Das Glück des Augenblicks und das mesolimbische System

Autor: Peter Widmer

Zen, IFK und unser Belohnungssystem

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Zen und Teilearbeit haben einen direkten Einfluss auf unser Glückserleben. Durch Zen und Innere Friedenskonferenz können wir uns von unseren Anhaftungen, d. h. unseren liebgewordenen Zwängen und Gewohnheiten befreien. Dies beeinflusst unser mesolimbisches System, das Belohnungssystem unseres Gehirns, das emotionales Lernen ermöglicht, auf eine sehr nachhaltige Art und Weise.

Vorurteilsloses Wahrnehmen dessen, was Hier und Jetzt ist

Die Vergangenheit ist schon vorbei – versuche nicht, sie zurückzugewinnen. Die Gegenwart bleibt nicht – versuche nicht, sie zu festzuhalten. Von Augenblick zu Augenblick ist die Zukunft noch nicht gekommen – lege sie Dir nicht zurecht, bevor sie da ist. Was Du auch siehst, lass es, wie es ist – es gibt keine Vorschriften, wie es sein sollte. Es gibt keinen Schmutz, von dem es gereinigt werden sollte. Wenn Du mit leerem Geist die Dinge wirklich durchdringst, haftet das Leben nirgendwo an. Wenn Du so sein kannst, bist Du ganz.
P’ang Yün (龐蘊 jpn. Hõ Un, 740-808)

Zen ist sehr einfach – und doch nicht leicht. Der im Zen hoch angesehene Laienmönch Hõ Un, der im 8 Jh. lebte, drückt die Essenz des Zen in diesen Zeilen wunderbar aus. Es geht darum, vorurteilslos präsent zu sein im Hier und Jetzt. Mit dem sein, was gerade ist. Das Glück des Augenblicks ermöglicht es, akzeptierend umzugehen mit allem, was ist, egal, was es ist und zwar auf einer tiefen Ebene unseres Seins. (Vergl. auch meinen Blogbeitrag: „Das Glück des Augenblicks wahrnehmen“)

Shikantaza – Sein mit dem, was ist – was ist denn da?

In der Übung des Shikantaza etwa, sind wir ganz präsent und vollkommen offen für alles, was im Vordergrund des Bewusstseins auftaucht. Wir erkennen mit liebevoller Achtsamkeit, wie es entsteht, seinen Zenit erreicht und wie es wieder vergeht. Indem wir ganz im Hier und Jetzt sind, nehmen wir die Prozesshaftigkeit von allem wahr, Entstehen und Vergehen – etwa in den folgenden Dimensionen unserer Erfahrung:

  • Wie Sinneswahrnehmungen entstehen und vergehen: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Körperempfindungen (innere Wahrnehmungen, sog. Propriozeptionen bei der Bewegung des Körpers, Druck, Stoss, Bewegung, Gleichgewicht, Wärme, Kälte, etc.)1
  • Wie Gefühle entstehen und vergehen. Im buddhistischen Denken werden folgende Grundgefühle, resp. Grundzustände unterschieden: angenehm, neutral, unangenehm, eine Mischform der drei. 2 Bei uns im Westen hat sich etwa Ekmans Unterscheidung folgender Grundgefühle durchgesetzt, die kulturübergreifend vorkommen und im biologischen Repertoir angelegt sind: Freude, Traurigkeit, Wut, Ekel, Angst, Verachtung, Überraschung. Darüber hinaus kennen wir unzählige kulturell nuancierte Ausformungen von Gefühlen.
  • Wie Stimmungen entstehen und vergehen. Während Gefühle bezogen sind auf konkrete Ereignisse unseres Lebens, und sich gleichsam wie Wellen auf einem See fortlaufend verändern, sind unsere Stimmungen tieferliegend. Gleich tieferen Strömungen auf dem Grund eines Sees, Wasser, das sich nicht so schnell verändert, wie unsere momentanen Gefühle. Stimmungen können gehoben und tragend sein, tiefes Glück beispielsweise, Gelassenheit, Leichtigkeit, Geborgenheit. Es gibt aber auch traurige Stimmungen, wie Melancholie oder Depression. 3
  • Wie Atmosphären entstehen und vergehen. Räume, Landschaften, das Wetter und andere Menschen haben so etwas, das man als „Atmosphäre“ bezeichnen kann. Atmosphären nehmen wir auf einer nicht-sprachlichen, körperlich-sinnlichen Ebene wahr. Sie sind das, was zwischen uns und unserer Umgebung stattfindet. Atmosphären sind die durch unsere Sinne vermittelten, körperlich spürbaren Relation zwischen uns und dem, was uns umgibt.4
  • Wie Gedanken entstehen und vergehen. Als Kinder lernen wir spielend und handelnd sprechen. Damit eröffnet sich für uns eine Welt sprachlich fassbarer Unterschiede, wie beispielsweise „oben“, „unten“, „rechts“, „links“, „mein“, „dein“, etc. Wir sehen, hören, riechen, schmecken, empfinden und fühlen fortan alles gefärbt durch Sprache im weitesten Sinne: verbal und non-verbale Sprachen (Körpersprache, Formensprache, etc).5 Mit Beginn des Spracherwerbs leben wir mehr und mehr im „Haus“ der Sprache. Man kann es auch so ausdrücken: Formen der Symbolisierung prägen fortan unser Erleben.6 Alles, was wir erleben, erleben wir symbolisch vermittelt und nicht mehr, wie es an sich ist – ausser in der Meditation.

Wir können in der Meditation Bewusstheit dafür entwickeln, welcher dieser verschiedenen Bereiche unserer Erfahrung in den Vordergrund des Bewusstseins tritt, seinen Zenit erreicht, wieder in den Hintergrund geht und dem nächsten Eindruck Platz macht. Wir beobachten den sich fortwährend verändernden Strom unseres Bewusstseins, ohne an irgendeinem Bewusstseinszustand anzuhaften, festzuhalten, uns damit zu identifizieren. Sämtliche „Gäste“ dürfen kommen, aber wir servieren ihnen keinen Tee, wie Suzuki Roshi es einst treffend ausdrückte. Wir springen nicht auf die vorbeifahrenden Gedankenzüge auf und lassen uns nicht von unseren Teilpersönlichkeiten mitreissen. Den wandernden, um sich selbst kreisenden Gedanken, Phantasien und Tagträumereien, die nichts mit dem hier und jetzt zu tun haben. Sie treten in den Hintergrund der Aufmerksamkeit. Dadurch entsteht ein Glück, das von besonderer Qualität ist.

Sich durch Innere Friedenskonferenz von unseren Teilpersönlichkeiten desidentifizieren

Wenn wir uns selbst gegenüber auf diese Weise liebevoll achtsam sind; und durch Meditation einen neutral beobachtenden inneren Anteil entwickeln, dann können wir in den aufsteigenden Gedanken, Phantasien und Tagträumen Teile, Seiten von uns selbst erkennen, die sich in unseren inneren Dialogen zum Ausdruck bringen: in dem, was sie sagen, denken, phantasieren, fühlen, in ihren Stimmungen und Atmosphären. Wenn wir beispielsweise viel zu tun haben und einen übervollen Terminkalender, kann es sein, dass ein innerer Organisator und Terminplaner uns auf dem Sitzkissen nicht in Ruhe lässt. Oder wenn wir gerade einen Streit mit jemandem hatten, kann es sein, dass es eine ärgerliche Seite in uns gibt, die sich ausspricht und das Streitgespräch nochmals vor unserem inneren Auge quasi Revue passieren lässt. Vielleicht gibt es auch einen erschöpften Anteil, der uns zu verstehen gibt, „es sei jetzt genug gewesen und dass wir uns ausruhen sollten“.

Auf diese Art und Weise können wir sowohl im Alltag, als auch während der Meditation verschiedene Seiten in uns entdecken, die Haupt- und Nebenrollen in unserem Leben spielen. Durch unsere zunehmende Bewusstheit dieser Seiten kann es uns schliesslich gelingen, uns von ihnen zu desidentifizieren. Solange wir unsere Anteile nicht explizit kennen, leben wir sie unmittelbar aus, weil wir in unserem Lebensalltag in der Regel mit ihnen identifiziert sind. Wir halten die dominanten Seiten oder Anteile in uns dann ganz selbstverständlich für unser Selbst.

Indem wir innere Friedenskonferenz praktizieren, machen wir uns die verschiedenen Seiten in uns bewusst und was entsteht sind Qualitäten wie innerer Friede, Gelassenheit, innere Ruhe, eine innere Mitte, Offenheit und Neugier, Mitgefühl für uns und andere.

In der Meditation können wir die auftauchenden Anteile bitten, sich für eine Weile aus uns heraus zu begeben, sich neben uns zu setzen, um mit uns mit zu meditieren und so für sich und uns ihren inneren Frieden zu finden.

Sich durch Zen-Meditation von unseren Teilpersönlichkeiten desidentifizieren

Den Weg studieren bedeutet, sich selbst studieren. Sich selbst studieren bedeutet, sich selbst vergessen. Sich selbst vergessen bedeutet, in Harmonie sein mit den 10.000 Dingen um uns.
Dogen (1200 – 1253), Shobogenzo Genjo Koan

Meditation auf ein Meditationsobjekt, sei es der Atem, innerliches Zählen, ein Matra – wie etwa „Ohm“, „Mu“ oder ein Koan – ist gelenkte Aufmerksamkeit. So wie wir während der Meditation feststellen, dass wir auf die Gedankenzüge und Phantasien unserer im Autopilot befindlichen inneren Anteile aufspringen, lenken wir die Aufmerksamkeit mit einer liebevollen Entschiedenheit wieder zurück zum Meditationsobjekt. Das ist die einfache aber nicht leichte Meditationsübung. Alle emotionalen oder atmosphärischen „Energien“, die in den inneren Bildern, Phantasien und Gedanken unserer Anteile gebunden sind, die uns mitreissen, werden bewusst zum Meditationsobjekt zurückgelenkt. Auf diese Weise wird diese Energie umgelenkt und für uns verfügbar. Dies ist ein Aufmerksamkeitstraining, durch welches gewohnte, durch emotionales Lernen entstandene Anteile sozusagen verlernt werden, wodurch unsere Selbststeuerungsfähigkeit verbessert wird.

Sind unsere Anteile im Modus des Autopiloten, so wird unsere Aufmerksamkeit passiv von ihnen mitgerissen – ähnlich, wie wenn wir uns vor dem Fernseher oder im Kino unsere Aufmerksamkeit in der Regel passiv von den handelnden Schauspielern einer spannenden Geschichte mitgerissen wird. Ähnlich auch wie beim normalen Träumen, bei dem uns die auftretenden Figuren der Traumgeschichte einfach mitreissen und wir passiv bleiben. Die wiederholte aktiv gelenkte Aufmerksamkeitsfokussierung auf ein Meditationsobjekt ist das pure Gegenstück zu diesem passiven Mitgerissen werden der Aufmerksamkeit durch Trauminhalte, Filmhandlungen, Tagträume, Phantasien und Wandergedanken.

Wenn es uns während der Meditation erfolgreich gelingt, den Fokus der Aufmerksamkeit aus aller Zerstreutheit je neu mit einer liebevollen Entschiedenheit zum Meditationsobjekt zurück zu bringen, treten unsere inneren Anteile irgendwann von der Bühne des Erlebens – resp. dem Vordergrung der Aufmerksamkeit – ab. Wenn diese meditative Desidentifikation gelingt, treten die Anteile in den Hintergrund der Aufmerksamkeit – sie treten sozusagen von der Lebensbühne ab und gehen in die Garderobe unseres „Lebenstheaters“. Und im Vordergrund der Aufmerksamkeit beginnt eine tiefe, tiefe innere Stille sich auszubreiten. Und mit ihr ein Tropfen tiefen, tiefen, unendlich tiefen Glücks, der sich immer mehr in unserem Leben breit macht. Mit ihm entsteht sowas wie eine tiefe Stimmung der Gelassenheit, des inneren Friedens, von Geborgenheit, Offenheit, Demuth, Dankbarkeit, Mitgefühl, tiefes Glück und eine Harmonie mit allem, was ist.

Aus der inneren Stille/Desidentifikation heraus handeln

Durch Meditation und Teilearbeit (Innere Friedenskonferenz) entwickeln wir so etwas wie einen bewussten, nicht-anhaftenden, desidentifizierten inneren Beobachter, der gleichzeitig auch die Fähigkeit hat, aus dieser inneren Stille, in Harmonie mit den 10.000 Dingen, wie Dogen schreibt, immer wieder von neuem zu handeln.

Meditierende mit einem um 65% erhöhten Dopaminausstoss 

In einer aufsehenerregenden Studie fand Troels Kjaera und seine Mitarbeiter heraus, dass Langzeitmeditierende einen um durchschnittlich 65% gesteigerten Dopaminausstoss haben. 7 Untersucht wurden Meditationslehrer. Diese waren zwischen 31 und 50 Jahre alt und verfügten über 7-26 Jahre täglicher Meditationspraxis. Der erhöhte Dopaminausstoss findet in der Area Tegmentalis Ventralis statt. Die im EEG gemessene erhöhte Thetawellenaktivität Meditierender, schreiben die Forscher, ist assoziiert mit dem erhöhten Dopaminausstoss.

Dopamin

Dopamin ist ein Neurotransmitter. Niedrige Dopaminlevel, in den von dem Forscherteam thematisierten neuronalen Schaltkreisen, gehen mit Antriebslosigkeit, Interesselosigkeit und Müdigkeit einher. Das ist beispielsweise der Fall bei einer Reihe von Depressionen. Auch bei ADHS (dem Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom) – hier scheint die fortgesetzte Aufmerksamkeit auf eine Sache nicht ausreichend mit Dopamin belohnt zu werden, weshalb allein ein neuer Stimulus eine erneute Belohnung durch Dopaminausschüttung ermöglicht und die Aufmerksamkeit daher von einem zum nächsten Stimulus übergeht.8

Meditation, Dopamin und unser Belohnungssystem

Patricia Sharp vom Zentrum für Neurowissenschaften an der Bowling Green Universität hat folgenden spannenden Artikel verfasst: Meditation-induced bliss viewed as release from conditioned neural (thought) patterns that block reward signals in the brain pleasure center 9. Sie macht darauf aufmerksam, dass die Gehirnregion, in der ein erhöhter Dopaminausstoss bei Meditierenden festgestellt wurde, zum mesolimbischen System gehört, welches gemeinhin als Belohnungssystem bekannt ist.

Belohnungssystem des Gehirns Patricia Sharp
Der Nucleus accumbens spielt eine zentrale Rolle im sog. mesolimbischen System, dem Belohnungssystem des Gehirns. Das mesolimbische System ist sehr stark in emotionale Lernprozesse eingebunden. Im Nucleus accumbens befinden sich Dopaminrezeptoren, deren Stimulation durch die Area tegmentalis ventralis für die Erwartung eines Glücksgefühls verantwortlich gemacht wird. BLA = Basolaterale Amygdala – das Zentrum für emotionale Reaktionen und das emotionale Gedächtnis; mPFC = medialer Präfrontaler Cortex – ist u. a. zuständig für planendes Vorausschauen und komplexe kognitive Aufgaben, Metakognition, zur Abstimmung sozialen Verhaltens und für das Fällen von Entscheidungen; NAc = Nucleus Accumbens; VTA = Area Tegmentalis Ventralis in dem die Doppaminausschüttung stattfindet; der Hippocampus ist das Erinnerungszentrum. (Bildquelle: Sharp, S.4)

Unser Belohnungssystem ist immer dann aktiv, wenn wir lustvolle, glückliche Erfahrungen machen

Forschungen zeigen, dass das Belohnungssystem in verschiedensten Kontexten immer dann aktiv ist, wenn wir positive, lustvolle Erfahrungen machen. Drogen wie Kokain, Heroin, auch Nikotin und Alkohol aber auch Essen, emotional lustvolle Bilder und Filme, sexuelle Erregung, Gewinnen bei Wettkampf und im Spiel aber auch emotional ansprechende rhythmische Musik und rhythmische Bewegungen aktivieren das Belohnungssystem. Das Belohnungssystem ist aber auch aktiv bei wandernden Gedanken (siehe: Autopilot – Default Mode Network). Und eben auch bei der Meditation wird das Belohnungssystem aktiviert.

Besonderheit bei Meditation: keine Hinunterregulierung des Dopaminhaushalts

Interessant bei Lanzeitmeditierenden ist, dass im Unterschied zu anderen Auslösern des Belohnungssystems keine Hinunterregulierung des Dopaminhaushalts stattfindet. Der Dopaminausstoss, so stellten Troels Kjaera und seine Mitarbeiter fest, ist bei ihnen um 65% erhöht! Das ist viel! Fast so viel, wie die erhöhte Dopaminausschüttung bei Menschen, die unter einem schizophrenen Schub leiden. Doch Langzeitmeditierende haben keine negativen Nebenwirkungen, hören keine inneren Stimmen, leiden nicht unter Halluzinationen. Im Gegenteil: Meditation hilft für den Abbau von Stress und Stressreaktionen, von Ängsten, fördert die Stabilisierung der Gefühlswelt und hilft – insbesondere in Kombination mit Teile-Arbeit –  sich von Persönlichkeitsanteilen zu desidentifizieren.
Es scheint, dass der Dopaminlevel sich bei Langzeitmeditierenden mit den Jahren der Meditation langsam erhöht und das Gesamtsystem sich langsam an die erhöhten Dopaminlevel anpasst.

Hinunterregulierung/Toleranz und Sucht

Eine solch langfristige, langsame und bleibende Erhöhung der Dopaminlevel ist etwas anderes, als wenn das System kurzfristig von hohen Dopaminausschüttungen überschwemmt wird, wie etwa unter Einfluss von Drogen, bei dem es sich nicht langsam anpassen kann. „Toleranz“ nennt man die Hinunterregulierung des Dopaminhaushalts unmittelbar nach erhöhter Dopaminausschüttung. Toleranz bedeutet, dass der Betreffende aufgrund der Hinunterregulierung der Dopaminausschüttung in seinem Alltag keine beglückenden Erfahrungen mehr zu machen in der Lage ist. Daraus entsteht die schmerzhafte Sehnsucht und das starke Bedürfnis nach erneutem Drogengebrauch.10 Toleranz hat physiologische und psychische Faktoren. Aus der Drogenforschung wissen wir, dass die euphorisierende Wirkung bei wiederholtem Drogengebrauch abnimmt und die Dosis deshalb fortlaufend erhöht werden muss, um dieselbe Wirkung wie bei vorangegangenem Drogengebrauch zu erzielen. Zudem führt alleine schon die Erwartungshaltung und der Kontext des dopaminausschüttenden Verhaltens (das Was? Wann? Wo? Mit wem? Womit?) im Vorfeld zu erhöhter Dopaminausschüttung und damit zu einer euphorisierenden Vorfreude. Daher können solche Prozesse in Sucht- und Abhängigkeitsstrukturen führen.

Primäre/dominante Teilpersönlichkeiten entstehen durch emotionales Lernen

1. durch angenehme, beglückende Emotionen

Alle diese aus der Drogenforschung bekannten Elemente, die Hinunterregulierung des Dopaminhaushalts, die Sehnsucht, die notwenige Erhöhung der Dosis, die euphorisierende Wirkungen der Erwartungshaltung und des Kontextes spielt auch bei nicht-Drogen-induzierten emotionalen Lernprozessen dieselbe Rolle.11 Dabei kann es sein, dass euphorische Gefühle auftreten. Das muss aber nicht in jedem Fall so sein. Auf diese Weise lassen sich beispielsweise Nikotinsucht, Alkoholsucht, Esssucht, Sexsucht, Spielsucht, Handysucht, Internetsucht, Fernsehsucht, Arbeitssucht, übermässiges Shopping, Paninibildchen sammeln und viele andere, sich wiederholende, zwanghafte und gewohnte Verhaltens-, Gefühls- und Gedankenmuster erklären.
Mit anderen Worten: Auch die Entstehung primärer Teilpersönlichkeiten, d. h. besonders stark ausgeprägter, dominanter Seiten und Tendenzen in uns lassen sich auf diese Weise verständlich machen. Handelt es sich beispielsweise um ein esssüchtiges oder sexsüchtiges Teil, dann sind es die natürlichen, körperlichen Bedürfnisse nach Nahrung und Sexualität, die als innere Antriebe wirken und das Verhalten dieses Teiles verstärken.
Bei der Entstehung von Teilen spielen aber auch Befriedigungen existentieller sozialer Bedürfnisse eine Rolle, wie sich zum Ausdruck bringen dürfen, sich wahrgenommen fühlen, eine respektvolle oder liebevolle Wechselwirkung, sich in der respektvollen Wechselwirkung als bedeutungsvoll erfahren, soziale Anerkennung, positives Feedback.
Primäre Anteile, die früh im Leben entstehen, entwickeln sich aufgrund von Interaktionen mit prägenden, d. h. wichtigen Bezugspersonen und äusseren Kontexten in Wechselwirkung mit unseren genetischen Veranlagungen (z. B. Temperamenteigenschaften) und unserem mesolimbischen System, das emotionale Lerprozesse in Gang setzt und aufgrund des Hebbschen Gesetztes, das besagt, dass Neuronen, die zusammen feuern, sich verbinden und Neuronen, die verbunden sind, zusammen feuern. Da jedoch unmittelbar nach dem intern belohnten Verhalten des neu entstehenden Persönlichkeitsanteils die Dopaminausschüttung hinunterreguliert wird, muss das Verhalten – auch bedingt durch die Aussenwelt – reproduziert werden, damit eine interne Belohnung erneut erfolgt und das entstehende System, d. h. eine Teilpersönlichkeit, sich festigt.

2. durch unangenehme Emotionen

Primäre Teilpersönlichkeiten entstehen jedoch nicht bloss aufgrund angenehmer Gefühle, sondern auch aufgrund von unangenehmen, wie etwa Hilflosigkeit, Ohnmacht, Peinlichkeit, Scham und dergleichen. Hierbei werden die emotionalen Erinnerungen – etwa an traumatische Erlebnisse – von der Amygdala (dem Mandelkern) gespeichert. Bei traumatisierenden Erlebnissen ist es meistens so, dass die Amygdala sich verändert und die unangenehmen Gefühlsreaktionen dauerhaft verstärkt sind. Bei starken Traumatisierungen –  posttraumatischen Belastungsstörungen – kann es sein, dass der Hippocampus, der Gedächtnisinhalte speichert, das traumatische Ereignis verzerrt speichert, so dass Erinnerungen an das Trauma unwillkürlich als Flashbacks in alltäglichen Situationen auftreten können. Auch in sich wiederholenden Alpträumen kann ein Trauma verzerrt wiederkehren.
Meist werden im Alltag unangenehme Erlebnisse und Erinnerungen – also diejenigen Teilpersöhnlichkeiten, die den Schmerz und die Verletztheit tragen – in die Verbannung geschickt, d. h. nicht erinnert und nicht erlebt. Um funktionieren zu können und nicht permanent von den unangenehmen Gefühlen des verletzten Teiles überschwemmt zu werden, entwickeln sich primäre Anteile/Manageranteile. Ein Teil, das sich beispielsweise zurückzieht, wenn Gefahr besteht, dass ein Kontakt mit einem schmerzhaften Teil stattfinden könnte oder ein Teil das wütend wird, kann auf diese Weise entstehen. Primäre Anteile/Managerteile können also eine Schutzfunktion haben, wenn sie entstehen als Reaktion auf unangenehme Emotionen, die unser Leben zu beeinträchtigen drohen.

Gleichzeitig können primäre Anteile/Manageranteile, die als Reaktion auf unangenehme Emotionen folgen auch durch positive Emotionen, euphorische Gefühle, verstärkt werden. So kann etwa ein sexsüchtiges, essüchtiges, arbeitswütiges etc. Teil – das als Reaktion auf unlustvolle Gefühle entstanden ist – verstärkt werden durch unser Belohnungssystem.

Nochmals: Bei der Meditation wird der Dopaminhaushalt nicht hinunterreguliert

Bei der Meditation geht es, wie bei der Inneren Friedenskonferenz, darum, sich von den gewohnten, unhinterfragten Denk- und Verhaltensmustern – unseren Teilpersönlichkeiten, und insbesondere von den häufig auftretenden, dominanten, primären Seiten in uns – zu desidentifizieren. Dabei findet keine Hinunterregulierung des Dopaminhaushalts statt. Der Dopaminspiegel erhöht sich langsam und das Gesamtsystem kann sich langsam im Laufe der Zeit an diese Veränderung anpassen.

Die Zellen des Nucleus accumbens werden vor allem dann stimuliert, wenn etwas Neues erlebt wird oder wenn das Erlebte die Erwartungen übertrifft. Dabei wird Dopamin in der Area Tegmentalis Ventralis ausgeschüttet. Meditative Zustände lassen uns die Welt so erleben, als ob alles völlig neu erlebt wird, vorurteilslos, im Hier und Jetzt. Diese Erfahrung von Neuheit ist jenseits gewohnter Erfahrungsmuster und Teilpersönlichkeiten. Sie übertrifft insofern unsere Erwartungen. Wir desidentifizieren uns von gewohnten Erfahrungen und von unseren Erwartungen und erleben dadurch etwas gänzlich Neues. Unseren Erwartungen und gewohnten Erfahrungen wird durch die gelenkte Aufmerksamkeit in der Meditation die emotionale Energie entzogen. Dopamin wird vermehrt ausgeschüttet.

Meditation erhöht Dopaminausschüttung, Interesse, Motivation und Metakognition

Dopaminausschüttung aktiviert nicht nur Glücksgefühle, sondern sowohl Interesse und Motivation, als auch die metakognitiven Fähigkeiten des medialen präfrontalen Kortex. 12
Was im Einzelnen unter „Metakognition“ verstanden wird, darüber geben die Kognitions- und Meditationsforscher teilweise unterschiedliche Antworten. Doch eine Reihe von Forschungsarbeiten zeigen, dass durch Meditation metakognitive Fähigkeiten verbessert werden. Was Meditation angeht, folge ich hier ein Stück weit Thomas Jankowski und Pavel Holas: Metacognitive model of mindfulness13.
Durch Meditation und Innere Friedenskonferenz verbessern sich u. a. folgende metakognitive Fähigkeiten:

  • Bewusstheit der Inhalte des Bewusstseins und deren Veränderung/Prozesshaftigkeit
  • Bewusste, willentliche Lenkung der Aufmerksamkeit
  • Stoppen von Handlungsimpulsen
  • Desidentifikation von Teilpersönlichkeiten
  • Integration abgespaltener Anteile und Erkenntnis und Entwicklung von bislang wenig gelebten oder neuen Anteilen
  • Unterschiedliche Perspektiven auf eine Sache, sich selbst und andere einnehmen können

Dopaminausschüttung, Traumerleben und Meditation

Lampros Perogamvrosa and Sophie Schwartz vom Neurowissenschaftlichen Zentrum der Universität Genf haben die Rolle des Belohnungssystems und erhöhter Dopaminausschüttung in Bezug auf Schlaf und Traum herausgearbeitet.14

  • Während des REM-Traumschlafs wird vermehrt Dopamin ausgeschüttet, was – wie bei der Meditation – einhergeht mit erhöhter Thetawellenaktivität.
  • Dieser vermehrte Dopaminausstoss hat zu tun mit der Regulierung des REM-Traumschlafs und mit der Überführung von emotionalen und hoch motivationalen Gedächtnisinhalten vom Kurz- ins Langzeitgedächtnis.
  • je höher der Dopaminausstoss, desto mehr Träume und desto mehr emotionale Trauminhalte.

Aus der Traumforschung ist bekannt, dass psychotische Patienten, deren Dopaminausstoss massiv erhöht ist, bizarrere Träume haben. Solche Träume sind die Fortsetzung ihrer bizzarren Erlebnisse im Wachzustand.
Doch bei gesunden Menschen kann höhere Dopaminausschüttung mit der Fähigkeit des Traum-Ichs, d. h. der träumenden Person, einhergehen, aktiv handelnd ins Traumgeschehen einzugreifen. Solche Träume spiegeln erhöhte Motivation und metakognitive Fähigkeiten. Insbesondere bei Klarträumern sind metakognitive Fähigkeiten erhöht vorhanden – was auf eine höhere Dopaminausschüttung hinweist.
Und insbesondere bei Klarträumen, in welchen Klarträumer mit erhöhter Fähigkeit, dominierend und aktiv gestaltend ins Traumgeschehen eingreifen – sog. ganz und super luziden Träumen – liegen vermutlich höhere Dopaminlevel zugrunde – als etwa bei sog. prä- und semi-luziden Träumen. Dennoch scheint Dopamin als Substanz, die von aussen eingenommen wird, etwa in der Form von L-Dopa (einem Vorläufer von Dopamin), nicht auszureichen oder nicht geeignet zu sein, um luzide Träume auszulösen.

In meinen Traum- und Klartraum-Seminaren ist mir in den vergangenen Jahren immer wieder aufgefallen, dass einzelne meditierende Teilnehmende wiederholt berichten, dass ihr Traum-Ich heute aktiver ist in ihren Träumen als zu der Zeit, in der sie noch nicht meditiert haben. Diese erhöhte Aktivität des Traum-Ichs steht womöglich ebenfalls mit der erhöhten Dopaminausschüttung aufgrund jahrelanger Meditation in Zusammenhang.

(c) Peter Widmer

Show 14 Footnotes

  1. In der Buddhistischen Psychologie wird das „Denken“ (wörtlich skrt. „nama“ = Eigenname) ebenfalls zu den sog. sechs Sinnen (wörtlich „Wurzeln“) gezählt.
  2. In der westlichen Psychologie finden wir etwa in Freuds Unterscheidung zwischen „lustvoll“ und „unlustvoll“ eine Entsprechung.
  3. Zum Begriff der „Stimmung“, siehe: Heidegger: Sein und Zeit, Frankfurt a.M. 1986, S. 184ff. Heidegger thematisiert hier im Anschluss an Kierkegaard die „Angst“ vor seiner eigenen Endlichkeit/Sterblichkeit als „Grundstimmung“ des Menschseins, die latent das In-der-Welt-Sein immer schon bestimmt und den Menschen vereinzelt und auf sich selbst zurückwirft, woraus nach Heidegger Freisein für die Freiheit des Sich-selbst-wählens möglich wird. Zum Begriff der „Stimmung“ im Anschluss an Heidegger, siehe aber vor allem ausführlich: Otto F. Bollnow: Das Wesen der Stimmungen, Studienausgabe, Bd. 1, 2009
  4. Herrmann Schmitz hat den Begriff der „Atmosphäre“ eingeführt, siehe: Herrmann Schmitz: Atmosphären, Karl Albert, 2014; siehe auch: Michael Hauskeller: Atmosphären erleben. Philosophische Untersuchungen zur Sinneswahrnehmung, Berlin 1995, sowie: Gernot Böhme: Atmosphäre: Essays zur neuen Aesthetik, Suhrkamp, 2013.
  5. Siehe zu diesem Verständnis von „Sprache“ beispielsweise: Ludwig Wittgenstein: Philosophische Untersuchungen, Suhrkamp Verlag, 2003
  6. Siehe zum Begriff der „Symbolisierung“ ausführlich: Ernst Cassierer: Philosophie der symbolischen Formen, Meiner Verlag, 2010
  7. Siehe: Troels W. Kjaera, Camilla Bertelsena, Paola Piccinib, David Brooksb, Jørgen Alvingc, Hans C. Lou: Increased dopamine tone during meditation-induced change of consciousness; in: Cognitive Brain Research 13 (2002) 255–259.
  8. Siehe dazu: N. D. Volkow, G. J. Wang, S. H. Kollins, T. L. Wigal, J. H. Newcorn, F. Telang, J. S. Fowler, W. Zhu, J. Logan, Y. Ma, K. Pradhan, C. Wong, J. M. Swanson: Evaluating dopamine reward pathway in ADHD: clinical implications. In: JAMA. Band 302, Nummer 10, September 2009, S. 1084–1091, doi:10.1001/jama.2009.1308, PMID 19738093
  9. In: Religion, Brain and Behavior, 2013, http://dx.doi.org/10.1080/2153599X.2013.826717 
  10. Hierbei spielt neben dem Belohnungssystem ein weiteres neuronales Netzwerk eine zentrale Rolle: das Sehnsuchtssystem. Siehe dazu: Alcaro, A., Panksepp, J., 2011. The SEEKING mind: primal neuro-affective substrates for appetitive incentive states and their pathological dynamics in addictions and Depression, in: Neuroscience and Biobehavioral Reviews 35, (2011), 1805–1820.
  11. Siehe dazu: Wolfram Schultz: Predictive reward signal of dopamine neurons, in: Journal of Neurophysiology (1998), Vol 80, 1-27
  12. Zu erhöhter Motivation, siehe: Wardle MC, Treadway MT, Mayo LM, Zald DH, de Wit H: Amping up effort: Effects of d-amphetamine on human effortbased decision-making, in: J Neuroscience 31:2011, 16597–1602. Zu erhöhter Metakognition – siehe: Morten Joensson, Kristine Rømer Thomsen, Lau M. Andersen, Joachim Gross, Kim Mouridsen, Kristian Sandberg, Leif Østergaard, Hans C. Lou: Making Sense: Dopamine Activates Conscious Self-Monitoring Through Medial Prefrontal Cortex, in: Human Brain Mapping 36:1866–1877 (2015)
  13. Siehe in: Consciousness and Cognition 28 (2014) 64–80; vgl. auch: Dilwar Hussain: Meta-Cognition in Mindfulness: A Conceptual Analysis, in: Psychological Thought, 2015, Vol. 8(2), 132–141, doi:10.5964/psyct.v8i2.139
  14. Siehe: The roles of the reward system in sleep and dreaming, in: Neuroscience and Biobehavioral Reviews 36 (2012) 1934–1951

3 Gedanken zu „Das Glück des Augenblicks und das mesolimbische System

  1. Jane

    Vielen Dank für diesen spannenden Blogartikel!! Das zeigt, dass meditieren wirklich glücklich macht!
    Gruss
    Jane

    Antworten
  2. HW

    Das sind sehr spannende Einsichten über Meditation! Jetzt wird mir als Meditierendem einiges Klarer.
    Vielen Dank für diesen Blogbeitrag!
    Hans Walter

    Antworten

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