Zen erhöht den Tonus des Vagusnervs

Autor: Peter Widmer

vagus
Quelle http://healingfromthefreeze.files.wordpress.com/2011/08/vagus.jpg

Bethany Kok von der University of North Carolina verglich mit ihrem Team den Tonus des Vagusnervs vor und nach einem sechswöchigen Meditationsprogramm und stellte fest, dass er deutlich zugenommen hat.1 „Wer sich durch Meditation mit guten Gefühlen versorgt, der verbessert den Tonus des Nervus vagus“, sagt Kok. „Das wiederum ist mit guter Gesundheit verbunden – und könnte zu einem längeren Leben führen.“

Der Vagusnerv

Der Vagusnerv verläuft vom Hirnstamm den Hals entlang durch die Brusthöhle bis zum Verdauungstrakt und endet mit zahlreichen Verästelungen bei den Gehörgängen, dem Schlund, dem Kehlkopf, der Lunge, dem Magen, dem Darm, dem Herz, den Eierstöcken/Hoden. Er beeinflusst u. a. die Herzfrequenz, kümmert sich um die Perestaltik, also die Weiterleitung der Nahrung im Verdauungssystem, veranlasst die Ausschüttung von Verdauungsenzymen und verengt die Bronchien.
Beim Einatmen schlägt das Herz meist etwas schneller als beim Ausatmen. Dieser Unterschied ergibt den Spannungszustand des Vagusnervs. Ein hoher Tonus sichert eine geregelte Verdauung und hilft beim Orgasmus und ist unverzichtbar für soziale Kontakte. Der Blick in die Augen, ein einfühlsames Lächeln, ein zustimmendes Nicken – all das verläuft ebenfalls über den Vagusnerv.

Meditation, Parasympathikus und Metta-Meditation

Kok knüpft bei Ihrer Untersuchung an vorangegangene Untersuchungen an, die zeigen, dass Menschen, die häufiger positive, gehobene Emotionen und damit einen höheren Vagusnervtonus haben, länger und gesünder leben und beispielsweise weniger unter Erkältungskrankheiten leiden, weniger anfällig sind für Entzündungen und weniger zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Kopfschmerzen neigen.2

Der nervus vagus gilt als Hauptnerv des parasympathischen Nervensystems, welches den Körper entspannt. Aus der Meditationsforschung ist bekannt, dass sämtliche Formen ruhiger Sitzmeditation Atemrhythmus und Herzrhythmus reduzieren und das parasympathische Nervensystem ingang setzen und sowohl zu tiefer Entspannung und auch zu gehobenen, positiven Stimmungen führen. Beruhigt sich das Körpersystem, so weitet sich der Tonus des Vagusnervs. Kok und Ihr Team gingen vor allem davon aus, dass der Tonus des Vagusnervs insbesondere mit positiven Emotionen verbunden ist. Sie unternahmen folgendes Experiment: Neun Wochen lang füllten 65 Frauen und Männer jeden Abend einen ausführlichen Fragebogen aus, auf welchem sie über ihre angenehmen und unangenehmen Tageserlebnisse, Emotionen und über den Verlauf der jeweils drei längsten sozialen Interaktionen des Tages berichteten. Die Hälfte von ihnen absolvierte einen sechswöchigen Meditationskurs, in dem sie jede Woche eine Stunde lang lernten, Gefühle wie liebende Güte (Metta), Wohlwollen und Mitgefühl zu kultivieren. Für zu Hause wurde ihnen freigestellt, wie oft sie diese Übungen durchführen wollten und ob mit einer auf Band gesprochenen Meditationsanleitung oder für sich selbst. Täglich mussten sie über die Dauer ihrer Meditation berichten. Der anderen Hälfte der Probanden wurde während dieser Zeit versichert, sie seien auf einer Warteliste. Der Tonus des Vagusnervs wurde zwei Wochen vor dem Beginn des Meditationsworkshops und eine Woche nach dessen Ende gemessen. Die Forscher stellten fest, dass mit dem Anstieg der positiven Emotionen (siehe Grafik) auch die Qualität der zwischenmenschlichen Interaktionen sich verbessert hat und der Tonus des Vagusnervs sich im Vergleich zur Kontrollgruppe markant erhöht hat.

Vagus Ergebnis
gestrichelte obere Linie = Meditierende / untere Linie = Nicht-Meditierende Kontrollgruppe3

Die Aufwärtsspirale zu guter Gesundheit und längerem Leben

Kok unterstreicht, dass eine Aufwärtsspirale bezüglich eines verbesserten Tonus des Vagusnervs ingang gesetzt werden könne durch eine Kombination von

  • Meditationstraining, welches positive Emotionen und ein gelingendes zwischenmenschliches Miteinander fördert,
  • einem tragenden sozialen Netz, das positive Erlebnisse und Emotionen unterstützt und
  • einem gesunden Lebensstil, d. h. mit gesunder Ernährung und ausreichend Bewegung/Sport und Reduktion von Tabak, Alkohol und Übergewicht.

All dies in Kombination und Wechselwirkung führe zu guter Gesundheit und einem längeren Leben.

Wichtig scheint mir anzumerken, dass dies eine Idealvorstellung ist. Nicht alle Menschen haben per se über Meditation einen einfachen Zugang zu Emotionen wie liebender Güte (Metta), Wohlwollen und Mitgefühl. Menschen, die solche Gefühle in ihrer Biographie nie erlebt haben wissen oft nicht, wie sich sowas überhaupt anfühlt oder wie sie dahin kommen könnten, solche Gefühle zu empfinden. Menschen mit Depressionen oder einem starken inneren Killer-Kritiker beispielsweise, haben oft keinen Zugang zu solchen Gefühlen und können beim Versuch, sich in der Metta-Meditation auf liebende Güte auszurichten scheitern und ihr Scheitern erneut als Bestätigung bisheriger Erlebnisse erleben, die sie zum wiederholten Male machen. Daher bedarf es einer kundigen Führung und allenfalls einer therapeutischen Begleitung.

Analoges gilt für tragende soziale Beziehungen mit positiven Emotionen sowie einen gesunden Lebensstil. In Beziehungen erleben sich Menschen meist ambi- und multivalent und ebenso in Bezug zur eigenen körperlichen Gesundheit. Metta-Meditation und andere Meditationsformen in Begleitung von Innerer Friedenskonferenz, Coaching oder Therapie kann hier Möglichkeiten eröffnen, solche Idealvorstellungen passend für den jeweiligen Menschen umzusetzen.

(c) Peter Widmer

Show 3 Footnotes

  1. Brantley and Barbara L. Fredrickson Bethany E. Kok, Kimberly A. Coffey, Michael A. Cohn, Lahnna I. Catalino, Tanya Vacharkulksemsuk, Sara B. Algoe, Mary: Upward Spiral Between Positive Emotions and Vagal Tone How Positive Emotions Build Physical Health: Perceived Positive Social Connections Account for the Upward Spiral Between Positive Emotions and Vagal Ton, in: Psychological Science, 2013 24: 1123, DOI : 10.1177/095679761247082.
  2. Cohen, S., Alper, C. M., Doyle, W. J., Treanor, J. J., & Turner,  R. B. (2006): Positive emotional style predicts resistance to illness after experimental exposure to rhinovirus or Influenza A virus, in: Psychosomatic Medicine, 68, 809–815. Steptoe, A., O’Donnell, K., Badrick, E., Kumari, M., & Marmot, M. (2007). Neuroendocrine and inflammatory factors associated with positive affect in healthy men and women: The Whitehall II Study, in: American Journal of Epidemiology, 167, 96–102. Boehm, J. K., & Kubzansky, L. D. (2012). The heart’s content: The association between positive psychological well-being and cardiovascular health, in: Psychological Bulletin, 138, 655–691.
  3. Grafik Quelle: Ebd. S. 1128

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