Viva la revolución del altruismo!

Autor: Peter Widmer

Trailer zum Film: The Altruism Revolution

Unser Planet ist wie ein grosses Schiff, das wir gemeinsam steuern. Werden wir bald 300 Mio. Klimaflüchtlinge auf  diesem Schiff haben? Die Menge der Immigranten wäre womöglich Lampedusa hoch 10. Oder kommt es zu unvorstellbaren Konflikten? Wollen wir bloss überleben oder ein gutes, menschenwürdiges Leben führen?
Angesichts der allseits bekannten, weltweiten Probleme stellt sich vielleicht dringlicher denn je die Frage: Sind und bleiben wir Egoisten oder brauchen wir nicht vielmehr eine altruistische Revolution?!
Kinder im Alter zwischen 18 Monaten bis 2 Jahren helfen anderen ganz natürlich, egal ob diese zur eigenen Familie oder zur eigenen Gruppe gehören oder nicht. Im Laufe des Älterwerdens geht dieses natürlich angelegte prosoziale Verhalten weitgehend verloren. Verhaltens- und Sozialwissenschaftler haben in der Vergangenheit betont, dass die einzige Motivation menschlichen Handelns der Egoismus sei, selbst dann, wenn wir anderen helfen. Doch neuere Forschungen in Entwicklungspsychologie, Biologie und Neurologie machen immer mehr deutlich, dass dies nicht der Fall ist. Nicht nur Menschen, auch zahlreiche Tiere handeln aus Empathie, Mitgefühl und altruistischen Gründen!

Modernste neurologische Untersuchungen Meditierender zeigen klar und deutlich, dass persönliche Transformation möglich ist. Aufgrund der Neuroplastizität des Gehirns lassen sich durch Meditation Empathie, Mitgefühl und prosoziales Verhalten trainieren.  

Empathie und Mitgefühl trainieren

Neurologische Forschungen der vergangenen 25 Jahre zeigen, dass Mitgefühlsmeditation, unabhängig von den Nuancen ihrer unterschiedlichen Ausübung, das neuronale System des Gehirns bleibend verändern.1

Bei Langzeitmeditierenden sind diese neuronalen Veränderungen bezüglich mitfühlendem, prosozialen Verhalten im Vergleich zu Nichtmeditierenden und Meditationsanfängern phänomenal! Doch auch bei Meditationsanfängern und zwar sowohl bei  Erwachsenen2 als auch bei Kindern3 – konnten bereits nach kurzer Mitgefühlsmeditationsdauer nachweisbare neuronale Veränderungen und die Verstärkung prosozialen Verhaltens festgestellt werden.

Menschen, die Mitgefühlsmeditation praktizieren…

  • nehmen innere Zustände anderer schneller wahr
  • sind fähig, zwischenmenschliche Wechselwirkungen aus vielschichtigeren, erweiterten Perspektiven wahrzunehmen und zu beurteilen
  • sind in der Lage, Leiden anderer nachzuempfinden und sind motivierter, etwas für andere zu tun, um dieses Leid zu lindern
  • sind motivierter, sich prosozial zu verhalten, auch über die Grenzen der eigenen Familie und der eigenen Gruppe, der sie sich zugehörig fühlen, hinaus
  • können ihre Emotionen besser regulieren und werden dadurch weniger schnell von den Emotionen und inneren Zuständen anderer angesteckt und überschwemmt

Über die Notwendigkeit einer altruistischen Revolution

Hier ein emphatischer Aufruf von Matthieu Ricard zu einer altruistischen Revolution…

Wir stehen, so Matthieu Ricard, vor globalen Herausforderungen, die allen bekannt sind – die Belastungsgrenzen unserer Erde: Überbevölkerung, Klimaveränderung, Verlust der Biodiversität, etc. Angesichts dieser Probleme stellt sich die Frage: leben wir egoistisch weiter wie bisher oder gelingt uns eine altruistische Revolution? Geht uns das Wohl anderer und zukünftiger Generationen etwas an oder ist es uns gleichgültig? Altruismus ist die Antwort.
Doch existiert altruistisches Verhalten überhaupt oder sind wir alle egoistisch? Kooperation war wichtig für die Evolution der Arten. Auch für uns Menschen ist kooperatives Verhalten nicht wegzudenken. Es geht um die Qualität zwischenmenschlicher Wechselwirkungen. Es gibt eine Reihe von Menschen, die sich altruistisch verhalten! Und die Banalität des Guten begegnet uns täglich, doch unsere Aufmerksamkeit richtet sich nicht darauf. Wir schauen lieber auf die Kathastrophen und die Dinge, die nicht gut laufen. Doch Menschen tun Gutes für andere, unabhängig davon, wie sie sich dabei fühlen werden oder welchen Gewinn sie davon haben. Dafür gibt es genügend Beispiele.
Altruismus ist der Wunsch, dass andere glücklich und frei von Leid sind und dass sie die Ursachen für ihr Glück finden mögen. Wir benötigen individuelle, kulturelle und strukturelle Veränderungen in unserer Gesellschaft. Individuelle Veränderung ist möglich. Das zeigen unzählige Meditationsstudien der vergangenen 25 Jahre. Bereits 20 Minuten Mitgefühlsmeditation pro Tag während vier Wochen bringen neurologisch nachweisbare Veränderungen mit sich. Auch bei Kindern im Alter zwischen 4-7 Jahren liess sich nachweisen, dass Mitgefühl trainierbar ist, gerade in einem Alter, in welchem neuronale Weichenstellungen stattfinden, die lebenslang prägend sein können. Wir benötigen sowohl einen individuellen als auch einen kulturellen Wandel! In der Meditation können wir unsere Ressourcen stärken.
Eine der grössten Herausforderungen  unserer Zeit besteht darin, drei Zeitdimensionen in Einklang zu bringen: die Kurzfristigkeit der Wirtschaft, die mittelfristige Entwicklung unserer Lebensqualität und die langfristige Entwicklung der Umwelt. Wenn Naturschützer und Ökonomen zusammentreffen, so sprechen sie in einem schizophrenen Dialog aneinander vorbei. Damit ein harmonischer Dialog zustande kommen kann benötigen wir eines: mehr Rücksichtnahme auf andere! Mehr Rücksichtnahme …

  • stärkt unserer Fähigkeit, zu kooperieren: in Schulen, Familien, im öffentlichen Raum und in Unternehmen
  • führt zu nachhaltiger Harmonie statt nachhaltigem Wachstum, die sich jetzt um einen gerechten Ausgleich zwischen den Gesellschaftsschichten bemüht, um in Zukunft aus Weniger Mehr zu machen und qualitativ statt quantitativ zu wachsen
  • zu einer fürsorglichen Wirtschaft, der die Gesellschaft, die Bildung und das Wohl der Menschen ein Anliegen ist
  • zu lokalem Commitment und globaler Verantwortung
  • zur Ausdehnung unseres Altruismus auf die anderen 1,6 Mio. Arten auf unserer Welt

Wir müssen es wagen, Altruismus zu leben!

Brahmavihāras – Grundlagen der Mitgefühlsmeditation

Eine wichtige buddhistische und yogische Grundlage der Mitgefühlsmeditationsformen bilden die sog. vier grenzenlosen Zustände (Brahmavihāras), die neben buddhistischen Schriften auch in Patanjalis Yogasuttra Eingang gefunden haben:

  • Liebevolle oder liebende Güte (pali mettā)
  • Mitgefühl (pali karunā)
  • Mitfreude (pali muditā)
  • Gelassenheit oder Gleichmuth (pali upekkhā)

Diese vier Tugenden oder Grundzustände basieren auf der Erkenntnis der wechselseitigen Verbundenheit jeglichen Geschehens in der Welt und der Einsicht, dass das, was wir für unser Ich oder Ego halten, ein Konstrukt ist. Liebende oder liebevolle Güte ist die zentrale innere Haltung in der diese universale Verbundenheit gelebt werden soll. Sie wird als Geisteshaltung in allen buddhistischen Strömungen, sowie in Yogatraditionen auf ihre unterschiedliche Weise in der Meditation kultiviert.
In der Inneren Friedenskonferenz betrachten wir die vier grenzenlosen Zustände als Qualitäten des SELBST, unserer „Mitte“, resp. unseres eigentlichen Zentrums. Wir verbinden die nachweislich effektivsten Mitgefühlsmeditationen mit der Zenpraxis und der Inneren Friedenskonferenz.

Nachweisbare neuronale Veränderungen durch Mitgefühlsmeditation

Nach Mascaro et al4, entwickeln sich empathische und mitfühlende Reaktionen (eine Begriffsdefinition findet sich in diesem Blogbeitrag) im Gehirn in drei Phasen, die wechselseitig aufeinander bezogen sind.

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Quelle: Mascaro et al (2015), S. 4.

1. Wahrnehmung und Simulation des wahrgenommenen Verhaltens des anderen in uns

Hierbei spielt die Amygdala eine wichtige Rolle: Psychopathen, die ein Defizit punkto Empathie und Mitgefühl aufweisen, zeigen Veränderungen in der Amygdala: das Volumen der rechten Amygdala ist verkleinert. Extrem altruistische Menschen hingegen haben eine grössere rechte Amygdala und zeigen eine höhere Aktivität in ihrer Amygdala, wenn sie andere Menschen leiden sehen. 5 Ihre Amygdala ist auch besser verbunden mit anderen Bereichen des limbischen Systems, insbesondere mit der Insula, die mit den Emotionen und Körperempfindungen des eigenen Körpers verbunden ist. Die Amygdala ist mitunter wichtig, wenn wir zwischenmenschliche Informationen der Augen anderer ablesen 6 und die Amygdala übersetzt ankommende Sinnesinformationen in körpereigene Erregung.

Zudem spielen bei diesem System die Spiegelneuronen, die das wahrgenommene Verhalten, d. h. die Bewegungen des beobachteten Menschen eine zentrale Rolle. Über die neuronale Spiegelung der Gesichtsausdrücke im eigenen System wird das emotionale nachvollziehen und verstehen initiiert. Dies ermöglicht es uns, die Gesichtsausdrücke anderer emotional zu verstehen.

2. Emotional-körperliche Simulation im eigenen System dessen, was im Beobachteten vor sich gehen könnte

Man könnte auch sagen: emotional-körperliche Seiten der Teilpersönlichkeiten, die in uns in Resonanz zum Verhalten des anderen gehen.

Das limbische System, insbesondere die Insula, wird aktiviert und wir gehen in Resonanz mit den emotional-körperlichen Empfindungen unseres Gegenübers. Dieses System wird sowohl aktiviert, wenn wir eine andere Person beobachten, als auch dann, wenn wir uns eine andere Person, uns selbst oder einen Personenkreis innerlich in einer Mitgefühlsmeditation visualisieren, d. h. in der Phantasie vorstellen.

3. Kognitive Prozesse

Hierbei handelt es sich um Überlegungen dessen, was im anderen vor sich gehen könnte (Perspektivenübernahme, Theory of mind), aufgrund unserer eigenen Lebenserfahrungen und den Worten und Begriffen, die wir dafür im Laufe der Zeit gelernt haben. Man könnte auch sagen: es geht ums kognitive wissen über die eigenen Teilpersönlichkeiten. Diese Vorgänge gehen einher mit verstärkter Aktivität im Präfrontalen Cortex, der für höhere kognitive Leistungen zuständig ist.

Regulation der Emotionen und Ich/Anderer Unterscheidung

Bei empathischem, mitleidendem und mitfühlendem Verhalten spielt zudem die Ausbildung der Grenzziehung zwischen Ich/Anderem eine Rolle, die wiederum zusammenhängt mit der Fähigkeit, seine eigenen Emotionen zu regulieren.

Wenn wir einen anderen Menschen sehen, der leidet, dem es schlecht geht, dann kann es sein, dass wir uns zu sehr mit dem Leid des anderen identifizieren und überschwemmt werden von leidvollen Gefühlen. Eine Atmosphäre von Traurigkeit überwältigt uns. Dasselbe kann auch bei anderen Gefühlen geschehen, bei Nervosität, Stress, Ärger, Wut, aber auch bei Gähnen, Müdigkeit, Lachen, Freude. Wir können davon empathisch „angesteckt“ werden. Kleinkinder, die sich noch nicht selbst im Spiegel erkennen, die also noch kein eigenes „Ich“ ausgebildet haben, werden von Atmosphären eingenommen und können von der Traurigkeit eines anderen Kindes beispielsweise überschwemmt werden. Anstatt dem anderen Kind zu helfen, wenden sie sich dann hilfe- und schutzsuchend ihrer Mutter zu. Helfende Zuwendung entsteht bei Kindern erst dann, wenn sie sich als abgegrenzte Persönlichkeit erleben.

Die Fähigkeit, sich z. B. durch Meditation oder durch Innere Friedenskonferenz von einer solchen Identifikation lösen zu können ist hierbei wichtig. Die Wirksamkeit von Meditation zur Regulation der eigenen Emotionen ist durch unzählige Studien sehr gut belegt.

Wie werden mitfühlende Handlungen motiviert?

Empathie hilft uns, uns in andere Menschen einzufühlen und uns mit Hilfe unserer Gedanken verständlich zu machen, was in ihnen vorgehen könnte. Empathie bildet somit die Grundlage, welche mitfühlendes Handeln motivieren kann.

Mitgefühl bedeutet, dass wir uns den Leiden, Bedürfnissen oder der Sache eines anderen Menschen oder Tieres annehmen, ihm wünschen, dass er/sie davon befreit sein möge und Schritte unternehmen, um seinen Zustand aktiv zu verbessern. Wenn Meditierende, welche Mitgefühlsmeditation praktizieren, Bilder von Menschen, welche leiden, betrachten, dann ist auch das Belohnungs- und Motivationssystem, das sog. mesolimbische System, erhöht aktiv, sowie eine weitere Gehrinregion im sepalen Nucleus. (Siehe zum mesolimbischen System auch diesen Beitrag)

Interessanterweise fanden Neurobiologen, welche die Gehirnaktivität von Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern, untersuchten, dieselben Gehirnbereiche aktiv, die auch bei Meditierenden aktiv sind, welche Mitgefühlsmeditation praktizieren. Der Vergleich von Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern und Meditierenden legt nahe, dass dasselbe neuronale Motivationsnetzwerk allen mitfühlenden, prosozialen Reaktionen zugrunde liegt.

Fazit

Die Ausdehnung mitfühlenden, altruistischen Handelns über die Grenzen der eigenen Familie und der Gruppen, denen wir uns zugehörig fühlen, hinaus, kann durch Zen, Mitgefühlsmeditation und durch das bessere Kennenlernen seiner eigenen Innenwelt, auch durch Innere Friedenskonferenz, gestärkt werden. Und zum Überleben und vor allem zu einem gelingenden, guten Leben unserer Kinder und deren Kinder führt kein Weg an der persönlichen und kollektiven Entwicklung dieser Tugenden vorbei.

Show 6 Footnotes

  1. Siehe zum Folgenden: Mascaro, Jennifer et al: The neural mediators of kindness-based meditation: a theoretical model, in: Frontiers in Psychology, Hypothesis and Theory Article, 12. February 2015, Vol. 6. Article 109, doi:10.33389/fpsyg.2015.00109; Siehe auch: McDonald, Nicole M., Messinger, Daniel S.: The Development of Empathy: How, When, and Why, in press – siehe hier
  2. Siehe beispielsweise: Helen Y. Weng, Andrew S. Fox, Alexander J. Shackman, Diane E. Stodola, Jessica Z. K. Caldwell, Matthew C. Olson, Gregory M. Rogers, Richard J. Davidson: Compassion Training Alters Altruism and Neural Responses to Suffering, in: Psychological Science 2013, 24(7) 1171 –1180
  3. Siehe: Flook, Lisa; Goldberg, Simon B.; Pinger, Laura; Davidson, Richard J.: Promoting prosocial behavior and self-regulatory skills in preschool children through a mindfulness-based kindness curriculum, in: Developmental Psychology, Vol 51(1), Jan 2015, 44-51.
  4. Siehe Fn. 1.
  5. Siehe: Marsh, A.A., Finger, E.C., Fowler, K.A., Adalio, C.J., Jurkowitz, I.T.N., Schechter, J.C., et al.: Empathic responsiveness in Amygdala and anterior cingulate cortex in youths with psychopathic traits, in: J. ChildPsychol. Psychiatr. 54, (2013), 900–910. doi: 10.1111/jcpp.12063; sowie: Marsh, A.A., Stoycos, S.A., Brethel-Haurwitz, K.M., Robinson, P.,VanMeter, J.W.,andCardinale, E.M.: Neural and cognitive characteristics of
    extraordinary altruists, in: Proc. Natl.Acad.Sci.U.S.A. 111 (2014),15036–15041.doi:
    10.1073/pnas.1408440111
  6. Siehe: Pessoa,L., Adolphs, R.: Emotion processing and the amygdala: from a ’low road’ to ’many roads’ of evaluating biological significance, in: Nat.Rev.Neurosci. 11(2010),773–783. doi:10.1038/nrn2920

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