Der reine Beobachter im EEG

Autor: Peter Widmer

Swayambhunath - ancient religious complex in the Kathmandu Valley. It is known as the Monkey Temple as there are rhesus monkeys living in it.

Der reine Beobachter im Zen

Der innere Zustand, resp. die Teilpersönlichkeit des sog. reinen Beobachters kann in der Zen-Meditation entwickelt und kultiviert werden. Bei Langzeitmeditierenden hat sich der reine Beobachter mehr und mehr im Alltag, im Schlaf, Tiefschlaf und im REM-Traumschlaf etabliert. Meditationsforscher zeigen, wie diese Teilpersönlichkeit des reinen Beobachters sich im EEG äussert.

Der reine Beobachter

In der Zen-Meditation und anderen Meditationstraditionen kennt man die Erfahrung des sog. reinen Beobachters.1 Reines Beobachten ist ein Zustand vollkommener Präsenz. Dabei sind die Formkräfte des Bewusstseins, d. h. die Persönlichkeitsanteile, welche unseren Alltag prägen, vom Vordergrund unserer „Lebensbühne“ in den Hintergrund, man könnte auch sagen: in die „Garderobe“ unseres Lebenstheaters, abgetreten. Im Vordergrund unseres Bewusstseins breitet sich eine

  • innere Stille aus, ein
  • reines Bewusstsein oder reine Bewusstheit, manchmal wird auch vom
  • SELBST im Unterschied zu unseren Teilpersönlichkeiten oder vom
  • Zeugenbewusstsein gesprochen, vom nicht-dualen Bewusstsein oder eben vom
  • reinen Beobachter.

Wie kultivieren wir in der Zen-Meditation den reinen Beobachter?

Viele Wege führen bekanntlich nach Rom. Im Zen – und anderen Meditationstraditionen – lassen sich hierfür zwei Meditationsformen unterscheiden:

Obwohl sich diese beiden Übungsweisen hinsichtlich der Art der Aufmerksamkeitsausrichtung und der Übungspraxis unterscheiden, konvergieren sie im Laufe der Zeit in der Erfahrung und Entwicklung reiner Bewusstheit resp. des reinen Beobachters.2

Der reine Beobachter kann unterschiedlich intensiv, resp. “tief” erlebt werden. Je intensiver, resp. “tiefer”, desto mehr treten die formgebenden Strukturen des Alltagsbewusstseins in den Hintergrund der Aufmerksamkeit, resp. werden diese Strukturen/Teilpersönlichkeiten vorübergehend vergessen. Mit anderen Worten: der reine Beobachter ist nicht ein unveränderlicher Zustand, sondern ein offener Prozess mit unterschiedlichen Graden an Tiefe und Intensität. Daher kann er anschliessen an alltägliche Bewusstseinszustände und an diejenigen Teilpersönlichkeiten, die in einer bestimmten Alltagssituation gerade im Vordergrund stehen.

Von einigen Meditationsanfängern wird der reine Beobachter während der regelmässigen, täglichen Zenpraxis und dann auch im Alltag erlebt und in Meditationsretreats, sog. Sesshins wird dieser Zustand vertieft erfahrbar und kultivierbar. Bei Mittel- und Langzeitmeditierenden zeigt sich der reine Beobachter zunehmend im Alltag, aber dann auch im Schlaf, Tiefschlaf und im Traumschlaf. Als Zen-Lehrer kenne selbst solche Erfahrungen. Zudem berichten mir Kursteilnehmende in den im Zen üblichen Einzelgesprächen wiederholt davon.

Meditation verändert EEG und MEG

Die Elektroencephalographie (EEG) erfasst elektrische Ströme (sog. Potentialveränderungen) des Gehirns. Dabei wird die elektrische Aktivität von Hirnzellen, die an der Kopfhaut abgeleitet wird, graphisch aufgezeichnet. Nahe verwandt ist die Magnetoenzephalographie (MEG). Hierbei wird die magnetische Aktivität des Gehirns gemessen, welche durch die elektrische Aktivität aktiver Nervenzellen verursacht wird.

Seit Jahrzehnten werden EEG- und MEG-Untersuchungen an Meditierenden vorgenommen, die zeigen, dass Meditation das EEG/MEG nachhaltig bis in die Schlafarchitektur hinein verändern kann – was wiederum auf eine nachhaltige Veränderung verschiedenster Gehirnstrukturen durch Meditation hinweist. (Siehe dazu meine anderen Beiträge – insbesondere diesen)

Ken Wilber stoppt seine Gehirnwellen im EEG

Ein kleines, anschauliches Beispiel hier im folgenden Film, in dem Ken Wilber durch verschiedene Meditationsformen die EEG-Werte eines einfachen Elektroencephalographen verändert und diese Veränderungen kommentiert. Erwähnenswert bei diesem kleinen Selbstversuch ist, dass es Wilber stellenweise gelingt, sämtliche Gehirnwellenaktivität nahezu vollkommen zu stoppen.

Mehr dazu und etwas ausführlicher im Folgenden.

Das EEG

Im EEG wird unterschieden zwischen

  • Delta-Wellen (1-3 Hz)

    Quelle dieser und der folgenden Grafiken: Hugo Gamboa – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0

    Typisch für traumlosen Tiefschlaf oder im Wachzustand bei Säuglingen, bei Erwachsenen bei Hirnläsionen (Hirntumoren, Hirnblutungen, Hirninfarkten), bei Temporallappen-Epilepsien, aber auch bei gewissen Meditationszuständen.

  • Theta-Wellen (4-7 Hz)
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    Im Wachzustand bei Kleinkindern physiologisch, bei Hirnläsionen Erwachsener, aber auch bei Schläfrigkeit, in der Einschlafphase und leichten Schlafphasen, sowie bei gewissen Meditationszuständen und bestimmten kreativen Zuständen.
  • Alpha-Wellen (8-13 Hz)
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    Bei Entspannungszuständen, autogenem Training, in der Regel mit geschlossenen Augen – auch mit offenen Augen während der Zen-Meditation.
  • Beta-Wellen (14-30 Hz)
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    Wachzustand tags hindurch, offene Augen, Denkprozesse, in Träumen.
  • Gamma-Wellen (> 30 Hz)
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    Bei starker Konzentration, Lernprozessen, Metakognition und auch bei gewissen Meditationen sowie während des luziden Träumens.

Das EEG in der Meditationsforschung

Was wir aus den EEG Forschungen wissen ist, dass die EEGs unterschiedlicher Menschen unterschiedlich sind, dass EEGs eines einzelnen Menschen zu verschiedenen Zeiten und Kontexten unterschiedlich sein kann. Meditation ist nicht ein unveränderlicher Zustand, sondern ein innerer Prozess, der einher geht mit einer Reihe beobachtbarer, dynamischer, physiologischer Veränderungen. Daher ist es nicht erstaunlich, dass EEG- und MEG-Untersuchungen Meditierender unterschiedlicher Traditionen und unterschiedlicher Menschen in diesen Traditionen sehr unterschiedlich sein können.
Nichts desto trotz haben einige Forscher aus der Vielzahl der Arbeiten allgemein nachweisbare EEG-/MEG-Muster ausfindig machen können, die in unterschiedlichsten Meditationstraditionen nachweisbar sind.3

Alpha-Wellen und der reine Beobachter während der Meditation

Der am meisten nachgewiesene Effekt von Meditation in der Mehrzahl der EEG-Untersuchungen Meditierender unterschiedlichster Meditationstraditionen ist Zunahme von Alphawellenaktivität (8-13 Hz), vor allem über den frontalen Regionen des Gehirns. Zudem wurde eine höhere Kohärenz der Alphawellen bei Meditierenden festgestellt. „Kohärenz“ beschreibt, wie gleichförmig sich die EEG-Aktivität über die gesamte cerebrale Oberfläche darstellt. In neueren Untersuchungen konnte zudem festgestellt werden, dass Unterschiede in der Alphapower zwischen der rechten und linken Gehirnhälfte bei Meditierenden bestehen. Dies sind die ersten im EEG messbaren Veränderungen, die sowohl bei Meditationsanfängern als auch bei Fortgeschrittenen und Langzeitmeditierenden feststellbar sind. Diese messbaren EEG-Veränderungen entsprechen folgenden inneren Erfahrungen.

  • Vermehrtes Alpha entspricht der intensivierten Konzentration. Bei Zen-Praktizierenden konnte dies sowohl während Sitz- als auch während Gehmeditationen gemessen werden.
  • Die starke und anhaltende Alpha-Kohärenz entspricht der zunehmenden Klarheit der Erfahrung und der damit einhergehenden Reduktion der Atmung.
  • Die signifikante Reduktion in der linksseitigen anterioren Alphapower bei Meditierenden entspricht der Zunahme angenehmer Gefühle während der Meditation.

Vermehrtes Alpha, Alpha-Kohärenz und Reduktion der linksseitigen anterioren Alphapower während der Meditation können also als Ausdruck des reinen Beobachters betrachtet werden.4

Erhöhtes Theta während der Meditation

Auch aus der Forschung an Zen-Meditierenden und Meditierenden in anderen Meditationstraditionen ist bekannt, dass erhöhtes Alpha zusammen mit erhöhten Theta Wellen während der Meditation einher geht, vor allem in den frontalen und parietalen Regionen des Gehirns. Dies geht zugleich einher mit einem erhöhten Tonus des Vagus-Nervs (siehe dazu meinen Blogbeitrag über den Vagus-Nerv)

Erhöhtes Alpha und Theta ist charakteristisch für den Übergang vom Wachsein in den Schlaf. Es wurde spekuliert, ob dies lediglich die Müdigkeit Meditierender reflektiere, die mit der Entspannungsantwort des parasympathischen Systems einher gehe und das Verwickelt sein in Tagträumen während der Meditation. Einige Meditationsforscher fanden jedoch Thetaaktivität in Form von bestimmten Theta-Explosionen, resp. Theta-Züge bei Meditierenden, gefolgt von Alpha Rhythmen, die sich von der Thetaaktivität Einschlafender klar unterscheiden.

Einige Forscher folgern, dass Meditierende länger in diesem Zwischenreich zwischen Wachsein und Schlaf ihre Aufmerksamkeit aufrecht erhalten können, als Nicht-Meditierende. Dies ist überdies eine wichtige Fähigkeit, um ins luzide Träumen zu gelangen! Man spricht hierbei auch von sog. hypnagoger Luzidität. Hypnagoge Luzidität bedeutet, mit wachem, rein beobachtenden Bewusstsein, die sog. hypnagogen Bilder während des Einschlafens bewusst mitzuerleben und so bewusst in den Schlaf hinüber zu gleiten.

  • Geübten Meditierenden gelingt es, ihre Aufmerksamkeit und Wachheit auch während tiefster Entspannung aufrecht erhalten zu können.

Erhöhte Gammaaktivität während der Meditation

Bei Langzeitmeditierenden mit 20 und mehr Jahren Meditationserfahrung zeigt sich erhöhte Gammaaktivität. Es kann jedoch durchaus sein, dass Gammaaktivität sich auch während intensiven Meditationszeiten partiell einstellt, bei denen ein hoher Aufmerskamkeitsfokus und eine hohe Wachheit erreicht wird, insbesondere, aber womöglich nicht ausschliesslich, während Metta-Meditationen, die mit erhöhten Emotionen liebevoller Güte und Visualisierungen durchgeführt werden.

Bereits vor der Meditation wurde bei Langzeitmeditierenden erhöhte Gammaaktivität festgestellt.5 Während der Meditation waren die Langzeitmeditierenden in der Lage, die Gammaaktivität durch ihre Meditation drastisch zu erhöhen. Dabei wurde festgestellt, dass die Gamma-Phasen erhöht synchron verliefen.

  • Erhöhte synchronisierte Gammaaktivität steht in Zusammenhang mit erhöhter Neuroplastizität. Damit sind bei Langzeitmeditierenden optimale Bedingungen geschaffen für Lernen und die Bildung neuer neuronaler Verknüpfungen. 6

Alpha-Wellen und der reine Beobachter im Alltag

In einer Studie wurden die EEGs von 17 Langzeitmeditierenden mit 17 Kurzzeit-Meditierenden und 17 Nicht-Meditierenden verglichen, welche einfache Auswahl- und Reaktionszeit-Tests durchführten.7 Die Langzeitmeditierenden zeigten dabei die grösste Alpha Amplitude und die grösste Alpha-Kohärenz während diesen herausfordernden Aufgaben. Dies, so die Forscher, legt nahe, dass die jahrelange Meditationspraxis sich auf alltägliche Anforderungen wie das Reagieren auf Dinge und Auswählen auswirkt. Der reine Beobachter ist auch im Alltag präsent.
Die Versuchsteilnehmer absolvierten zudem eine Serie von psychologischen Tests, bei welchen die Innen-/Aussen Orientierung, moralisches Argumentieren, emotionale Stabilität, Angst und verschiedenste Persönlichkeitszüge untersucht wurden. Ein Bewusstheits-Faktor wurde analysiert und analog zum Intelligenz-Quozienten definiert. Es zeigte sich, dass die Langzeitmeditierenden

  • einen signifikant höheren Bewusstheits-Faktor erreichten, als die Kurzzeit- und die Nicht-Meditierenden.
  • Die Orientierung der Langzeitmeditierenden war mehr nach innen gerichtet,
  • sie zeigten spätere Stufen des moralischen Argumentierens, als die beiden Vergleichsgruppen und waren
  • emotional stabiler und angstfreier.

Der reine Beobachter – vom unmittelbaren Objekt- zum Subjekt-Bezug

Man kann die Film-Metapher verwenden, um den sich im Alltag entwickelnden reinen Beobachter zu verdeutlichen. Wenn wir uns im Kino einen Film anschauen, sind die meisten von uns „verloren“ in der Filmhandlung. Wir werden mitgerissen von den Handlungen, Emotionen und Gedanken der im Film auftretenden Schauspieler und deren Interaktionen. Dies ist der unmittelbare „Objekt-Bezug“, der auch unseren Alltag über weite Strecken hindurch bestimmt. Die Entwicklung und Kultivierung des reinen Beobachters während der Meditation überträgt sich – nachweisbar durch solche und ähnliche EEG-Untersuchungen – auf unseren Alltag und verändert unsere filmartige Alltagserfahrung. Subjektiv erwachen wir zu unserer Innenwelt, indem wir den reinen Beobachter in unserem Alltag entwickeln. Nach wie vor haben wir die Möglichkeit, den Film vergnüglich zu betrachten, können uns selbst jedoch aufgrund des reinen Beobachters zu uns selbst und zum „Film“, der ausserhalb von uns abläuft, freier, aktiver und gestaltender verhalten.

Der reine Beobachter im Leicht-, Tief- und Traumschlaf – Hinweise im EEG

Aus eigenen Erfahrungen kenne ich den Zustand sehr gut, in einer leichteren oder tieferen Schlafphase auf das Auftauchen von Träumen zu warten. Um mich herum ist es dann einfach dunkel. Ich weiss, dass ich schlafe. Dieses wissen ist nicht ständig explizit – denn es wäre langweilig im Schlaf ständig zu denken: „ich schlafe jetzt, ich schlafe jetzt, ich schlafe ….“ Zudem wäre dadurch, dies zu denken, der reine Beobachter bereits wieder abwesend! Dieses Wissen kann aber mehr oder weniger da sein als Möglichkeit. Es liegt sozusagen im Hintergrund. Im Vordergrund meiner Aufmerksamkeit ist in solchen Momenten nur der reine Beobachter anwesend. Ich besitze auch keinen Körper und sehe nichts um mich herum. Es kann sein, dass ich mich auf den ankommenden Traum freue. Während einer solchen Erfahrung, die ich hatte, wartete ich zuerst in der Dunkelheit des tieferen und leichteren Schlafs und plötzlich sass ich in einem Liegestuhl. Um mich herum war es dunkel. Und nach einer Weile ging ein Licht an und ich sah hinter einer milchigen Glastür, die etwa 20m von mir entfernt war, plötzlich Menschen. Sie suchten mich und öffneten die Tür – und ich wusste, ich war in der REM-Traumphase angekommen: der Traum hat begonnen.

Ein Forscherteam untersuchte in einer spannenden Arbeit 11 Langzeitmeditierende aus der TM-Tradition (Transzendentale Meditation), welche über Erfahrungen reinen Beobachtens während des Leicht-, Tiefschlafs und während des REM-Traumschlafs berichteten, mit 9 Kurzzeitmeditierenden und einer nicht-meditierenden Kontrollgruppe, welche beide nicht über solche Erfahrungen berichteten.8 Die Schlafarchitektur der Langzeitmeditierenden, die über Erfahrungen reinen Beobachtens berichteten, zeigte im Schlaflabor die folgenden signifikanten Veränderungen:

  • Ein bestimmtes Beta-Wellenmuster im Leichtschlaf
  • Während der Tiefschlafphasen zeigte das EEG der Langzeitmeditierenden einen signifikanten Anstieg von theta alpha (7-9 Hz) zusammen mit delta Wellen im Unterschied zu den Vergleichsgruppen – was mit früheren Studien übereinstimmte.
  • Während des REM-Traumschlafs eine signifikant höhere Ratio von hochfrequenten REMs im Vergleich zu den niedrigfrequenten REMS und eine höhere REM-Dichte als die anderen beiden Vergleichsgruppen.

Diese EEG-Veränderungen deuten die Forscher als Hinweise auf den reinen Beobachter im Leicht-, Tief- und Traumschlaf.

Die höhere REM-Dichte Langzeitmeditierender konnte auch – in einem anderen Blog bereits ausführlich dargestellten Untersuchung von Maruthai (2016) – bei Vipassanameditierenden bestätigt werden. Die REM-Dichte ist ein Mass für die Häufigkeit des Auftretens der schnellen Augenbewegungen während des REM-Traumschlafs. Die höhere REM-Dichte wird mit luziden Träumen in Verbindung gebracht.

Der reine Beobachter und luzide Träume

Maruthai (2016) fand zudem erhöhte Gammaaktivität im orbitofrontalen und medialen präfrontalen Cortex während des REM-Schlafs der Langzeitmeditierenden, was auf erhöhte neuroplastische Vorgänge hinweist und ebenfalls mit luzidem Träumen einhergehen kann. (Dazu mehr in diesem Blogbeitrag.)

Der reine Beobachter und luzide Träume sind miteinander eng verwandt. Beim reinen Beobachten sind Erinnerungen, kognitives Wissen und die Emotionen ganz weit im Hintergrund der Aufmerksamkeit. Beim luziden Träumen hingegen sind diese Dimensionen präsent im Vordergrund und das eigene Traumselbst hat das Potential aktiv zu handeln. Es handelt sich hier um Erfahrungen, die ineinander übergehen können.

Auch der/die luzid Träumende benötigt „ein Stück“ reinen Beobachter. Es ist seine Neutralität und sein nicht-verhaftet sein, welche die nötige Distanz zum Traum aufrecht erhalten, damit der luzide Träumer nicht wieder vom Traumgeschehen mitgerissen wird und im Trübträumen versinkt. Daher fördert Meditation das luzide Träumen und umgekehrt fördert das luzide Träumen die Meditation. Im Unterschied zum reinen Beobachter im Traum hat der luzid Träumende die Möglichkeit, aktiv in das Traumgeschehen einzugreifen.

Klarheitsträume – Der reine Beobachter im luziden Traum

Eine Besonderheit bildet der reine Beobachter im Traumyoga unter dem Stichwort Klarheitsträume (Dreams of Clarity). Klarheitsträume sind eine besondere, meditative Form des luziden Träumens. Die Trauminhalte sind hierbei von subjektiven Traumthemen – man könnte auch sagen, von Teilpersönlichkeiten aus der eigenen, persönlichen Lebensgeschichte – befreit. Traumforscher haben festgestellt, dass in normalen Träumen durchschnittlich 4 Personen auftreten. In Klarheitsträumen – in luziden Träumen also, in denen der reine Beobachter anwesend ist – reduziert sich die Anzahl der Traumpersonen meistens drastisch auf eine einzige anwesende Person, die sehr real erlebt werden kann. Die Kommunikation mit einer solchen einzelnen Traumgestalt im luziden Traum kann hochgradig interessant und aufschlussreich sein. Traumgestalten in Klarheitsträumen treten ohne störenden „Hintergrundlärm“ auf. Sie vermitteln meist klare, deutliche Botschaften.

24 Stunden täglich, 7 Tage die Woche reiner Beobachter

Der reine Beobachter im Schlaf und Traum ist nicht nur in der Transzendentalen Meditation bekannt, sondern auch im tibetischen Traumyoga. Hier wie dort gilt seine Kultivierung in besonderer Weise als Ideal: 24 Stunden täglich, 7 Tage in der Woche soll der reine Beobachter durch alle Bewusstseinszustände hindurch – Meditation, Wachrealität, Leicht-, Tief und Traumschlaf – aufrecht erhalten werden können. Es erfordert etwa 20 Jahre intensiver Meditationspraxis, so Ken Wilber im obigen Video, bis sich der reine Beobachter auf diese Weise vollends etabliert hat.

Dies ist ein hoher Anspruch, der durch Menschen wie Ken Wilber ein Gesicht bekommen kann. Es ist ein Anspruch, der die perfektionistische Seite in uns vielleicht beflügelt, ebenso den spirituellen Antreiber/die spirituelle Antreiberin und den Teil in uns, der durchhält und weiter meditiert, komme, was wolle. Und vielleicht gelingt es uns in der Meditation ja auch, diesen hohen Anspruch und mit ihm unseren inneren Perfektionisten/die Perfektionistin und den spirituellen Antreiber loszulassen und einfach ganz präsent zu sein mit dem, was jetzt gerade ist, so dass es unwesentlich wird, in der Meditation hohen Ansprüchen genügen zu wollen und sich stattdessen eine tiefe Gelassenheit, Mitgefühl, Leichtigkeit, Dankbarkeit und tiefe Lebensfreude einstellt.

(c) Peter Widmer

Show 8 Footnotes

  1. Siehe dazu: Forman, Robert K.C. (Hg.): The Problem of Pure Consciousness, Oxford: Oxford Univ.Press, 1990; sowie Ders.: Mysticism, Mind, Consciousness, State University of New York Press, 1999; sowie meinen Artikel: Widmer, Peter: Die angelsächsische Mystikdebatte. Eine Einführung, in: Karl Baier (Hg.): Handbuch Spiritualität, wbg, Darmstadt, 2006.
  2. Travis unterscheidet diese drei Meditations-/Erfahrungsformen voneinander und spricht das reine Bewusstsein als besonderes Spezifikum vereinnahmend und ausgrenzend ausschliesslich TM-Meditierenden zu. Dies entspricht nicht meiner persönlichen Erfahrung und den Erfahrungen die ich als Zen-Lehrer mit Zen-Meditieren tagtäglich mache. Travis verkennt meiner Ansicht nach vollkommen, dass konzentrative und rezeptive Praktiken beide in der Erfahrung des reinen Bewusstseins konvergieren! Diese Ansicht verdeutlichen auch die Arbeiten im bereits unter Fn. 1 erwähnten Sammelband von R. C. Forman. Vergl.: Travis, Frederick: States of Consciousness Beyond Waking, Dreaming and Sleeping: Perspectives from Research on Meditation Experiences, in: Cvetkovic, Dean, Cosic, Irena (Hsg.): States of Consciousness. Experimental Insights into Meditation, Waking, Sleep and Dreams, Springer Verlag, 2011, 223-234
  3. Siehe beispielsweise: Juergen Fell, Nikolai Axmacher, Sven Haupt: From alpha to gamma: Electrophysiological correlates of meditation-related states of consciousness, in: Medical Hypotheses 75 (2010) 218–224, doi: 10.1016/j.mehy.2010.02.025. Epub 2010 Mar 12.
  4. Siehe oben: Jürgen Fell et al (2010), sowie: Travis (2011); Siehe auch: Fred Travis, Joe Tecce, Alarik Arenander, Keith Wallace: Patterns of EEG coherence, power, and contingent negative variation characterize the integration of transcendental and waking states, in: Biological Psychology 61 (2002) 293-319.
  5. Siehe: Lutz, A., Greischar, LL., Rawlings, NB, Richard M., Davidson, RJ: Longterm meditators self-induce high-amplitude gamma synchrony during mental practice, in: Proc natl Acad Sci USA 2004;101:16369-73.
  6. Siehe dazu ausführlich: Juergen Fell (2010), S.221f.
  7. Siehe: Travis, FT, Tecce, J., Arenander A, Wallace, RK: Patterns of EEG coherence, power, and contingent negative variation characterize the integration of transcendental and waking states, in: Biol. Psychol. 2002, 61:293-319.
  8. Siehe: Mason LI, Alexander CN, Travis FT, Marsh G, Orme-Johnson DW, Gackenbach J, Mason DC, Rainforth M, Walton KG: Electrophysiological correlates of higher states of consciousness during sleep in long-term practitioners of the Transcendental Meditation program, in: Sleep. 1997 Feb;20(2):102-10.

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