sowie: Cook-Greuter, Susanne / Miller, Melvin E. Transcendence and Mature Thought in Adulthood, Rowman & Littlefield Publishers, Inc., 1994. Siehe auch cook-greuter-ego-development – 2016 haben wir (Cook-Greuter & Partner) die Entwicklungsstufen neu benannt! Die neuen Namen, die ich hier verwende unterscheiden sich daher von den verwendeten Namen in den hier zitierten Arbeiten!

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