Das Glück des Augenblicks wahrnehmen

Autor: Peter Widmer

Das Glück liegt im Hier und Jetzt

Bei der Zen-Meditation geht es darum, ganz und gar mit dem zu sein, was gerade ist, was man gerade erlebt und tut. Es geht im Zen ums gegenwärtig sein im Hier und Jetzt! Darin liegt tiefes Glück.

Killingsworth und Gilbert von der Harvard Universität fanden heraus, dass wir Menschen – im Unterschied etwa zu einer Hauskatze – fast 50% unserer Zeit damit verbringen, über Dinge nachzudenken, die in der Vergangenheit, der Zukunft oder gar nie stattfinden.1 Die Forscher fanden aber auch heraus, dass wir viel glücklicher sind, wenn wir ganz präsent bei dem sind, was wir gerade tun und erleben, egal ob wir es als angenehm, neutral oder unangenehm empfinden.

Was macht uns glücklich?

Wir streben alle nach Glück. Meist betrachten wir Glück als etwas, das wir aufgrund einer Eigenschaft besitzen, durch unsere Anstrengungen erreichen und durch Geld erwerben können. Glücklich sind wir, wenn wir schön sind, schlank, gutaussehend, ein Haus, ein grosses Auto, eine Familie, Kinder und einen guten Job haben. Wir wollen diese Dinge und Eigenschaften, nicht weil sie an sich so wertvoll sind, sondern weil wir glauben, dass sie uns glücklich machen. Das suggerieren uns die Erwartungen unseres kulturellen Umfeldes, etwa unsere Eltern, Geschwister, Freunde und Kollegen. Und genau das suggeriert uns vor allem auch jede Werbung: wenn wir das beworbene Produkt, z. B. Anzug, Kleid, Makeup, Haarfarbe, Haus, Auto, Boot, Katze, etc., kaufen, dann sind wir glücklicher. Doch: machen uns all diese Dinge wirklich glücklicher? Und: ist dieses Glück von Dauer?
In unserer Kultur haben wir im Laufe der Zeit durch unsere Anstrengungen auch vieles erreicht: Wohlstand, eine längere Lebenserwartung und zahlreiche Technologien, die unsere Lebensbedingungen enorm verbessert haben. Doch hat uns das, was wir gerne als „Fortschritt“ bezeichnen, wirklich glücklicher gemacht? Sind wir heute Lebende wirklich glücklicher als Generationen vor uns?
Es gab in den vergangenen Jahren eine wahre Flut an Forschungsarbeiten zum Thema „Glück“. Man hat beispielsweise herausgefunden, dass demographische Faktoren, Einkommen, Bildung, Geschlecht, ob man verheiratet ist oder nicht, ob man Kinder hat oder nicht, ein gewonnenes Fussballspiel u.v.m. keinen nennenswerten mittel- und längerfristigen Einfluss auf unser Glückserleben haben. Mehr Geld ist besser als weniger und eine Ausbildung abzuschliessen ist besser, als sie abzubrechen. Doch auch das hat keinen wesentlichen Einfluss auf unser Glück. Die Fähigkeit, glücklich sein zu können, so zeigen neuere Forschungen, hat vielmehr mit unserer Bewusstheit und Präsenz zu tun, d. h. damit, ob wir ganz bei einer Sache sein können oder in Gedanken, Tagträumen und Phantasien verloren sind.

Wandernde Gedanken oder präsent im Hier und Jetzt – wobei sind wir glücklicher?

„Default mode of Operation“

Dinge durchdenken, begründen und planen zu können ist ein evolutionärer Vorteil des Menschen und wichtig für unser tägliches Überleben und für ein gutes, vorausblickendes und bewusstes Leben. Doch diese Fähigkeiten haben auch ihren emotionalen Preis. Denn viel zu viel Zeit verbringen wir tagtäglich mit umherwandernden Gedanken, Phantasien, Tagträumereien, die keinen realen Bezug haben und bei denen wir um uns selbst kreisen. Forscher nennen dieses von äusseren Stimuli unabhängige Gedankenwandern „default mode of operation“ (Autopilot) und haben dessen neuronales Netzwerk eingehend erforscht.2

„Track your Happiness“

Doch wenig wurde bisher über die emotionalen Konsequenzen des Gedankenwanderns für unser alltägliches Leben herausgefunden. Daher haben Killingsworth und Gilbert von der Harvard Universität die App „Track your Happiness“ entwickelt, mit der sie Menschen direkt in Echtzeit in ihrem Alltag befragen konnten. Damit konnten sie über 650.000 Informationen von mehr als 15.000 Menschen aus 83 Ländern im Alter zwischen 18 und 88 Jahren, Singles, Verheiratete, getrennt Lebende, Geschiedene, Verwittwete, mit unterschiedlichstem Bildnungsnieveau und Einkommen, die 86 unterschiedlichen Berufsgruppen zugehören, sammeln.

Drei Fragen

Die Forscher stellten in ihrer App, verteilt auf verschiedene Tageszeiten und Tage, drei Fragen:

  1. „Wie fühlen Sie sich jetzt gerade auf einer Skala von sehr schlecht (1) bis sehr gut (100)?“
  2. Aktuelle Aktivität: „Was tun Sie gerade?“ (es gab 22 Aktivitäten zur Auswahl, u. a. Essen, Arbeiten, Fernsehen, lesen, beten, zu Hause am Computer sitzen, sich um die Kinder kümmern, Musik hören, sich unterhalten, Liebe machen).
  3. Die letzte Frage betraf das Gedankenwandern: „Denken Sie gerade an etwas anderes als das, was Sie jetzt gerade tun?“ Die möglichen Antworten waren:
    – „Nein – mit anderen Worten: Ich bin ganz bei der Sache“, oder:
    – „Ja, ich denke an etwas anderes“  (und diese Gedanken konnten als „angenehm“, „neutral“ oder „unangenehm“ qualifiziert werden)
    Alle „Ja“-Antworten fallen in die Kategorie „Gedankenwandern“, die „Nein“-Antworten gehören zur Kategorie „präsent bei dem sein, was jetzt gerade ist“.

Wenn von einem App-Benutzer 50 Antworten eingegangen waren, wurden die Fragen jeweils für sechs Monate gestoppt. Danach wurden sie wieder von neuem gestellt, etc.

Zu den Ergebnissen der Studie – hier ein Vortrag von Matt Killingsworth (Siehe: 3:44-10:17Min.)

Resultate

Wir sind nicht glücklicher, wenn wir in langweiligen Situationen schönen Phantasien nachhängen

Eine interessante Frage der Studie war: Die Realität können wir ja nicht ändern und vielleicht macht es uns glücklich, wenn wir in unserer Phantasie schönen Dingen nachhängen oder uns an schönen Orten wähnen? Wird diese Form des Glücks von den Menschen im konkreten Alltag vielleicht höher bewertet, als das präsent sein im gegenwärtigen Augenblick?

Wie sich herausstellte, sind Menschen bedeutend unzufriedener, wenn sie gedanklich abschweifen. Auch dann, wenn sie sich durch ihre Gedanken von etwas ablenken, das ohnehin keinen Spass macht! Menschen sind unzufriedener, wenn ihre Gedanken abschweifen – ganz egal, was sie gerade tun!
Kaum jemand fährt z. B. gerne zur Arbeit. Es ist eine der unbeliebtesten Tätigkeiten. Und trotzdem: Menschen sind bedeutend zufriedener, wenn sie sich auf den Weg konzentrieren, als wenn sie in Gedanken woanders sind.
Das scheint verblüffend zu sein. Wie kann das sein?

Wir denken oft an unangenehme Dinge, aber auch angenehme Gedanken machen uns nicht glücklicher

Ein wichtiger Grund ist, dass wir oft an unangenehme Dinge denken. Und dabei sind wir sehr viel weniger glücklich. Wir denken an Sorgen, Ängste oder Dinge, die wir bereuen. Aber selbst, wenn wir an etwas Neutrales denken, sind wir trotzdem bedeutend weniger zufrieden, als wenn wir uns auf das konzentrieren, was gerade ist. Sogar wenn wir an etwas Angenehmes denken, sind wir ein kleines bisschen unzufriedener, als wenn wir nicht Tagträumen.

„Gedankenwandern ist wie ein Spielautomat, bei dem man nur verlieren kann: 50 Dollar, 20 Dollar oder einen Dollar. Wer will da schon spielen?“ (Killingsworth)

Wandernde Gedanken sind die Ursache für Unzufriedenheit

Kommen umherwandernde Gedanken vor der Unzufriedenheit? Oder kommt die Unzufriedenheit vor den umherwandernden Gedanken? Es ist ja denkbar, dass Menschen unglücklich sind und deshalb mit den Gedanken abschweifen. Und vermutlich besteht hier eine Wechselwirkung. Doch gibt es eine feststellbare Tendenz in die eine oder andere Richtung?

In der Studie kam heraus, dass auf gedankliches Abschweifen oft Unzufriedenheit folgt. Das stützt die Annahme, dass Gedankenwandern unzufrieden macht. Dagegen gibt es keinen Hinweis darauf, dass man besonders dann abschweift, wenn man bereits unzufrieden ist. Mit anderen Worten: Wandernde Gedanken sind wohl eher die Ursache für Unzufriedenheit und nicht die Folge davon.

Wandernde Gedanken durchdringen unseren gesamten Alltag

Im Durchschnitt sind wir 47% unseres Tages mit umherwandernden Gedanken beschäftigt und nicht mit dem, was gerade ist. 65% sind wir mit den Gedanken beim Duschen und Zähneputzen woanders, 50% bei der Arbeit, 40% beim Sport, 10% schweifen die Gedanken beim Sex ab. Gedankenwandern durchdringt alles, was wir in unserem Alltag tun.

Fazit: Sei mehr präsent im gegenwärtigen Augenblick!

Wenn wir das Glück des gegenwärtigen Augenblicks nicht in jeder Lebenslage, in jedem Moment finden können, dann werden uns ein Partner, eine Familie, unsere Kinder, ein grosses Haus, ein grosses Auto, mehr Geld, mehr Liebe, mehr geschäftliche Erfolge etc. nicht glücklicher machen.

  • Würde es uns gelingen, öfters im gegenwärtigen Augenblick zu leben, wären wir glücklicher.
  • Der Alltag ist voll von Möglichkeiten, immer wieder von neuem einen bewussten Atemzug zu nehmen und ganz präsent im Hier und Jetzt anzukommen.
  • Wir brauchen uns nur immer wieder von neuem daran zu erinnern, uns den ganzen Tag hindurch Inseln der Präsenz im Hier und Jetzt zu erschaffen.
  • Die Zen-Meditation vertieft unsere Wahrnehmung des gegenwärtigen Augenblicks!

Weitere Glücksfaktoren

Nebst unserem Bemühen, um mehr Präsenz im Alltag, sind selbstverständlich auch weitere Faktoren für ein gelungenes, glückliches Leben wichtig, wie beispielsweise:

  • eine gute Gesundheit und körperliche Verfassung
  • dass wir uns innerlich und äusserlich sicher fühlen
  • ein gut funktionierendes Dopamin- und Serotoninsystem
  • ein kleines, tragendes Netzwerk persönlicher Beziehungen
  • Innerer und äusserer Friede

Glück und Innere Friedenskonferenz (IFK)

Meist schlagen bekanntlich viele Seelen in unserer Brust. Und es fällt uns zuweilen schwer, unsere innere Mitte im Hier und Jetzt zu finden. Zum Teil, weil wir uns über das, was uns wirklich glücklich macht nicht immer im Klaren sind und unterschiedliche Seiten in uns unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was „Glück“ für uns bedeutet. Zum Teil auch, weil soziale Beziehungen manchmal allerlei Konfliktstoff für uns bereit halten; und wir es vielleicht nicht immer hinkriegen, für diejenigen Bedürfnisse, die für uns persönlich eine wichtige Basis zu unserem Glück bilden, gut zu sorgen. Daher sind äusserer und innerer Friede nicht immer leicht zu finden und eine Ergänzung von Meditation mit IFK kann hilfreich sein.
Glücklich fühlen wir uns oft auch, wenn wir unserer Passion folgen, also dem, was uns wirklich am Herzen liegt im Leben. Dann fällt uns das Präsent-Sein im Hier und Jetzt, bei dem, was gerade ist, einfach und leicht. Es geht wie von selbst, wir sind im flow. Doch oft braucht es Zeit, herauszufinden, was uns wirklich am Herzen liegt. Auch hierbei kann die Innere Friedenskonferenz hilfreich sein. Aus diesen und anderen Gründen ist eine Erweiterung von Meditation mit Innerer Friedenskonferenz (IFK) äusserst sinnvoll, wenn wir auf Dauer ein glückliches Leben führen wollen.

Nächtliches Glück

Wer schon einmal in einem Traum geflogen ist weiss vielleicht, wie befreit und glücklich man sich dabei fühlen kann. Auch Träume und insbesondere luzide Träume können ganz viele Glücksmomente bieten, denn in Träumen ist Unmögliches möglich und die Gefühle luzider Träume bewahrt die Körperempfindung nach dem Erwachen noch lange in den Tag hinein.

(c) Peter Widmer

Show 2 Footnotes

  1. Matthew A. Killingsworth, Daniel T. Gilbert: A Wandering Mind Is an Unhappy Mind, in: Science, 12 Nov 2010 : 932, Vol. 330, Issue 6006, pp. 932, DOI: 10.1126/science.1192439
  2. Siehe dazu beispielsweise folgende kritische Metastudie, in der die Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen dem neuronalen Netzwerk „Gedankenwandern (Autopilot)“ und „spontane Gedanken haben“ untersucht wird:  Kieran C.R. Foxa, R. Nathan Sprengb, Melissa Ellamila, Jessica R. Andrews-Hannad, Kalina Christoff: The wandering brain: Meta-analysis of functional neuroimaging studies of mind-wandering and related spontaneous thought processes, in: NeuroImage, Vol 111, 1 May 2015, 611–621, doi:10.1016/j.neuroimage.2015.02.039

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