Verlust und Wiedergewinnung von Mitgefühl

Autor: Peter Widmer

Man reassuring his crying daughter

Empathie ist die emotionale Grundlage für unsere Fähigkeit, uns in die Fusstapfen anderer zu stellen und ihre Sichtweise nachzuvollziehen. Empathie und Mitgefühl sind die Grundlagen für wertschätzende Beziehungen, persönliches Wachstum, Zusammenarbeit, Demokratie und eine friedliche Gesellschaft.
Empathie und Mitgefühl fördern die eigentlich menschlichen Qualitäten in uns, die unser Leben lebenswert machen: konstruktive, beglückende zwischenmenschliche Wechselwirkungen in Freizeit, Familie und am Arbeitsplatz.
Doch Mitgefühl und Empathie gehen partiell, situativ und in Extremfällen für immer verloren, wenn die körperlichen und die existenziellen sozialen Bedürfnisse von Menschen missachtet werden.

Wie Mitgefühl und Empathie durch Innere Friedenskonferenz und Meditation wiedergefunden und gestärkt werden können, ist Thema dieses Blogbeitrags.

Die Bedeutsamkeit von Empathie und Mitgefühl

Neben dem Dalai Lama hat sich in der Öffentlichkeit vielleicht kaum ein anderer Zeit seines Lebens mehr zum Anwalt von Empathie und Mitgefühl gemacht, als der aus Nazideutschland geflüchtete Jude und in Zürich niedergelassene Psychoanalytiker Arno Gruen.1 Zur Einstimmung und Erinnerung an den 2015 im Alter von 92 Jahren Verstorbenen, ein kurzer Filmbeitrag über die Bedeutsamkeit von Empathie und Mitgefühl.

Empathie, Mitleid und Mitgefühl

Empathie ist die Grundlage von Mitgefühl. Durch Empathie können wir uns in andere Einfühlen. Unsere Empathiefähigkeit ist ein Stück weit genetisch bedingt. Es gibt Menschen, die sich stärker in andere Einfühlen können als andere. Doch die Empathiefähigkeit kann aufgrund der Neuroplastizität entwickelt und verbessert werden! (Zu Neuroplastizität – siehe diesen Blogbeitrag.)

Mitleid verstehe ich hier als Fähigkeit, das Leid und den Schmerz anderer empathisch nachvollziehen zu können. Falls wir dabei nicht in der Lage sind uns stufenweise abzugrenzen – und dabei können die Grenzen dicker oder dünner sein – kann es sein, dass wir im Mitleid mit anderen ertrinken. Daher ist es auch wichtig, sich vom Mitleid mit anderen ein Stück weit desidentifizieren zu können, sei es beispielsweise durch Meditation oder Innere Friedenskonferenz. Mitleid kann mitfühlende Handlungen motivieren und ist daher eine wichtige Fähigkeit, ebenso wie etwa die Mitfreude.

Mitgefühl ist für mich hier die Fähigkeit, die Sache oder das Anliegen einer anderen Person zum eigenen Anliegen zu machen, um die Situation der anderen Person zu verbessern. So können wir beispielsweise das Leid eines anderen empathisch mitleidend innerlich nachvollziehen und ihm/ihr danach Mitgefühl verbal oder non-verbal rüber reichen und unterstützend und helfend für sie da sein.

Empathisches Verstehen unterscheidet sich vom kognitiven Verstehen anderer Menschen. Es handelt sich hierbei um unterschiedliche neuronale Netzwerke. Kognitives Verstehen der Innenwelten anderer ist ein gedanklicher Vorgang, bei dem wir Hypothesen über die Innenwelten anderer bilden. Man spricht auch von Perspektivenübernahme oder Theory of mind. Psychopathen beispielsweise verfügen über viel kognitives Verständnis der Innenwelt anderer, jedoch kaum über Empathie und Mitgefühl.
Empathie hingegen ist unmittelbares, emotionales Mit- und Nachempfinden der Gefühle anderer. Kognitives und empathisches Verstehen sind gleichermassen wichtig und bedingen einander wechselseitig für mitfühlende Reaktionen.

Neuronale Grundlagen von Empathie

Spiegelneuronen haben die Empathieforschung motiviert. Spiegelneuronen sind Neuronen im Gehirn, die feuern, wenn wir das motorische Verhalten anderer Menschen beobachten. Sie spiegeln das Verhalten anderer, ohne das in uns eine Bewegung ausgelöst wird. Dieses Prinzip, so sagen manche Forscher, funktioniert so auch für den Bereich der Gefühle. Daher halten viele die Spiegelneuronen für eine wichtige Grundlage der Empathie.

Wie Tania Singer und ihre Mitarbeitenden vom Max Plank Institut herausgefunden haben, geht die Empathie aber auch wesentlich über die Insula. 2 Das ist ein Gehirnbereich, der für die Wahrnehmung des eigenen Körpers zuständig ist. Um nachempfinden zu können, was andere fühlen, müssen wir in der Lage sein, zu fühlen, was wir in uns fühlen und welche Emotionen wir haben. Empathie geht also über die Insula und damit über die eigenen Körperempfindungen! Menschen, die nicht wissen, was sie fühlen und empfinden, in der Fachsprache nennt man dieses Phänomen „Alexithymie“, haben eine Minderaktivierung der Insula und das geht einher, so fanden die Forscher heraus, mit einem Mangel an Empathie. Menschen, die unter Alexithymie leiden haben auch kaum ein Vokabular für innere Zustände.

Fazit

  • Wenn wir Empathie und Mitgefühl entwickeln wollen, müssen wir erst verstehen, uns selbst zu verstehen, d. h. unsere eigenen Gedanken, Gefühle und Empfindungen!

Und genau dies geschieht in der Inneren Friedenskonferenz! Das empathische Nachempfinden und kognitive Verstehen können der Innenwelt anderer Menschen verläuft in der IFK sowohl über das kognitive als auch und vor allem über das emotional-körperliche Verstehen der eigenen Inneren Anteile mit ihren Gefühle und Empfindungen. Indem wir uns selbst und unsere inneren Anteile auf diese Weise verstehen und kennen lernen, können wir die Teilpersönlichkeiten anderer Menschen verstehen. In der IFK arbeiten wir immer anhand konkreter Situationen aus dem Alltag eines Klienten/einer Klientin. IFK verbessert unsere Empathiefähigkeit und unser empathisches und kognitives Verständnis fremder Innenwelten. Und in Kombination mit Zen-Meditation und Mitgefühlspraxis kann sich dieses Verständnis zusätzlich vertiefen.

Verlust von Empathie und Mitgefühl

Wenn körperliche oder soziale Grundbedürfnisse missachtet werden

Mitgefühl kann bereits in der Kindheit – aber auch später im Leben – partiell und situativ oder dauerhaft verloren gehen, wenn die körperlichen Grundbedürfnisse nach Unversehrtheit, Zuwendung, Wärme, Schutz und die grundlegenden sozialen Bedürfnisse eines Menschen missachtet werden. Mit allen sozialen Lebewesen teilen wir soziale Grundbedürfnisse wie

  • sich zum Ausdruck zu bringen,
  • sich wahrgenommen zu fühlen,
  • dass eine, bei kleinen Kindern liebende, später vor allem wertschätzende, situativ passende Wechselwirkung entsteht,
  • durch die wir uns als wirkungs- und bedeutungsvoll erleben.

Wenn diese essentiellen sozialen Grundbedürfnisse missachtet werden, wird das Schmerzzentrum des Gehirns genauso aktiviert, wie bei der Zufügung von körperlichen Schmerzen. Wenn Kinder in ein Elternhaus hineingeboren werden, in welchem Mutter und Vater bereits erhebliche emotionale Probleme haben und selbst wenig Liebe, Zuwendung und Vertrauen mitbekommen haben, kann es sein, dass sie nicht in der Lage sind, auf die essenziellen sozialen Grundbedürfnisse ihrer Kinder einzugehen. Es kann dann zu körperlicher und psychischer Gewalt kommen, emotionaler Vernachlässigung, einem inkonsistenten Erziehungsstil, bei dem Strafe und Zuwendung beispielsweise nicht klar getrennt werden und willkürlich sind. Das sind schlechte Voraussetzungen, um emotionale Stabilität zu entwickeln. Kinder machen dann schmerzvolle Erfahrungen, die mit Gefühlen wie Ohnmacht, Hilflosigkeit, innerer Leere, Scham, Schuld, Peinlichkeit, u. ä. einhergehen.

Hart arbeitende Teilpersönlichkeiten als Copingstrategien

Um nicht von solchen schmerzvollen Gefühlen und entsprechenden körperlichen Empfindungen überschwemmt zu werden, bilden Menschen – meist in der Kindheit, aber auch als Jugendliche und Erwachsene – gewisse Seiten, Teilpersönlichkeiten in sich besonders prägnant aus. Diese Teilpersönlichkeiten beinhalten die Copingstrategien, die es uns erlauben, nicht von unangenehmen Zuständen überschwemmt zu werden und in ihnen stecken zu bleiben, sondern wieder handlungsfähig zu sein. Der Preis dafür kann der partielle, situative oder – bei starken Traumatisierungen – der lebenslange Verlust von Empathie und Mitgefühl sein.

Man kann diese besonders gut ausgeprägten, dominanten Seiten auch als „Managerteile“ oder „primäre Teilpersönlichkeiten“ bezeichnen. Sie schützen uns vor schmerzhaften Seiten in uns, vor Handlungsunfähigkeit. Manchmal sind es auch Copingstrategien, wie im Falle von besonders gravierenden Traumatisierungen, um Situationen zu überleben.

Es gibt unzählig viele mögliche Seiten oder Teile in uns, die als Reaktion auf unangenehme, unaushaltbare, leidvolle innere Zustände entstehen können. Hier nur ein paar Beispiele.

Der innere Aggressor/die innere Aggressorin

Schon Arno Gruen hat immer wieder darauf aufmerksam gemacht: Wenn Mütter und Väter nicht in der Lage sind, ihre kleinen Kinder empathisch zu spiegeln, wenn Erwachsene, die ein Kind eigentlich schützen sollten, es in seinen körperlichen und sozialen Grundbedürfnissen missachten und ausbeuten, so dass es von einer immensen Angst, Ohnmacht und Hilflosigkeit und einer inneren Leere heimgesucht wird. Dann kann es dazu kommen, dass das Kind sich mit dem äusseren Aggressor identifiziert und beginnt, die Seiten in sich selbst abzulehnen, welche der Aggressor ablehnt. Es findet in dieser Identifikation mit dem Aggressor, so paradox es klingt, Gefühle der Geborgenheit und die Möglichkeit, seinen lebensfeindlichen, schrecklichen inneren Zuständen zu entkommen. Der äussere Aggressor wird so zu einer Teilpersönlichkeit des Kindes, zu einem inneren Aggressor. Dies kann mit einem Verlust der Empathie einhergehen in Bezug zu den eigenen leidhaften Anteilen und in Bezug auf die leidhaften Anteile in anderen Menschen. Die eigene leidhafte Seite wird in die Verbannung geschickt und wann immer einem Hilflosigkeit und Ohnmacht bei anderen begegnet, wird die Teilpersönlichkeit aktiv, die dominant ausgebildet worden ist, um dem Kontakt mit den eigenen verletzten Anteilen zu entkommen: der innere Aggressor. Herabsetzung, Bestrafung, Gewalt gegen sich selbst und andere, die Solidarisierung mit anderen Gewalttätern und Gewalt, die von Gruppen ausgeht, kann daraus hervorgehen.

Der innere Perfektionist/die innere Perfektionistin

Hat sich ein Kind als „nie gut genug“ erfahren. Hat es die Ansprüche und Massstäbe der Eltern als unglaublich hoch erlebt und konnte es ihnen nie genügen, kann es sein, dass es ein tiefgreifendes Gefühl der Minderwertigkeit erlebt. Auch in diesem Fall wurden die existenziellen sozialen Bedürfnisse des Kindes missachtet. Um nun nicht von diesen Gefühlen des Ungenügens und nie genügen Könnens und des sich abgelehnt und ausgegrenzt Fühlens überschwemmt zu werden, internalisiert es die Erwartungen der engsten Bezugspersonen und erhebt sie zu seinem persönlichen Masstab. Die innere Perfektionistin/der innere Perfektionist entsteht. Die Hoffnung lautet: durch den eigenen Perfektionismus von den Eltern gesehen und gewertschätzt zu werden und sich als wirkungs- und bedeutungsvoll für sie zu erfahren. Doch zuweilen wird sie nie erfüllt. Auch hier gilt: wie innen so aussen. Die internalisierte perfektionistische Seite kann sich gegen uns selbst als auch gegen andere wenden. In der Arbeit können wir von anderen fordern, dass sie genauso hart, schnell, und perfekt arbeiten, wie wir selbst und wir können ärgerlich und verurteilend werden, wenn sie dies nicht tun. Empathie und Mitgefühl mit uns selbst, d. h. mit unseren eigenen leidvollen Seiten und deren Botschaft und denjenigen der anderen, bleiben in diesen Momenten und Situationen auf der Strecke.

Der/Die Rationale/DenkerIn

Einerseits gibt es Menschen, C. G. Jung nannte sie „Denker/innen-Typen“, bei denen das Denken und gedankliche Durchdringen, die rationale Analyse stark ausgebildet ist. Andererseits kann sich eine rationale Seite stärker ausbilden, als Reaktion auf die Missachtung körperlicher und sozialer Grundbedürfnisse. Auch dabei werden schmerzvolle Erlebnisse und Erfahrungen verbannt. Solche Menschen neigen dazu, zwischenmenschliche Konflikte und Probleme, bei denen sie sich verletzt fühlen könnten, rein rational und sachlich anzugehen. Mit Emotionen und persönlichen Verletzungen oder Schmerzen sind sie in solchen Situationen nicht in Kontakt. Manchmal sind sie aber sehr gut im kognitiven Verstehen von sich selbst und anderer Menschen, im Abschätzen von Bedürfnissen, Wünschen und der zwischenmenschlichen Wechselwirkungen. Man kann dann auch von einer psychologisierend analytischen Seite sprechen. Was dabei aber fehlt oder auf der Strecke bleibt, ist der Kontakt zu ihrer eigenen Verletzlichkeit sowie das persönliche Betroffensein durch Schicksale anderer Menschen. Sie fallen auf durch eine gewisse kühle, nüchterne, fast unbeteiligte Distanziertheit. Auch in solchen Fällen kann also Empathie und Mitgefühl für sich selbst und andere partiell verloren gehen, gerade in den Momenten, in denen es angebracht wäre, auf die Botschaften von verletzlichen Seiten hören zu können.

Eine Seite, die es allen recht machen möchte

Wenn es einem Kind verwehrt worden ist, eigene Wünsche und Bedürfnisse zu entwickeln oder wenn es bezüglich seiner Wünsche und Bedürfnisse ständig eines besseren belehrt und korrigiert worden ist oder wenn es nur dann Zuwendung erhalten hat, wenn es Dinge für andere erledigt hat, dann kann es sein, dass es eine Seite entwickelt, die es allen anderen recht machen möchte. Der Schmerz darüber, dass die eigenen Wünsche und Bedürfnisse bedeutungslos sind für die Umwelt, wird kompensiert, indem die Wünsche der anderen als wichtiger gelten. Das eigene Selbstwertgefühl kann dadurch angegriffen sein. Auch in diesem Fall gehen Empathie und Mitgefühl für die eigenen schmerzvollen Seiten verloren und damit auch das Wissen über und der Kontakt mit den eigenen Wünschen und Bedürfnissen.

Zwischenmenschliche Wechselwirkungen

Dies sind nur ein paar Beispiele für hart arbeitende Managerteile, resp. primäre Seiten, die sich schützend vor verletzte Anteile stellen. Meist haben wir nicht nur eine Seite, die sich um die verletzten Anteile kümmert, sondern ein ganzes Team von Anteilen, wie beispielsweise: eine aggressive Seite, eine Seite, die versucht, perfekt zu sein, eine, die Verantwortung trägt, eine rebellische Seite und eine übertrieben kompetitive.

Empathie und Mitgefühl gehen in konkreten Situationen verloren, wenn Menschen miteinander in Wechselwirkung sind. Hier ein Beispiel:

Nicht-empathische und nicht-mitfühlende Wechselwirkungen

Christine kommt nach einem stressvollen Arbeitstag nach Hause, betritt die Wohnung und sagt im vorwurfsvollem Ton ihrer inneren Kritikerin: „Die Küche sieht ja wieder aus! Was für ein Chaos!“ Frank, der früher von der Arbeit heim gekommen ist und bereits die Wäsche aus der Waschküche geholt hat und sich auf Christine`s Willkommenskuss gefreut hat, fühlt sich schuldig. In ihm aktiviert sich eine verletzte Seite mit der Überzeugung: „Sie wertschätzt mich nicht, sie macht mir Vorwürfe und ich bin schuld!“ Er kennt dieses Gefühl aus seiner Vergangenheit. Es hat mit seiner Geschichte zu tun. Doch er bleibt nur einen Moment lang bei diesem unangenehmen Zustand und wechselt schnell in eine dominante Seite, ein Managerteil, das ihn vor solchen unangenehmen Gefühlen schützt. Je tiefer eine solche Verletzung, desto vehementer kann das reaktive Teil, das sich schützend vor sie stellt, darauf reagieren. Sein innerer Rebell sagt in ärgerlichem Ton: „Weisst Du was, ich habe Wichtigeres zu tun. Wenn Dir so viel daran liegt, machs doch selbst!“ Der innere Rebell hilft ihm, sich nicht mehr schuldig zu fühlen und er fühlt sich auch weniger verwundbar und weniger Abhängig von Christines Zuwendung. Christine wiederum fühlt sich abgeschmettert, nicht gehört und nicht ernst genommen. Überdies sind solche Situationen schon öfter in ihrer Beziehung vorgekommen und um nicht mit ihrer eigenen verletzten Seite, die sich nicht gehört und nicht wahrgenommen fühlt in Kontakt sein zu müssen, geht sie ihrerseits in eine Teilpersönlichkeit, die sie vor ihrem eigenen Schmerz beschützt. Sie hat eine dominante Seite, der Ordnung und Struktur wichtig sind, um sich wohl zu fühlen und nicht das Gefühl zu haben, von Chaos überschwemmt zu werden. Diese strukturierte, ordentliche Seite sagt ärgerlich: „Ich fühle mich hier nicht wohl und Du hast mir vergangene Woche versprochen, dass Du dich bemühst, dass die Küche aufgeräumt ist.“ Etc… Dieses Gespräch könnte auf diese Weise endlos weiter gehen und sich mehr und mehr hochschaukeln.

Empathische und mitfühlende Wechselwirkungen

Was hierbei offensichtlich ist: beide sind, wenn überhaupt, nur ganz kurz in Kontakt mit ihren unangenehmen, verletzten Anteilen. Sie wechseln schnell wie der Blitz in ihre stark ausgeprägten Managerteile, die sich schützend vor die verletzten Teile stellen.

Wären sie mit ihren verletzten Seiten und ihren Managerteilen besser in Kontakt, bestünde die Möglichkeit, mitfühlend mit sich selbst und dem anderen umzugehen.
Angenommen Frank fühlt sich schuldig. Wäre er in gutem Kontakt mit dieser Seite und wäre sie ihm wohl bekannt, könnte er sich in dieser Situation davon desidentifizieren und zu sich sagen: „Oh, ich fühle mich grade schuldig. Das fühlt sich nicht gut an! Aber ich kenne diese Seite in mir gut und kann mich davon desidentifizieren.“ Wenn das also so wäre, könnte er in eine mitfühlende Seite in sich wechseln und beispielsweise zu Christine sagen: „Ja, du hast recht, hier herrscht ein Durcheinander und ich höre grade, dass es Dir damit nicht wohl ist und gleichzeitig merke ich, dass ich mich gerade ein wenig schuldig fühle.“ In diesem Fall könnte es sein, dass Christine sich empathisch wahrgenommen fühlt. (Letztlich bestimmt bekanntlich immer der Empfänger die Bedeutung der Botschaft!) Wäre Christine nun wiederum in der Lage, ihre ordnungsliebende Seite als dominante Teilpersönlichkeit in sich zu gut zu kennen, die sie vor chaotischen Gefühlen beschützt, mit denen sie gelernt hat, in Kontakt zu sein, könnte auch sie sich davon desidentifizieren und sich eine mitfühlende Reaktion erlauben: „Oh, war ich grad ein bisschen heftig, als ich hier rein gekommen bin? Tut mir leid. Ich wollte Dich nicht kritisieren, aber du weisst ja, wie ordnungsliebend ich zuweilen bin und mein Tag war stressgeladen…“ und so könnte sich aufgrund der Kenntnis der eigenen dominanten Seiten und der verletzen Persönlichkeitsanteile ein Gespräch viel mitfühlender, offener, gelassener, friedlicher und konstruktiver gestalten.

Empathische, mitfühlende, konstruktive Reaktionen trainieren

Das menschliche Gehirn ist plastisch, d. h. veränderbar. Auch Empathie, Mitgefühl, friedliche und konstruktive Wechselwirkungen sind trainierbar!

Material: Ein Blatt Papier und ein Stift, der Computer geht auch. Beantworte der Reihe nach die folgenden Fragen.

1. Überlege Dir eine Situation, in welcher sich eine andere Person hilflos, schwach 
oder verletzt gefühlt hat und Du Dich nicht empathisch und mitfühlend verhalten hast.

Hier als Anregung ein paar Beispiele für nicht empathisches und nicht mitfühlendes Verhalten: Man wird laut und redet nur von sich oder gibt Ratschläge, was der andere jetzt tun sollte. Man ist beleidigt und bezieht die Schwäche oder Hilflosigkeit der anderen Person auf sich. Man reagiert mit Rückzug oder Nichtbeachtung, sieht weg, entfernt sich vom Ort des Geschehens. Man überdeckt die eigene Hilflosigkeit mit Ironie. Man reagiert ablehnend oder verletzend…

… Nimm dir ausreichend Zeit für die Beschreibung der Situation …

2. Auf welche Art und Weise hast Du in dieser Situation reagiert? Was waren Deine Ge-  danken? Was waren Deine Gefühle? Welchen Namen würdest Du dieser/diesen Seiten in Dir 
geben?

… Nimm Dir ausreichend Zeit dafür …

3. Seit wann gibt es diese Seite in Dir? Was sind deine frühsten Erinnerungen? Fällt 
Dir vielleicht sogar eine Situation ein, in welcher andere auf dieselbe Art und Weise 
auf Dich reagiert haben, als Du Dich einmal schwach und hilflos gefühlt hast?

… Nimm Dir ausreichend Zeit dafür …

4. Wie könntest Du in der unter 1. beschriebenen Situation empathisch und mitfühlend 
mit Dir selbst und der anderen Person umgehen?

… Nimm Dir ausreichend Zeit dafür …

Durch IFK lassen sich kognitive und empathische Aspekte von Mitgefühl sich selbst und anderen gegenüber trainieren. Durch Zen und Metta-Meditation – die Praxis liebevoller Güte – lassen sich diese Fähigkeiten verstärken. Davon handelt der kommende Blogbeitrag.

Show 2 Footnotes

  1. Siehe: Arno Gruen: Der Verlust des Mitgefühls. Über die Politik der Gleichgültigkeit. dtv, München 1997. Ders.: Dem Leben entfremdet. Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden. Klett-Cotta, Stuttgart 2013. Ders.: Wider die kalte Vernunft. Klett-Cotta, Stuttgart 2016. Ders.: Die politischen Konsequenzen der Identifikation mit dem Aggressor. Das Bedürfnis, bestrafen zu müssen. In: Behinderte in Familie, Schule und Gesellschaft. Verein „Initiativ für Behinderte Kinder und Jugendliche“, Graz, 1/2000. Ders.: Die Konsequenzen des Gehorsams für die Entwicklung von Identität und Kreativität. Vortrag am 12. April 2003 im Rahmen der 53. Lindauer Psychotherapiewochen 2003.
  2. Siehe: Bernhardt, Boris T., Singer, Tania: The Neural Basis of Empathy, in: Annual Review of Neuroscience, Vol. 35: 1-23 (July 2012) DOI: 10.1146/annurev-neuro-062111-150536

2 Gedanken zu „Verlust und Wiedergewinnung von Mitgefühl

  1. Karin Dürsteler

    Hoi Peter

    Danke, dass Du so produktiv schreibst und die wichtigsten Themen unserer Zeit aufnimmst!!!
    Ich hoffe, dass jeder stete Tropfen, der bestimmt von vielen Menschen ausgesandt wird, sich irgendwann in einem Fluss von Mitgefühl wiederfinden wird!

    Ich durfte letzten Freitag im Hallenstadion die Belehrungen des Dalai Lama geschenkt bekommen.
    Altruismus und Mitgefühl waren ein grosses Thema!

    Danke und bis bald!
    Herzlich
    K.

    Antworten
    1. Peter Beitragsautor

      Gern geschehen Karin! Ich finde das sind wichtige Themen unserer Zeit, von denen mehr Menschen Notiz nehmen sollten!
      Ja! Der Dalai Lama ist ein goldener Streifen am Horizont, der für Mitgefühl und Altruismus steht. Ein Zen-Koan könnte lauten: „Wer ist der Dalai Lama?“;-)
      Danke für Deine Rückmeldung!
      P.

      Antworten

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